Übertriebene Generation - DER SPIEGEL
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GESELLSCHAFT / JUGEND Übertriebene Generation

Die Jugend ist ein Schauspiel, bei dem die Schauspieler nach dem letzten Akt In den Zuschauerraum hinuntersteigen und ihrerseits die Bühne betrachten. Robert Poulet, belgischer Schriftsteller ("Wider die Jugend"). Trau keinem über 301 Redensart amerikanischer Jugendlicher, 1967.
• aus DER SPIEGEL 41/1967
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Bobby Moses, 22, bärtiger und langlockiger Schlagzeuger der Beatband »Free Spirits« (Freie Geister), schlenderte durch die untere East Side von New York.

Ein Passant, um 40, korrekter Einreiher, weißes Hemd und Schlips, blieb stehen, starrte ihn an und raunzte: »In zwei Monaten bist du in Vietnam und wirst umgelegt.«

Moses: »Schauen Sie, der einzige Grund, warum Sie meckern, ist doch der, daß Sie alt sind und eher sterben werden als ich.«

Gelassen, selbstsicher, herablassend fast wie der junge Trommler in New York könnte in diesen Wochen auch

*Jugendliche in der Düsseldorfer Diskothek »Drugstore«.

ein Twen auf dem Jungfernstieg, ein Hippie im Haight-Ashbury-Distrikt von San Francisco, ein Mini-Mädchen in Londons Carnaby Street, ein Gammler in Kopenhagen oder Paris, ein Kommunarde auf dem Kurfürstendamm geantwortet haben.

Denn, die Gelassenheit, mit der Bobby Moses die Aggression des älteren Angepaßten im braven Bürgerhabit ablaufen ließ, ist der Habitus seiner Generation -- einer Jugend, die den Erwachsenen nicht mehr zu beneiden braucht, sondern sich von ihm (insgeheim auch unter Schmähungen) beneidet und bewundert weiß; die heute, wie kaum jemals, sich selbst zu genießen vermag und die jetzt, wie noch nie, die Szene beherrscht.

Zehntausende Hippies -- Amerikas exotenbunte und drogenfromme innere Emigration aus dem Mittelklassen-Way of life -- lagern sich zu »Loveins« und »Human Be-ins« in die großen Parks von San Francisco und New York, bewerfen Polizisten mit Blumen und fordern: »Macht Liebe, nicht Krieg!« Sie bemalen sich wie Indianer, preisen Buddha« gesellen sich in Kommunen und hören im LSD-Rausch die »Symphonie des Universums mit Gott als Solovokalist und dem Heiligen Geist am Schlagzeug« (Hippie-Experte Hunter 5. Thompson) -- und Marshall McLuhan« 58, Amerikas Denker der Stunde, preist sie als »Pioniere neuer Lebensweisen«.

Ein Kongreß von deutschen Schülern in Frankfurt (unter den Rednern: Peter Brandt, 19, Sohn des Außenministers> fordert die Einführung eines Spezialunterrichts über Verhütungsmittel, die Bereitstellung von Anti-Baby-Pillen für geschlechtsreife Schülerinnen und den »Abbau der Diskriminierung der sexuellen Betätigung von Schülern durch die Schulautorität« -- das Fernsehen ist zur Stelle, und der Philosoph Ernst Bloch, 82, sowie die IG Metall senden Grußbotschaften.

»Rolling Stones«-Vorsänger Mick Jagger, 23, wird wegen eines Vergehens gegen das britische Drogengesetz zu drei Monaten Gefängnis verurteilt -- und die »Times« steht ihm mit einem Leitartikel bei: »Es gibt viele Leute ... denen die anarchische Qualität der Rolling Stones mißfällt, die ihren Einfluß auf die Teenager mißbilligen ... Hätte Mr. Jagger dieselbe Behandlung erfahren, wenn er nicht eine Berühmtheit wäre, mit all dem Ressentiment belastet, das seine Berühmtheit provoziert?«

Die vom Auftritt der Jugend beherrschte Szene zeigt etwa,

> wie 13 000 Amsterdamer den Provo Bernard de Vries in den Stadtrat wählen und wie der Provo Roh Stolk diese Jugend-Bewegung auflöst:« Wir bekommen ein Image, das wollen wir verhindern«;

> wie Berlins Studenten explodieren und Bonns Regenten -- Kiesinger, Brandt, Strauß auf einen Schlag, und Mende noch dazu -- in den Hörsaal und vor die Fernsehkameras eilen, um sich dem jugendlichen Unbehagen flink zu stellen;

> wie fast 1000 Studenten der Staatsuniversität von Michigan mit einem »Kiss-in«, einem mehrstündigen Massenschmusen, gegen die Maßregelung eines Kommilitonen-Pärchens demonstrieren, das seinen Gutenachtkuß zu lange ausgedehnt hat;

> wie die Beatles, die dieser Jugend den Ton angaben, und wie Mary Quant, die nicht nur der Jugend den Rock kürzte, sich Multi-Millionen und den Orden vom Britischen Empire verdienen; wie »Swinging London«, Zentrum und Zeughaus einer juvenilen Sub- und Mod- und Beat- und Pop-Kultur, zu Her Majesty"s Swinging London arriviert (und schon degeneriert).

