Uhr mit Ohren - DER SPIEGEL
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Uhr mit Ohren

• aus DER SPIEGEL 3/2000
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Heute schon Dudelfunk gehört? Nein? Na ja, vielleicht doch: vorhin, im Taxi. Der Fahrer wäre sicher wie fast alle Kollegen schwer beleidigt, wenn man ihn bat, auf seine gemütliche Krachkulisse zu verzichten. Selbst beim Friseur scheint die akustische Umweltverschmutzung schon zum guten Ton zu gehören. Oder am Kiosktresen. Oder, oder. Hier rappt es, da röhrt es, dort fiedelt es, und überall geht bares Geld verloren. Denn könnten sich bloß ein paar Menschen merken, was für Invasionen ihre Gehörgänge den lieben langen Tag aushalten müssen, sie wären gemachte Leute: Zu gerne wüssten die Radiosender exakt, wer sie wie oft hört. Nur einmal im Jahr gab es bislang Zahlen darüber, und die wurden in sehr unpräzisen Telefonbefragungen ermittelt. Zweifelhaft wie die Quoten waren deshalb auch die Anteile der Sender an den Werbeeinnahmen. Doch nun wird sich bald alles ändern - dank einer Erfindung aus Bern, die sich als schmuckes Accessoire tarnt, doch im Innern hellwache Hochtechnologie birgt. Radiocontrol heißt das Ding, sieht aus wie eine Digitaluhr, ist aber ein Lauschangriff mit schweizerischer Präzision: Vier Sekunden pro Minute schneidet das »Ohr am Handgelenk« elektronisch mit, was um den Träger des Zeiteisens so alles tönt. Nach einer Woche muss der das kostbare Stück einliefern, und schon können die Quotenforscher dem hoch komprimiert gespeicherten Schallschwall auf die Minute genau entnehmen, welche Wellen wirklich wirken. Das klingt zwar so vertrackt wie ein eidgenössisches Einbürgerungsverfahren, aber es funktioniert. Demnächst werden in der Schweiz die ersten 600 repräsentativ auserwählten Träger der neuen Armband-Wanze ausschwärmen, und das ist nur der Anfang. Völker, hört die Signale: Wenn schon die diskreten Helvetier so genau der Frequenzwahl nachspionieren, welche Horchgeräte könnten dann bald in flacheren Landen zum Einsatz kommen? Vielleicht sollte man den nächsten Familienkrach lieber gleich als Hörspiel inszenieren.

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