Uhren und Vasen - DER SPIEGEL
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DDR Uhren und Vasen

Auf ihrem Parteitag versprach die SED den DDR-Bürgern Wachstum und Wohlstand für die achtziger Jahre. Doch das Programm ist kaum zu bezahlen.
• aus DER SPIEGEL 17/1981
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Aufmerksam verfolgte der oberste Genosse jeden Beitrag, mochte er noch so dröge sein. Er lachte über jeden müden Witz und war ergriffen, wenn die Delegierten stereotyp die Kampfkraft der Partei beschworen. Hatte ihm eine Rede besonders gefallen, nickte er dem Sprecher wohlwollend zu, als wollte er sagen: »Weiter so.«

SED-Generalsekretär Erich Honecker war auf dem X. Parteitag der Einheitssozialisten in Ost-Berlin sichtlich bemüht, jene optimistische Heiterkeit zu zeigen, die er seinem Volk für die nächsten Jahre verordnet hat.

Da paßte Düsteres nicht ins Bild. Ökonomische Probleme, Versorgungsmängel, Pfründenwirtschaft der Funktionäre kamen im fünfstündigen Rechenschaftsbericht des Parteichefs allenfalls am Rande vor. Es gebe, so Honecker S.27 beiläufig und vage, auch »unbefriedigende Dinge« -- zu unwichtig, um sich dabei länger aufzuhalten.

Dafür wurde der Generalsekretär nicht müde, den engen Kontakt zwischen Partei und Bürgern zu preisen: Die SED sei fest verbunden »mit dem ganzen Volk«, sie habe »vertrauensvolle Beziehungen zu den Massen«. Die 2678 Delegierten dankten mit Beifallsstürmen, von denen der westdeutsche SPD-Kanzler Helmut Schmidt auf Parteitagen nur träumen kann.

Nicht allen Genossen indes gefiel soviel heile Welt. »Er hätte«, nörgelte ein SED-Funktionär, »ruhig offener die Mißstände ansprechen sollen.« Es könne sich auf die Stimmung im Land nur positiv auswirken, wenn die DDR-Bürger das Gefühl bekämen, daß die Parteispitze ihre Sorgen ernst nimmt.

Doch Honeckers »hymnische Passagen« (ein Bonner Diplomat) scheinen der SED-Führung derzeit angebrachter als kritische Offenheit: Das Eigenlob soll den Ostdeutschen demonstrieren, daß es in der DDR -- im Gegensatz zum östlichen Nachbarstaat Polen -keinen Anlaß zur Unzufriedenheit gibt.

Zwar äußerten sich die SED-Führer über die heikle Lage beim sozialistischen Bruder zurückhaltend. Um so lauter tönten die Delegierten. Heinz Heimann, Erster Ofenmann im VEB-Rohrkombinat Stahl- und Walzwerk Riesa, kritisierte, daß Warschau nicht energischer gegen »antisozialistische Umtriebe« vorgehe. Heimann: »Dazu ist es doch allerhöchste Zeit.«

Die Furcht vor dem Polen-Bazillus bewog die SED auch, die Lage der eigenen Wirtschaft in Rosa zu malen. Dem Verleger seiner Memoiren, dem Briten Robert Maxwell, hatte Honecker noch im Februar erklärt, er betrachte es »nicht als Tragödie«, wenn die DDR-Wachstumsraten wegen der Krise auf dem Weltmarkt niedriger ausfallen würden als geplant.

Vor den Genossen aber verbreiteten die Parteiführer jetzt ungebrochene Zuversicht. Sie versprachen bis 1985 Wachstum in allen wichtigen Bereichen um jährlich fünf bis sechs Prozent -mehr, als die meisten Regierungen in Ost und West sich derzeit zutrauen.

Der Lebensstandard der Bürger, verhieß Ministerpräsident Willi Stoph, werde weiter steigen, die Versorgung mit Ersatzteilen und Konsumgütern verbessert. Die Preise für Grundnahrungsmittel, Wohnungen sowie Busse und Bahnen sollen niedrig bleiben wie bisher.

Selbst SED-Funktionäre halten solche Prognosen für unrealistisch. Sie vermuten, daß die Partei-Ökonomen, wie schon beim letzten Fünfjahrplan, ihre Oberen wieder nach unten korrigieren müssen.