Das Schauspiel ist verwirrend. Mitwirkende sind eine konsumierende und eine demonstrierende, eine narzißtisch mit sich selbst beschäftigte und eine aktivistisch sich engagierende Jugend, Chelsea-girls und Rote Garden, Rudi Dutschke und Twiggy. Die Szene dröhnt vom »psychedelic sound« im Avalon-Tanzsaal zu San Francisco, wo sich Hippies zu Hunderten von elektrisch verstärktem Beat und bizarren Lichtspielen in Drogenrausch-ähnliche Euphorie versetzen lassen; und sie hallt wider vom Wort des Vorsitzenden Mao an Chinas fanatischen Nachwuchs: »Die Welt ist Euer, so gut wie unser. Aber genau gesehen ist sie Euer.«

Schockiert und fasziniert zugleich, starrt die ältere Welt auf das weltweite Happening Jugend. Sie wird nicht müde, es zu analysieren und zu interpretieren.

Für das amerikanische Nachrichtenmagazin »Time«, das die Jugend 1967 zum »Mann des Jahres« erhob, Ist dies »nicht einfach nur eine neue Generation, sondern eine neue Art von Generation«.

»Bewußte, tendenziös junge Menschen« mit einer »Eigenkultur, wie sie noch nie so weltumfassend in Erscheinung trat«, nennt sie der deutsche Philosoph und Soziologe Arnold Gehlen, 63.

Und die französische Zeitung »Le Figaro«, die selber eine ausgedehnte Jugend-Enquete veranstaltete, kam zu dem Schluß, die Jugend sei zu einer eigenständigen sozialen Kategorie »wie die Arbeiterklasse oder die Bauernschaft« ausgereift: »Vor dem Ersten Weltkrieg gab es »Jugend« nicht ... Es gab junge Leute ... Und das Vorbild blieb der Erwachsene. Heute ist es fast umgekehrt.«

Die Umkehr ist auffällig genug, wo Mütter sich modisch an ihren Töchtern orientieren und »Sergeant Peppers Lonely Hearts Club Band« auch Vätern den Marsch bläst; wo Kosmetik-Reklame ("Das Leben beginnt mit ...") das Altern als veraltet erscheinen läßt und wo der »junge Autor«, der »junge Politiker« auf Vorschußsympathie rechnen darf.

»Wir leben in einer Welt, die mehr und mehr auf Jugend setzt«, sagt der amerikanische Hochschul-Psychiater Professor Seymour L. Halleck und warnt die Erwachsenen: »In unserer Schwärmerei für die Jugend vergessen wir, daß es hauptsächlich ihre physischen Qualitäten sind, die Bewunderung verdienen, nicht ihre Weisheit.«

In dieser mit Diskotheken und Boutiquen schockfarben gesprenkelten Welt, der Jugendliche nicht mehr nur als unfertige Erwachsene, Erwachsene eher schon als verbrauchte Jugendliche gelten, reüssieren immer jüngere Junge.

Thomas Fritsch wurde zum Filmstar (in »Das schwarz-weiß-rote Himmelbett") mit 18 -- sein Vater Willy war fast 25, als er (in »Ein Walzertraum") berühmt wurde. Die Pop-Sänger der fünfziger Jahre dominierten als reifere Twens, wie Caterina Valente -- die der sechziger werden, wie die italienische Göre Rita Pavone oder das dänische Schulmädchen Gitte, schon in der Pubertät populär.

Das Londoner Photomodell Lesley Hornby, eine dünne Siebzehnjährige mit pubertärem Mini-Busen, steigt unter dem Backfischnamen Twiggy zum »ersten Kinderstar in der Geschichte der Mode« ("Newsweek") auf und drängt ihre 22jährige Kollegin Jean Shrimpton zum alten Eisen ab. New Yorks einst ruhig-elegante Kleiderläden der Fifth Avenue, berichtet die Illustrierte »Look«, »liegen auf den Knien, um die 16- bis 19jährigen anzulocken«. Steinzeitfern verstauben modische Leitbilder wie die »Dame« der »eleganten Welt«.

»Noch nie«, schwärmt die Mutter des Minirocks« Mary Quant, 33, »waren die Jungen so wie heute die Schrittmacher.«

Die Entwicklung zu einer immer mehr jugendorientierten Welt ist nicht erst von heute oder gestern. Sie kündigte sich vor rund 200 Jahren an.

Der Genfer Dichter und Denker ("Zurück zur Natur") Jean-Jacques Rousseau verkündete 1762 in seinem Buch »Emile oder Über die Erziehung« das Programm einer neuen Pädagogik: Der junge Mensch, von Natur aus unschuldig, werde durch die Gesellschaft nicht erzogen, sondern eher verbogen und verdorben; nicht die Übermittlung traditioneller Regeln, sondern die freie Entfaltung seiner Anlagen, eine Selbsterziehung durch das Gefühl sei ihm angemessen.

