Um die nackte Existenz - DER SPIEGEL
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POLEN / GOMULKA Um die nackte Existenz

• aus DER SPIEGEL 8/1957
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Alarmierende Depeschen der in Warschau akkreditierten ausländischen Missionschefs erreichten in den letzten Wochen die Außenministerien ihrer Heimatländer. Sie berichteten übereinstimmend von dem schier verzweifelten Kampf, den Polens Parteichef Wladyslaw Gomulka um Sein oder Nichtsein seines nationalkommunistischen Experiments führt.

»Der Vorschuß an Vertrauen, den das polnische Volk Gomulka in den Wahlen gegeben hat, reicht höchstens für sechs Monate!« Mit diesen Worten hatte ein hoher polnischer Parteifunktionär aus der engsten Umgebung Gomulkas ausländische Diplomaten aufgescheucht. »In diesen sechs Monaten muß er entweder eine entscheidende Änderung der katastrophalen Wirtschaftslage Polens herbeigeführt haben, oder sein ganzes Experiment wird schließlich scheitern.«

Der Warnruf des Polen elektrisierte auch den österreichischen Botschafter in Warschau, Stephan Verosta. »Schon wenige Tage nach dem Wahlsieg Gomulkas ist Polen zu einem Prüfstein für die Fähigkeit der freien Welt geworden, sich einer völlig neuen Situation in Osteuropa gewachsen zu zeigen«, schrieb er in einem Bericht an seine Regierung.

Die Fähigkeit der freien Welt, den Sinn der polnischen Eruption inmitten einer schon wieder erstarrten sowjetischen Welt zu verstehen, wird nun eine polnische Wirtschaftsdelegation erforschen, die in der letzten Woche zu einer hoffnungsreichen Erkundungsfahrt nach den Vereinigten Staaten aufgebrochen ist. Zur gleichen Zeit, da der Zloty abgewertet wird, soll die Delegation in Washington jene amerikanischen Kredite beschaffen, ohne die Gomulka an seiner größten Aufgabe, die ruinierte Wirtschaft Polens zu retten, scheitern könnte.

Allein Kredite des westlichen Auslandes könnten die polnische Wirtschaft, die durch Zwangskollektivierung und Überindustrialisierung bis auf ihr Knochengerüst abgemagert ist, zumindest mit neuen Muskeln ausstaffieren, wenn auch nicht mit Fett. Über zwei Milliarden Mark benötigt Gomulka, um sein wirtschaftliches Sofortprogramm verwirklichen zu können. Er muß

- den hoffnungslos veralteten polnischen Bergbau - Säule des polnischen Exports - modernisieren,

- die Landwirtschaft, die den polnischen Brotkorb nur noch zu einem Drittel selber füllt, mit Hilfe von Maschinen rationalisieren,

- Handel und Gewerbe - vom Stalinismus völlig zerstört - neu beleben und

- die galoppierende Inflation zügeln.

Schon in den letzten Oktobertagen des vergangenen Jahres, kurz nach seiner dramatischen Wahl zum Parteichef der polnischen KP, war Wladyslaw Gomulka an den Warschauer US - Botschafter Jacobs herangetreten und hatte angefragt, ob die

Vereinigten Staaten einem Polen, das weitgehend vom sowjetischen Einfluß befreit wäre, mit kräftigen Krediten unter die Arme greifen könnten.

Die freimütige Anfrage Gomulkas versetzte die amerikanische Regierung in beträchtliche Verlegenheit. Einerseits erkannte Washington zwar die einmalige Chance, durch eine Wirtschaftshilfe für Polen das Unabhängigkeits-Streben der osteuropäischen Satelliten gegenüber Moskau zu forcieren, andererseits aber legen amerikanische Gesetze einem Polen-Kredit schier unüberwindliche Hindernisse in den Weg.

