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Polizei Uff'm Beritt

Ein neuer Typ von Polizist geht Streife in Berlin: halb Ordnungshüter, halb Lebenshelfer, stets zu Fuß und immer mit Visitenkarte.
• aus DER SPIEGEL 44/1973
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Zwischen Gedächtniskirche und Playboy-Club plauscht er mit Portiers und Bankkassierern, seine Visitenkarte hat er in der Sexfilmbar wie beim Herrenausstatter hinterlassen, er kümmert sich um Umweltschutz und Strich -- Berlins erster Bobby.

Die Dienstzeiten, die er in römischen Ziffern ins Revierbuch schreibt, bestimmt er selbst. Und auch die Arbeit, die er ausschließlich zu Fuß verrichtet, macht er sich allein, wie"s gerade so kommt. Und wenn er mit seinem Kollegen durch die nächtliche Grolmannstraße streift, dann spricht sich's herum vom »Barcelona« bis zum »Play in": »Achtung, se sind wieda uff'm Beritt.«

Die Funktion dieser Schupos per pedes, halb Ordnungshüter und halb Lebenshelfer, ein bißchen Bobby nach Londoner Vorbild, füllt noch keine Planstelle. Der eine, Polizeiobermeister Günter Künzel, 44, wie der andere, Polizeiobermeister Horst Müller, 44, waren einst Streifenfahrer und sind nun Testbeamte für eine neue Art von Bürger-Service: »G-.Mann« (0 für Geschäftsviertel) und »V-Mann« (V für Vergnügungsviertel) der Berliner Polizei.

Als »Kontaktbereichsbeamte«, so die Amtsbezeichnung, in Charlottenburg sollen sie für die gesamte Kommune erproben, ob man als einzelner in einem eng abgezirkelten Bereich die Sozialstruktur -- kennen, jede Veränderung bemerken und alles, was die Polizei sonst noch interessiert, im Auge haben kann. G-Mann Künzel wacht über ein Planquadrat mit 93 Grundstücken, 36 Lokalen, 20 Hotels und Pensionen, 111 Geschäften, 43 Betrieben, fünf Kinos, drei Theatern und sechs Geldinstituten -- alles in allem 1,4 Kilometer Straße, vier Karrees, in denen 1275 Bürger wohnen. Und V-Mann Müller hält Kontakt in einem Quartier mit 2167 Bewohnern, 44 Immobilienmaklern und sieben Spielkasinos.

Nach Charlottenburger Muster sollen demnächst noch weitere 720 Beamte zu Fuß in allen West-Berliner Vierteln versuchen, die Sicherheit für die Bevölkerung, so eine Arbeitsbeschreibung, »durch regelmäßige Präsenz zu steigern«. Der Berliner Polizeidirektor Günther Freund schwärmt bereits, »die Zeit des anonymen Polizeibeamten« sei vorbei, die »Negativ-Situation des Polizeibeamten von heute« passe.

Der neue Gendarm auf der Straße. dem das Minifunkgerät in der Westentasche piepst, macht das Kernstück einer umfangreichen Polizeireform aus, die Innensenator Kurt Neubauer nach Empfehlungen der Schweizer Unternehmensberatungsfirma Knight Wegenstein (Kosten: 400 000 Mark) der Stadt verschrieben hat (Kosten: 120 Millionen Mark) und die letzte Woche im Berliner Abgeordnetenhaus in erster Lesung beraten wurde.

Danach sollen in der Stadt mit der größten Polizeidichte der Welt (auf einen Schutzpolizisten kommen 150 Einwohner gegenüber etwa 285 in Hamburg) künftig 2000 Polizeibeamte aus Meldedienst und Verwaltung (Ausbildungskosten im Schnitt 50 000 Mark) Zug um Zug durch Angestellte ersetzt und wieder im Vollzugsdienst eingesetzt werden. Damit der schwerfällige Polizeiapparat effizienter und mobiler wird, ist geplant, Schupo- und Kripoführung zusammenzulegen und die herkömmlichen Reviere aufzulösen. An ihre Stelle treten 31 Großabschnitte mit 722 Kontaktbereichen.