Rousseaus Botschaft vorn Selbstwert der Jugend und ihrem Recht auf Eigenleben fand ein epochales Echo. Im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts befreite sich eine Generation, die »von Jugend auf alles geschnürt und geziert« empfand (Goethe 1771), vom Zopf und Zeremoniell des Rokoko, ließ den Haaren und den Tränen ihren Lauf, öffnete den Schillerkragen und das Herz.

Ein junger Rousseau-Jünger aus der Schweiz, Christoph Kaufmann, wanderte mit wehender Mähne und aufgeknöpftem Hemd, Vorläufer aller Gammler und Hippies, durch Europa, wurde von der literarischen Jugend zum Idol erhoben und vom Establishment zu Tisch gebeten. Er taufte das Theaterstück »Der Wirrwarr« des jungen Friedrich Maximilian Klinger in »Sturm und Drang« um und gab damit nicht nur der zornigen jungen Literatur seiner Zeit, sondern allem jugendlichen Brodeln ein für allemal den Namen.

Erstmals wurde damals, wie der Hamburger Jugend-Forscher Hans Heinrich Muchow dargestellt hat, die Figur des Jünglings zum »geheimen Leitbild der Zeit, ja, zum Prototyp des Mensch-Seins überhaupt«.

Was mit Rousseau, dem »Sturm und Drang« und der Romantik begann -- die Erhebung des Jugendlichen zu einer Figur eigener und womöglich vorbildlicher Fasson -, das setzte sich im anti-bürgerlichen, natur- und volksschwärmerischen Aufbruch der »Jugendbewegung« und ihres »Wandervogel« um 1900 fort (und wurde in den totalitären Jugendorganisationen vom Schlag der HJ mißbraucht).

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat sich die Jugend-Erhebung schließlich zu jenem Phänomen ausgewachsen, das der Soziologe Friedrich Tenbruck schon 1962 als einen »Puerilismus« der Gesamtgesellschaft registrierte: »Umgang, Vergnügen, Lektüre, Freizeit, Moral, Sprache, Sitten der Erwachsenen weisen zunehmend jugendliche Züge auf.«

Rousseau hatte ideologisch vorgearbeitet. Materiell wurde die Emanzipation der Jugend durch die Industrialisierung des 19. Jahrhunderts gefördert: Als von den Fabriken gebrauchte und entlohnte Arbeitskräfte gewannen die Jugendlichen erstmals auch ökonomisch größeres Gewicht.

Die Verlängerung der Ausbildungszeit und das Anwachsen der Zahl länger lernender und studierender Jugendlicher sowie die biologische Akzeleration (der frühere Beginn der Pubertät) haben im 20. Jahrhundert die Jugend schon numerisch verstärkt.

»Nehmen wir an«, schreibt der Sorbonne-Professor Pierre Bertaux, »daß in unseren westlichen Gesellschaften vor ungefähr einem halben Jahrhundert die Jünglingszeit bei einem durchschnittlichen Alter von fünfzehn Jahren begann und mit zwanzig endete, dann umfaßte sie fünf Jahrgänge zur gleichen Zeit. Wenn sie heute mit dreizehn beginnt und vielleicht mit dreiundzwanzig endet, »umfaßt sie bereits zehn Jahrgänge auf einmal, das heißt, die »Jugend« hat sich im Verhältnis zu der übrigen Bevölkerung verdoppelt, insofern man nur diesen Faktor berücksichtigt*.«

Doch es ist noch ein anderer Faktor zu beachten: die Bevölkerungsexplosion in großen Teilen der Welt. In Amerika, in der Sowjet-Union, in Kanada stellen die Jahrgänge unter 25 heute schon die Hälfte der Bevölkerung. 1980, so sagen Demographen voraus, wird jeder zweite Erdbewohner unter 22 sein.

Aber auch in Ländern mit geringerem und gedrosseltem Zuwachs, wie denen Alt-Europas, darf sich die Jugend von heute schon heute stark fühlen: Ihre Freizügigkeit und ihre Finanzkraft waren noch nie so groß.

Diese »Kinder von Karl Marx und Coca-Cola« (Filmregisseur Jean-Luc Godard) prosperieren in der Wohlstands- und Wohlfahrtsgesellschaft,

* Pierre Bertaux: »Mutation der Menschheit«. Scherz Verlag, München; 208 Seiten; 18 Mark.

die sie mit Milliarden an frei verfügbaren Lohn- und Taschengeldern versieht und als konsumfreudige »junge Verbraucher« umschmeichelt.

Sie profitieren von der Willfährigkeit einer Eltern-Generation, die ihrerseits schon freisinniger erzogen wurde, die die liberalisierenden Erkenntnisse der modernen Jugendpsychologie und Pädagogik weitgehend akzeptiert hat und der im übrigen -- nach den ideologischen und materiellen Zusammenbrüchen, in die sie verwickelt war -- die zu einer autoritären Erzieherhaltung nötige Selbstgewißheit abhanden gekommen ist,

Willy Brandt, vor dem politischen Ärger gewarnt, der ihm aus der Mitwirkung seiner linksabweichenden Söhne Peter und Lars in dem Graß-Film »Katz und Maus« erwachsen könne: »Ich kann es ihnen nicht verbieten.« Sohn Lars, 16, vom Vater auf Staatsvisite nach Rumänien mitgenommen: »Ich habe dem Peter gesagt, der Vati ist doch immer so großzügig und tolerant zu uns, da dürfen wir ihm doch nicht dauernd Schwierigkeiten machen.«

Jährlich 23,8 Milliarden Mark haben Westdeutschlands 8,6 Millionen Jugendliche im Alter von 14 bis 24 Jahren nach neuesten Erhebungen zur persönlichen Verfügung. Fast jeder fünfte besitzt bereits ein eigenes Auto, jeder vierte ein Tonbandgerät, mehr als 50 Prozent besitzen Plattenspieler und Radio.

