Ueberspitzte Hoffnungen - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 30 / 51

Briefe

Ueberspitzte Hoffnungen
• aus DER SPIEGEL 35/1948
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Ueberspitzte Hoffnungen

Zu Ihrem Artikel »Eine Tür geht auf« ("Spiegel« Nr. 34) möchte ich, da ich die Verhältnisse im Ausland aus jahrelanger eigener Anschauung gut kenne, dringend vor Luftschlössern und überspitzten Hoffnungen Auswanderungsfreudiger warnen!

Es ist in den letzten drei Jahren des öfteren über Auswanderungsmöglichkeiten Deutscher berichtet worden. Wie Sie in Ihrem Artikel richtig sagen, werden hauptsächlich und bevorzugt Spezialisten gesucht.

Ich kann mir auch drei Jahre nach der Kapitulation nicht vorstellen, daß irgendein Land in Uebersee einen Deutschen mit offenen Armen empfangen würde - Einwanderer überhaupt - da diese Länder ihre eigenen Sorgen haben.

Es ist nicht nur so, daß diese deutschen Einwanderer bar jeden konsularischen Schutzes sind, sondern dazu den Dispositionen des Gastlandes, was den Arbeitseinsatz anbetrifft, ausgeliefert sind.

Es sind mir Fälle von deutschen Antifaschisten bekannt, die - bereits vor dem Krieg im Gastland ansässig - heute keinerlei Unterstützung erwarten können. Im Falle eines deutschen Arztes wurden ihm sogar die Medikamentenzuteilungen verweigert. In den meisten Ländern, auch in Australien, dürfen Deutsche keine leitende Posten einnehmen und müssen sich mit einem wöchentlichen Verdienstlimit von ca. 5 Sterling begnügen. In einem südamerikanischen Staat ist es Deutschen überhaupt verboten, einer Arbeit nachzugehen. Sie fallen den örtlichen charitativen Unternehmen zur Last und werden, falls sie nicht genug Beziehungen haben, abgeschoben.

Bad Godesberg

F. A. SEELER

Zur Ausgabe
Artikel 30 / 51