Den Kontaktbereichsbeamten unter den 20000 West-Berliner Polizeiangehörigen kommt eine Schlüsselstellung in dem Reformvorhaben zu: Ständig präsent und ansprechbar, soll der G- oder V-Mann dazu beitragen, den schlechten Ruf loszuwerden, den sich die Stadtpolizei in Zeiten der Studentenunruhen verschafft hatte -- mit Visitenkarte. wie ein Handelsvertreter, und zu Fuß, wie einst der »bewährte alte Schutzmann um die Ecke«, den Berlins Polizeipräsident Hübner herbeibemüht.

Freilich, anders als der Schutzmann der Jahrhundertwende, dem der Polizeipräsident von Hinckeldey jährlich 300 Taler auszahlen ließ, damit er »aufs sorgfältigste darüber wache, daß keine Menschenansammlungen stattfinden und daß die Kutscher die Pferde nicht mißhandeln«, anders auch als die herkömmliche Fußstreife, deren Wirkungsbereich in der Regel laut Polizeigesetz »an der Baufluchtlinie« haltzumachen hat, soll sich der Kontaktbereichsbeamte als »verindividualisierte Polizei« präsentieren, »nicht mehr nur«, so Lothar Buchholz, Hauptkommissar und Reviervorsteher des Duos Künzel-Müller, »als Institution, als Apparat«.

Und da haben die beiden Test-Kontakter durchaus schon einschlägige intime Erfahrungen sammeln können: Ein Spielklub-Besitzer etwa verpfiff beim Bier die Konkurrenz -- da werde »schwarz gezockt«. Eine alte Dame bat die Beamten zu ihrem verstörten Untermieter -- der hatte Stunden zuvor eine Leiche im Grunewald entdeckt, aber die Alarmierung unterlassen. Und im Dienste eines Friseurs sind die beiden noch immer auf der Suche nach einer anonymen Tierfreundin, die dem Meister brieflich den Besuch von Rockern angedroht hatte, »weil die Polizei Sie ja doch nicht so schützen kann wie den Willy Brandt« -- der Haarkünstler hatte mehrfach Taubenfutter. das vor seinem Laden ausgestreut war, in den Gully gefegt.

Daß Belangloses dieser Art künftig den Kontaktbeamten den Blick fürs Wichtige versperren könnte, schließt die -vorläufige -- 15seitige Stellenbeschreibung zumindest nicht aus. Denn die Skala »eigenverantwortlicher Tätigkeit« in den geplanten Ein-Mann-Revieren erstreckt sich von der »Überwachung von Banken und Sparkassen an Gehaltszahltagen« bis zur »Überwachung öffentlichen Straßenlandes auf Schäden im Pflaster und in der Fahrbahndecke«; des Bobbys Kompetenz reicht gar bis zu »Hundebiß-Angelegenheiten« und der Mithilfe bei der amtlichen Vorführung Geschlechtskranker. Günter Brosius, Chef der Gewerkschaft der Polizei (GdP) in Berlin, spottet denn auch schon: »Wie kann der Bürger den Mann nur finden, wenn er ihn mal wirklich braucht.

Da manche Beamte so denken mögen wie ihr GdP-Vertreter, hat Berlins Polizeiführung ein Lockmittel bereitgelegt, um das rechte Interesse zu wecken: Nach einem Aufstiegslehrgang sollen Interessenten für die Tätigkeit im Kontaktbereich als gehobene Beamte auf die Straße -- im Range eines Kommissars. Für die Bürger aber heißen sie, wie die Boulevardpresse schon erkundete: »Adlerauge«, »Kontaktari«, »Bulli«, »Flipo« oder auch »Jandarm«.

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