Sie geben über 600 Millionen Mark pro Jahr für Kosmetikartikel aus, rund 300 Millionen für alkoholfreie Getränke, mehr als 70 Millionen für Photo- und Filmmaterialien. Die Schallplattenindustrie, von deren Produktion

* Im Film »Katz und Maus«.

(Jahresumsatz: 400 Millionen) nur 20 Prozent auf ernste Musik entfallen, floriert vor allem durch die juvenile Beat- und Schlagersucht.

Das meiste Geld jedoch investieren (auch) die Jung-Deutschen in ihren modischen Habitus: 4,8 Milliarden Mark wenden sie jährlich für Bekleidung auf.

Die Branche weiß es zu schätzen und hat die Konsequenzen gezogen: 1967 sind der modewilligen Jugend der Bundesrepublik nicht nur in fast jeder größeren Stadt mehrere Läden im Stil der Chelsea- und Carnaby-Shops erstanden -- der »Fun Look«, die papageienbunte Spaß- und Schock-Mode, made in London, hat auch die Kaufhäuser und den Versandhandel erfaßt.

Statt der traditionellen Titeldame im maßvoll-flotten Mutti-Look setzte Großversender Josef Neckermann in diesem Sommer erstmals zwei hüpfende Teenager in beatgrünem Hosendreß und orangefarbenem Minirock auf das Deckblatt seines Warenkatalogs. 40 Prozent von Neckermanns Bekleidungs-Sortiment sind dem betont jugendlichen Stil gewidmet; im Vorjahr waren es nur zehn Prozent. Der Erfolg, so Neckermann-Sprecher Euler, ist »überwältigend«.

Heinz Breuninger, Chef eines großen Stuttgarter Textil-Kaufhauses, räumte dem Londoner Jungherren-Schneider John Stephen, der die Beatles anzog, einen Platz für dessen taillierte Cordsamt-Kreationen ein und dekorierte eine Sonderabteilung im gedämpften Beat-Stil. 14,5 Millionen Mark tragen die Teens und Twens aus Stuttgart und Umgebung jährlich in Breuningers Kassen. Manche allerdings, berichtet Werbechef Zerrmann, »kommen nur, werfen die Musik-Box an und machen ihre Schularbeiten«. Doch die Direktion duldet auch sie -- als »Kunden von morgen«.

Die Kölner Kaufhof-Zentrale errichtete zu Anfang dieses Jahres auf unbebautem Kaufhof-Gelände einen Carnaby-Pavillon mit Cola-Bar und Beat-Berieselung, vornehmlich zwecks Publicity -- doch »statt Show«, so Chefeinkäufer Marquardt, »wurde er ein Geschäft«.

Carnaby-Imitationen wurden in 22 der 47 Kaufhof-Häuser installiert, und sie zogen nicht nur Junior-Kundschaft an. Marquardt: »Vormittags kommen die Teenager-Mütter und kaufen für sich etwas, auch die Väter kommen und kaufen«; die Kleidergrößen sind bis zur properen 42er Figur, die Anzugsgrößen »bis vor die dicken Bäuche« (Marquardt) sortiert.

Was den Kaufhof-Filialen ihr »Beat-Shop"« das wurde den Hettlage-Häusern die »Twen-Boutique"« den Karstadt-Burgen das »Junge Mode«-Séparée und den C. & A.-Hallen der »Twen-Shop«. Denn branchenbreit setzte sich die Erkenntnis durch, die Neckermann-Sprecher Euler so formulierte: »Die jungen Leute geben ihr Geld leichter aus als unsere konventionelle Kundschaft, und sie bestimmen heute selbst, was sie anziehen und kaufen wollen. Die Zeit, da Mutti einfach mitbestellte, ist vorbei.«

Mutti und Paps, Daddy und Mom sehen es mit gemischten Gefühlen. Die jungen Leute leben eben, erklärt US-. Professor Halleck, »in einem Überfluß-Milieu, wie es wenige ihrer Eltern genießen konnten. Sie schwelgen in Freiheiten, wie sie viele ihrer Eltern niemals genießen werden. Da ist es für Erwachsene nicht leicht, ein Gefühl des Verdrusses zu unterdrücken«.

Auf die Frage »Was ist Ihrer Meinung nach heute für einen jungen Menschen wie Sie selbstverständlich?« -- gestellt in einer Repräsentativ-Erhebung über deutsche Jugendliche, die das Institut für Demoskopie Allensbach im Auftrag der Teenager-Zeitschrift »Bravo« durchführte -- antworteten die meisten, 75 Prozent: »Daß man über eigenes Geld verfügt.« 60 von 100 Befragten fanden es selbstverständlich, »daß man in seiner Freizeit tun und lassen kann, was man will«.