Diese Gesetze verbieten nämlich der Regierung Amerikas, »unfreundliche Nationen« mit Krediten zu unterstützen, und unter »unfreundlichen Nationen« wollte der Gesetzgeber »jede Nation, die von einer durch die kommunistische Weltbewegung kontrollierten Regierung oder Organisation beherrscht wird«, verstanden wissen. Wollte man also Polen eine Wirtschaftshilfe zukommen lassen, so mußten die Boykott-Gesetze des amerikanischen Kongresses aufgehoben werden.

Diskrete Gespräche in Paris

Noch aber erschien der Regierung Eisenhower der Gomulka-Aufstand nicht überzeugend genug, um den Kongreß zur Annullierung jener Gesetze aufzufordern. So beschränkten sich Amerikas Außenpolitiker auf platonische Freundschaftsbeteuerungen an die polnische Adresse. Präsident Eisenhower erklärte, Polen und andere »freiheitsliebende« Völker Osteuropas würden von Amerika alles bekommen, »was sie benötigen und nutzbringend verwenden können«.

Inzwischen stand der rote Rebell im Kreml vor den Mächtigen der Sowjet-Union, die ihm prompt eine großzügige Wirtschaftshilfe für Polen zusagten. Nach seiner Rückkehr schützte Gomulka in seinen öffentlichen Reden vor, er zweifle an der Möglichkeit politisch ungebundener West-Kredite, pflegte jedoch im fernen Paris der sowjetischen Beobachtung entrückt - um so ungestörter die Kontakte mit den Amerikanern. Als die sowjetischen Warenlieferungen ausblieben, schickte Gomulka Mitte Dezember seinen Pariser Botschafter Gajewski zu dem amerikanischen Bankier Douglas Dillon, der die Vereinigten Staaten damals in Frankreich vertrat.

Botschafter Dillon ließ durchblicken, wie sich Washington die Gewährung einer amerikanischen Wirtschaftshilfe für Polen vorstellt. Um weder im amerikanischen Kongreß noch in der Sowjet-Union Widerstände gegen, die US-Hilfe zu provozieren, würden die Vereinigen Staaten im Falle einer Einigung Polen nicht direkt, sondern auf dem Umweg über dritte Staaten - etwa über Frankreich oder Italien - Wirtschaftshilfe gewähren.

Obwohl die Dillon-Gajewski-Verhandlungen mit peinlicher Diskretion geführt wurden, blieben sie den Sowjets- nicht verborgen. Als dann Polen während einer Ostblock-Tagung unter dem Vorsitz Chruschtschews, an der kein Vertreter Polens teilnahm, in die Feuerlinie der sowjetischen Kritik geriet, konterte Gomulka mit einem neuen Manöver. Er ließ mitteilen, Polen bewerbe sich um eine großzügige Wirtschaftshilfe Rotchinas.

Darauf hielt Washington offenbar den Zeitpunkt für gekommen, Gomulka grünes Licht für offizielle Verhandlungen zu geben. Der amerikanische Handelsminister gestattete Warschau, amerikanische Lebensmittelprodukte aus Überschußvorräten zu kaufen. Als Gomulka schließlich am 20. Januar an den polnischen Wahlurnen triumphierend siegte, forderte Washington die Polen auf, eine Verhandlungs-Delegation nach Amerika zu entsenden. Sollten diese Verhandlungen daran scheitern, daß der amerikanische Kongreß die Boykott - Gesetze gegen Osteuropa nicht annullieren will, so könnte der polnische Parteichef eine Anregung aufgreifen, die der österreichische Warschau - Botschafter Verosta in den letzten Januartagen seiner Regierung unterbreitete. Durch sie würde Polen auf sehr indirekte Weise doch noch in den Genuß einer amerikanischen Wirtschaftshilfe gelangen.

Verosta regte nämlich an, das um seine nackte Existenz ringende Polen solle eine »gesamteuropäische Anleihe mit amerikanischer Garantie« erhalten, an der auch die Bundesrepublik beteiligt werden soll. Verosta konnte inzwischen nach Wien melden, daß Frankreich und Italien sich bereits zu Kreditleistungen bereit erklärt haben.

US-Bankier Dillon

Der Vorschuß an Vertrauen ...

Österreichs Botschafter Verosta

... reicht nur für sechs Monate

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