Tatsächlich steht die DDR vor einer schwierigen Phase. In den nächsten Jahren wird sich wegen der geburtenschwachen Jahrgänge der Mangel an S.29 Arbeitskräften noch verschärfen. Außerdem fehlen der ostdeutschen Wirtschaft die polnischen Gastarbeiter, die im eigenen Land gebraucht werden.

Die Subventionslast im Staatshaushalt steigt ständig. Um die Verbraucherpreise stabil zu halten, muß Ost-Berlin in den nächsten fünf Jahren die Zuschüsse um 61 Milliarden auf 295 Milliarden Mark nach oben drücken.

Noch fataler wirkt sich die Abhängigkeit von den Rohstofflieferanten aus. Die DDR bezahlt immer mehr von ihren kostbaren Devisen für den Import von Energie -- zumal Polen die Steinkohlelieferungen gestoppt hat.

Obendrein wachsen die Verpflichtungen im sozialistischen Bündnis. 250 Millionen West-Mark pumpte die DDR in den letzten Monaten als Soforthilfe ins krisengeschüttelte Polen.

Die Sowjets verlangen von der Nationalen Volksarmee mehr Engagement. Allein für 1981 bekommt Verteidigungsminister Heinz Hoffmann über acht Prozent mehr für Rüstungsausgaben, insgesamt 10,2 Milliarden Ost-Mark.

Wie die SED ihr Wachstumsziel erreichen will, bleibt auch nach dem Parteitag ihr Geheimnis. Zwar soll die Industrie ihre Produktion enorm steigern, doch arbeiten die Betriebe dank veralteter Technologie und Ersatzteilmangel viel zu teuer.

Das SED-Rezept: Die Fabriken sollen Geld, Arbeitsplätze und Energie sparen, die Arbeiter mehr Schichten fahren, die Bürokraten effektiver verwalten. Investiert werden darf jedoch, so die Direktiven der SED zum neuen Fünfjahrplan, nur in Schwerpunktbranchen, etwa in der Mikro-Elektronik und bei der Automatisierung.

Um die neue Technologie bezahlen zu können, wollen die Ost-Planer vor allem den Handel mit dem westlichen Ausland verstärken. Die Qualität der DDR-Produkte, verlangte Stoph, müsse noch besser werden, damit die Exporte mit den westlichen Erzeugnissen konkurrieren können.

Auch diese Rechnung dürfte kaum aufgehen: Experten im Westen räumen den ostdeutschen Exporteuren nur geringe Chancen ein, sich in der weltweiten Konjunkturflaute auf den kapitalistischen Märkten auszubreiten. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin: »Schon die Aufrechterhaltung des bisherigen Volumens wird -- wenn überhaupt -- nur durch ins Gewicht fallende Preiszugeständnisse möglich sein.« Bereits jetzt haben sich die Ost-Berliner Planwirtschaftler mit rund zehn Milliarden Dollar im Westen verschuldet.

Die DDR-Bürger dürfte die SED-Führung denn auch mit ihren optimistischen Zukunftssprüchen kaum überzeugt haben. Denn aufschlußreicher als das Wachstums-Versprechen ist, daß die SED auf ihrem Konvent über soziale Verbesserungen kein Wort mehr verlor: Weitere Rentenerhöhungen und Arbeitszeitverkürzungen stehen nicht mehr zur Debatte.

Wenigstens ein paar Privilegierte durften sich an dem verheißenen Konsum der achtziger Jahre jetzt schon mal erfreuen: Die Delegierten des Parteitages erhielten als Geschenk eine Schreibmappe aus Leder, Digitaluhren Marke Ruhla, Taschenrechner, Cognac-Schwenker und Blumenvasen.

Das Parteivolk mußte sich mit Schalmeien und Treuegelöbnissen zur Partei begnügen. Aus dem ganzen Land rollten am Sonntag Tausende von FDJlern in Sonderzügen der DDR-Reichsbahn in die Hauptstadt, um auf dem Marx-Engels-Platz dem Genossen Erich in einer »Manifestation« zu huldigen.

Trotz perfekter Planung unterlief den Veranstaltern ein Mißgeschick. Forsch stimmte der kanadische Bänkelsänger Perry Friedman das Kampflied an: »Solidarität für immer, die Gewerkschaft macht uns stark.«

S.29Auf dem SED-Parteitag.*

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