Die (bislang unveröffentlichte) Allensbach-Umfrage läßt allerdings auch erkennen, daß die große Mehrheit dieser Jugend, die manchen Zeitbetrachtern als hemmungslos hedonistisch (genußorientiert) erscheint, von den ihr verfügbaren Freiheiten und Finanzen einen durchaus nicht so schwelgerischen Gebrauch macht.

Von ihren knapp 24 Milliarden Mark im Jahr tragen Deutschlands 14- bis 24jährige etwa die Hälfte auf die Bank und in die Sparkasse. 72 Prozent der Jugendlichen sind der Überzeugung, es sei tunlich, »möglichst regelmäßig Geld für später zurückzulegen«.

Die von Soziologen des Deutschen Industrie-Institutes gestellte Frage »Was würden Sie tun, wenn Ihnen plötzlich 30000 Mark in den Schoß fielen?« beantworteten zwei Drittel eines repräsentativen Jugendlichen-Quer-

* Bei Peek und Cloppenburg in Hamburg.

schnitts mit »Sparen«. Aber auch zufällig ihnen zugefallene 1000 Mark wollten 36 Prozent aufs Konto, 18 Prozent »für Einrichtung, Aussteuer« zurücklegen. Einfach nur auf den Kopf hauen wollte keiner das Geld.

Unter den Freizeitbeschäftigungen dieser Jugendlichen rangiert nach dem Pop-Musik-Konsum aus Transistor-Radio, Plattenspieler und Bandgerät (70 Prozent) an zweiter Stelle (57) schon das häusliche Fernsehen -- weit vor »Beat-Keller besuchen« (21).

Und auf die Frage nach den erstrebenswerten Lebenszielen nennen die meisten, 70 Prozent: »Glücklich verheiratet sein, ein gutes Familienleben führen«. Eine »leitende Stellung« streben nur 25 Prozent an, ein »Leben, in dem ich etwas wagen muß«, wollen lediglich 21 vom Hundert riskieren. 57 Prozent der deutschen Jugendlichen hingegen favorisieren als Ziel ihres Strebens den »sorgenfreien Lebensabend«.

Es ist klar: Das Schauspiel der verpopten und provozierenden, der swingenden und gammelnden, der demonstrationswütigen und drogenseligen Jugend kann zu einer -- schockieren-. den oder faszinierenden -- optischen Täuschung verführen.

Jenes globale »Jugendbeben«, das die US-Zeitschrift »Look« in einer Sondernummer unter diesem Titel ("Youthquake") illustrierte, entspringt vor allem der Selbstdarstellung einer auffälligen Minderheit.

Die »übertriebene Generation« -- sich selbst übertreibend und von den Massenmedien übertrieben -- nennt sie der amerikanische Professor Clark Kerr, Ex-Präsident der Universität Berkeley, von der die studentische Protestbewegung der »Sit-ins« und »Go-ins« ausging, der auch Berlins FU-Revoluzzer ihre Methoden und ihren Marcuse verdanken.

Kerr, 1966 nach der Wahl des Rechts-Republikaners Reagan zum Gouverneur von Kalifornien als Berkeley-Präsident abgesetzt, zog kürzlich in der »New York Times« eine ernüchternde Bilanz: »Einige wenige äußerst auffällige Minderheiten ... haben für die Öffentlichkeit das Bild einer ganzen Generation geprägt. Die Kleidung war, manchmal, exotisch. Der Jargon war, ab und zu, geschmacklos. Die Sitten von einigen lagen, was Sex und Drogen betrifft, jenseits der etablierten Normen. Diese Charakteristika haben den Eindruck eines weitverbreiteten Bohemienismus geschaffen ...«

Die Mehrheit, in der Tat, ist halb so wild. Sogar im vietnamverstörten und sexaltierten Amerika, und nicht etwa nur im wohltemperierten Bonner Mutti-Staat.

Eine »gewisse Neutralität, um nicht zu sagen Banalität« der französischen Jugend las der Schriftsteller Pierre Gascar aus dem in diesem Jahr veröffentlichten Regierungs-Weißbuch über die Teens und Twens der Grande Nation heraus. Deren Mehrheit, so zeigte die Enquete und so glossierte Gascar, »hält den Wehrdienst für eine eminent heilsame und ertüchtigende Erfahrung«, wünscht sich vor allem »etwas so Unaggressives« wie einen Photoapparat, »brennt darauf, sich früh zu verheiraten« und »sitzt jeden Tag vor dem Fernsehschirm, wie der echte Durchschnittsfranzose«.

Englands Jugendliche sind in ihrer Mehrheit »vorsichtig, realistisch, nichtrebellisch und zahm«, erklärte der Soziologe und Pädagoge Frank Musgrove und zitierte aus den 90 Prozent elternhausfreundlichen Antworten, die er auf seine Jugend-Umfragen erhielt: »Zu Hause hat man immer Gelegenheit, sich vernünftig mit den Eltern zu unterhalten« (17jährige Briefträgerstochter).

»Die 16- bis 18jährigen von heute sind im Durchschnitt sehr viel reifer und verantwortungsbewußter, als es den Anschein hat«, konstatierte nach zweijährigen Untersuchungen im Juli dieses Jahres eine britische Experten-Kommission, forderte die Herabsetzung des Mündigkeitsalters von 21 auf 18 Jahre und erklärte: »Wir wehren uns dagegen, daß die Mehrheit unserer Jugendlichen benachteiligt wird, nur weil einige unreife Kinder mit ihren exzentrischen Auftritten den Blick der älteren Generation trüben.«

In der Wir-sind-wieder-wer-Bundesrepublik findet sich gar, hinter allem modisch-kecken Aufputz, »erstmals wieder eine (Jugend-)Generation« die als »völlig normal« zu bezeichnen man allen Grund hat« -- jedenfalls ist dies die Meinung des Meinungsforschers Viggo Graf Blücher, der die für das Bonner Familienministerium erstellte Emnid-Jugendumfrage von 1964 unter dem Buchtitel »Die Generation der Unbefangenen« ausgewertet hat*.

* Viggo Graf Blücher: »Die Generation der Unbefangenen«. Eugen Diederichs Verlag, Düsseldorf; 416 Seiten; 34 Mark.

Das Bild, das Blücher vom heutigen deutschen Nachwuchs zeichnet, hebt sich ab vom Konterfei jener »skeptischen Generation« erster Nachkriegsjugend, das der Soziologe Helmut Schelsky 1957 entwarf. Es gleicht im übrigen geschwisterlich den Jugend-Porträts, die aus der Allensbacher »Bravo«-Umfrage sowie aus einer (ebenfalls noch unveröffentlichten) Teenager-Befragung hervorschauen, die 1966 von der Frankfurter Marktforschungs-Gesellschaft »Marplan« für den Werbekonzern McCann erarbeitet worden ist.

Hier wie da gilt: »Von der »Ohne-mich-Haltung« der »skeptischen« Generation ist wenig übriggeblieben ... Anpassung ist das dominante Verhaltensmuster« (Blücher).

87 Prozent der Marplan-Teenager finden es »bei uns zu Hause sehr gemütlich«. 33 Prozent der Emnid-Jugendlichen, erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg wieder die stärkste Gruppe, benennen als Person ihres Vertrauens »die Eltern« -- 1955 waren es nur 18 Prozent.

Fast drei Viertel dieser Jugendlichen wollen ihre Kinder dereinst nicht anders erziehen, als sie selbst erzogen worden sind. 61 Prozent wollen vor allem dafür sorgen, daß ihre Sprößlinge in Schule und Beruf »gut vorwärtskommen«, 44 vom Hundert, daß sie »den Eltern keine Schande machen« und nur 20 Prozent, die wenigsten, daß sie »so schnell wie möglich selbständig werden«.

Die große Mehrheit der Jugendlichen ist mit ihrem gewählten Beruf und ihrer Arbeit zufrieden. Sie nominieren Fleiß, Ehrlichkeit und Höflichkeit als lebenswichtigste Eigenschaften. (Schon an sechster Stelle der bis 21 reichenden Werte-Skala steht Sauberkeit.) Sie wünschen einen »möglichst nahtlosen Übergang von der Geborgenheit im Elternhaus zu der Geborgenheit im eigenen Heim« (Marplan) und haben, wie die Hamburger Gesellschaft für Marktforschung herausfand, »trotz zweier Weltkriege und zerstörter Städte die traditionelle Aussteuerkiste ihr Comeback feiern« lassen.

Kein Wunder, daß sich diese unauffälligeren jungen Angepaßten von den auffälligen, sich der Anpassung widersetzenden Minderheiten ihrer Generation distanzieren. Gammler und Hippies, Provos und Protestierer sind ihnen zu schmutzig und zu faul, zu negativ und zu radikal.

Diese bekommen allenfalls Zuzug von Mitläufern, die auch einmal ein wenig Krawall genießen, ein bißchen, Marihuana naschen und wenigstens am Wochenende etwas gammeln wollen; montags hängen sie die pittoreske Zottelperücke wieder in den Schrank.

Die Braven, die in der Majorität sind, empfinden sich auch nicht so sehr als die »tendenziös jungen Menschen« Arnold Gehlens. Eher erkennen sie sich im Bild des adretten »jungen Erwachsenen«, dem Leitbild der Konsumgüter-Werbung für die gesamte Verbraucherschaft. Sie werfen keine Tomaten auf den Schah, und sie schlucken kein LSD -- sie spielen die Gitte-Platte »Ich mach« Protest«, deren Rückseite den Schlager »Streit muß nicht sein« darbietet, und verhelfen »Bravo« (Druckauflage: 921 000) zum Erfolg.

»Sauber im Aussehen, sauber im Text und auch nicht gammlig in der Weltanschauung«, so definierte einmal der Chefredakteur des Teenager-Magazins »Musikparade"« Dieter Liffers, 31, den Stil seines Blattes, das brav wie »Bravo« war. Liffers verriet: »Sämtliche Titel mit sauberen, gepflegten Gesichtern, zum Beispiel Freddy Quinn, Paul McCartney, Udo Jürgens und Thomas Fritsch, gingen ins Plus. Titel, die ausgesprochen unsaubere Gesichter, Pickel, Pusteln, Bartstoppel zeigten, gingen ins Minus.«

Und doch, es ist eben nicht diese sauber sich anpassende Mehrheit, sondern es sind die statistisch irrelevanten »Randphänomene« und »Marginal-Erscheinungen« (wie Demoskopen die auffälligen Minoritäten nennen), die den Erwachsenen Anlaß zur Beunruhigung und zur Bewunderung geben -- begründeten Anlaß.

Die aktivistische Minderheit der Studenten, von Berkeley bis Berlin, mag am Ende die bestehende Gesellschaftsordnung nicht umstürzen, aber sie hat diese Gesellschaft schon jetzt um den Schlaf des Selbstgerechten gebracht. Im Universitäts-System wird ihre Aktivität Reformen erzwingen oder beschleunigen. In West-Berlin trug sie zum Albertz-Abgang bei.

Die unaggressive Minderheitsbewegung der Hippies, die jetzt von Amerika nach Europa überzugreifen beginnt, betreibt weniger Gesellschaftskritik als Gesellschaftsflucht. Aber der Habitus dieser Romantiker des Drogenrausches und der gewaltlosen »Blumenmacht« (Flower Power), soviel an kurzlebiger Karnevalistik davon auch abzuziehen ist, stellt die leistungs- und prestige-orientierte Welt der Älteren allein mit· der sanften Gewalt des Gegenbeispiels in Frage.

Sie verwerfen die Lebensart ihrer Eltern, wie der heilige Franziskus die jenes reichen Stoffhändlers in Assisi verwarf, der sein Vater war«, lobt der englische Historiker Arnold J. Toynbee, 78.

Ein Hippie in San Francisco verstörte erwachsene Touristen, die das Haight-Ashbury-Viertel aus einem Autobus heraus besichtigten, indem er neben dem Bus herlief und den Neugierigen einen großen Spiegel vorhielt.

Und die »Leaves« (Blätter), eine der nicht mehr zu zählenden Beat-Grup-

* Deutscher Film »Mädchen, Mädchen«.

pen, die im Gefolge John Lennons die Pop-Musik auf ein ungewohntes lyrisches Niveau hinaufgetextet haben, singen es den Vätern ins Gesicht: »Das letzte, was ich tun werde, um zu zeigen, daß ich ein Mann bin wie du, ist arbeiten von neun bis fünf, nur um zu beweisen, daß man am Leben ist ...«

Nicht wenige Väter sind geneigt, sich die Botschaft zu Herzen zu nehmen, ihre Lebensweise als karriere- und konsumverkrüppelt zu empfinden und in der Selbstdarstellung dieser Jugend Modelle eines entspannteren und genußvolleren« eines menschlicheren und möglicherweise sogar gesunderen Way of life zu entdecken.

»Wir dürfen voraussagen«, prophezeit Amerikas Pop-Philosoph McLuhan über die Zukunft der Hippie-Jugendlichen, »daß unter ihnen die Zahl der Magengeschwüre zurückgehen wird.«

Die euphorische Friedfertigkeit der Hippies wie die gleichmütige Passivität der Gammler sind für die Gesellschaft der Karrieristen und Konsumenten im Grunde verwirrender als die Aggressionen der ersten auffälligen Jugendbewegung der Nachkriegszeit, jener Internationale der Halbstarken, »Rockers« und »Blousons noirs"« die in den fünfziger Jahren und bis in die sechziger hinein den Mißton angab.

Die Lederjacken- und Motorrad-Rowdys störten und verletzten die Ordnung der Älteren, aber sie stellten sie nicht grundsätzlich in Frage. Das Idol dieser Jugend, James Dean, dem sie die mißmutige Trotzgebärde und die Blue jeans absah, war in dem Film »... denn sie wissen nicht, was sie tun« (1955) nichts anderes als ein »Junge, der Mann sein will, und zwar schnell« (so sein Regisseur Nicholas Ray).

James Dean ist seit zwölf Jahren tot. Der Hippie des Jahres 1967, der vom Marihuana erleuchtete Jugendliche der »Drogen-Generation«, sieht keinen Grund, warum er so schnell wie möglich das werden soll, was der (von ihm so genannten) »Alkohol-Generation« als Mann gilt. Er attackiert sie nicht, er ignoriert oder ironisiert sie. Und das irritiert sie noch mehr.

Noch irritierender für die Älteren, ein Urquell aller Jugendverteufelung und -vergötzung, ist jedoch der Gebrauch, den die Jüngeren vom Sex machen -- oder doch die Vorstellung, die sich die Älteren von diesem Gebrauch machen.

Der Gebrauch, das steht fest, vollzieht sich freier und früher. »Die Jugend«, sagt Mick Jagger, der es wissen müßte, »hat sich emanzipiert, und die Mädchen sind ebenso emanzipiert wie die Jungen.« In vielen amerikanischen und auch schon einigen deutschen Städten wurden bereits spezielle Schulklassen für schwangere Schülerinnen eingerichtet. Und auch deutsche Demoskopen stellen fest, daß die sexuellen Verhaltensweisen der Jugendlichen heute »großzügiger und freier als« die ihrer Elterngeneration sind« (Marplan-Enquete); rund zwei Drittel bejahen den vorehelichen Geschlechtsverkehr, Jungfräulichkeit gilt nicht mehr als ethischer Wert.

Die Vorstellungen aber, die Erwachsene über das süße Leben und promiskuitäre Lieben der Jugend hegen, sind vielfach mehr Wunschprojektionen einer Altersklasse, die ihrerseits der Jugend oft lächerlich übersext erscheint. Erhitzt von Zeitungsnachrichten über Teenager-Orgien, von Illustrierten-Reportagen der Tonart »Wehe, wenn sie losgelassen« ("Stern«-Bericht über Englands Jugend) und von immer neuen Wellen filmischer Nachwuchs-Libertinage im »Mädchen, Mädchen«-Stil, beutet diese alternde Generation die Jugend als Voyeur-Objekt aus.

Die Jugend, wohl früher und freier und weniger nach romantischen Mustern hebend, aber durchaus auch auf frühe Bindungen sowie partnerschaftliche Fairneß bedacht und nach wie vor überwiegend monogam, stellt ihr Verhältnis zur Sexualität eher entspannt und gelassen dar.

Viggo Graf Blücher bedauert, daß die Emnid-Demoskopen bei der Befragung von Deutschlands »unbefangener« Generation »viel zu zaghaft« an das Thema Sex herangegangen seien: Zu spät merkten sie, daß es »in der modernen Jugend nicht mehr tabuiert ist« und zumindest frank und gern beredet wird.

Sie reden darüber wie die Frankfurter Primanerin Christa Appel, 17, Redakteurin der Schülerzeitung »Gazette Bienenkorb"« die an 750 Mitschülerinnen und -schüler einen Sex-Fragebogen verteilte: »Manche unserer Mädchen scheinen ein paar kleine Zärtlichkeiten, ein paar Küsse schon für das große intime Erlebnis zu halten. Und da gibt es viele, die rechnen auch Petting zum Intimverkehr.«

Oder sie proklamieren sogar wie jene 19jährige amerikanische Studentin der University of Minnesota« die der »Playboy« jüngst zitierte: »Geschlechtsverkehr ist eine Form zwischenmenschlicher Kommunikation, die, angesichts der Verfügbarkeit empfängnisverhütender Pillen, nicht stärker reguliert werden sollte als jede andere Form der Kommunikation, wie etwa Miteinandersprechen, Tanzen oder Händchenhalten.«

Doch trotz solcher Manifeste will der amerikanische Arzt Dr. George E Beckerman die Sex-Sitten heutiger Jugend lieber »experimentell« nennen als sie unter dem Stichwort »Promiskuität« einordnen. Das Ärzte-Organ »Medical World News« gab Beckermans Vermutung wieder, daß der freiere Sex die Jugendlichen am Ende zu besseren Ehepartnern erziehen werde.

»Sex wird sekundär für die Jugend«, so diagnostiziert wiederum Marshall McLuhan »Er ist da, wenn man ihn braucht, also muß man nicht mehr so schrecklich hinterhersein.« Die kontaktlosen Tänze sowie die Angleichung männlicher und weiblicher Kleidung und Haartracht zur Unisexform scheinen dasselbe anzudeuten. McLuhan: »Im selben Maße, wie Sex verfügbar wird, kühlt er sich ab.«

Ein Trost ist das für die Älteren kaum. Wie es schließlich kein Trost für sie ist, wenn Jugend, statt gegen die Väter zu rebellieren, ihnen den Rücken zukehrt -- mit jener Gelassenheit, die Arnold Gehlen als »diskrete Form der elastischen Selbstverteidigung« definiert, »bis hin zur schonenden Rücksicht: »Der kann ja nicht mehr anders

Irritierender als alle Bizarrerie« mit der die Jugend sich heute in Szene setzt, ist die Gelassenheit, mit der sie von ihr Besitz ergreift. Sie weiß, daß sie sich nicht mehr, wie frühere Jugendgenerationen« lediglich auf das Leben vorbereitet -- sie lebt es schon.

Sie zeigt es auch und läßt auf diese Weise die Älteren den banalen biologischen Vorzug der Jugend doppelt fühlen: Sie ist nicht nur, wie immer und ewig, einfach jünger -- sie hat jetzt auch mehr davon.

Die es vor allem zu fühlen bekommen, neigen wohl auch am ehesten dazu, die Jugend zum Fetisch, zum Objekt des Neides, der Anbetung und der Übertreibung zu machen: die Noch-nicht-Alten unter den Nichtmehr-Jungen.

Die »jungen alten Männer in ihren Vierzigern« nannte sie ein Sechsunddreißigjähriger, der New Yorker Journalist Jimmy Breslin.

Und er sagte, was sie durchmachen: »Tag für Tag verlieren sie die Welt der jungen Mädchen, und sie versuchen, sich an ihr festzuklammern« mit ihren Blicken und mit ihren zweideutigen Witzen, und Tag für Tag verlieren sie ...«

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