Umfallen und Verrat - DER SPIEGEL
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ANARCHISTEN Umfallen und Verrat

Durch Kopfschuß endete in West-Berlin ein ehemaliger Anarchist -- vermutlich der erste Fememord im radikalen Lager.
• aus DER SPIEGEL 24/1974
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So wollen die Genossen mit ihm umgegangen sein, als er noch lebte.

Frage: »Du hast diese Organisation durch deine Aussagen belastet. Nenne uns deine Motivation.« Ulrich Schmücker: »Ich versuchte nur, aus der Ohnmacht im Knast herauszukommen.«

Vorhalt: »Durch deine Aussagen hast du die internationale revolutionäre Bewegung behindert.« Replik: »Ich weiß, mein Verhalten mußte als Umfallen und als Verrat erscheinen.«

Das Urteil des Anarchisten-Tribunals »Bewegung 2. Juni«, so die Selbstbezichtigung stimmt: Kopfschuß.

Die Hinrichtung geschah um Mitternacht von Dienstag zu Mittwoch vergangener Woche im West-Berliner Grunewald, Jagen 144, auf dem Trimm-Dich-Pfad »Läuferweg« unweit der Krummen Lanke.

Dort stieß gegen 0.30 Uhr eine Gruppe von GIs auf einen noch röchelnden Mann. Seine rechte Gesichtshälfte war blutverschmiert. Die Schläfe klaffte, die Schädeldecke war zertrümmert. Deutsche Polizei identifizierte: Ulrich Schmücker, 22, Sohn eines pensionierten Sportlehrers, Berliner Student der Geschichtswissenschaften und der Ethnologie, per Haftbefehl gesuchtes Ex-Mitglied der Anarcho-»Bewegung 2. Juni«.

Im Mai 1972 festgenommen, wurde Schmücker nach einem detaillierten Geständnis wegen Vorbereitung von Sprengstoff-Verbrechen und Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung zu zweieinhalb Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Doch danach setzten die Richter den Haftbefehl unter Meldeauflagen außer Vollzug. Der Verurteilte tauchte unter und wurde abermals zur Fahndung ausgeschrieben.

Ins Kriminelle verlief der Lehrer-Sohn sich gleichsam im Vorübergehen. Musisch begabt, auf der Gitarre konzertreif, wollte er eigentlich Pfarrer werden.

Doch während eines einjährigen Studienaufenthaltes als Austauschschüler in den USA (High-School-Abschluß mit Auszeichnung) sah sich der Primaner 1971 erstmals Rassenproblemen gegenüber und hörte von politischer Agitation. Später an der FU, Briefträger im Neben-Job, faszinierten dann die Parolen studentischer Rot-Zellisten. Über eine »Schwarze Hilfe«, die Strafgefangene betreute und auch Kontakt zu sogenannten politischen Untersuchungsgefangenen hielt, bekam er im Oktober 1971 mit Mitgliedern des »2. Juni« Verbindung. Es war jener einst rund 20 Mann starke Trupp, der sich nach den tödlichen Polizeikugeln auf Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967 mehr revoltierend als revolutionär im Untergrund betätigte.

Horst Mahlers verschlüsselte Agitationsschrift »Über den bewaffneten Kampf in Westeuropa« ließ den Verbiesterten dann, so diktierte er später dem Staatsanwalt ins Protokoll, über die Notwendigkeit gezielter Gewaltaktionen nachdenken, als Gegengewalt versteht sich.

Schmückers erste Großtat: Auf den U-Bahnhöfen Zwickauer Damm, Lipschitzallee und Johannisthaler Chaussee verstopfte er Geldeinwurfschlitze von Fahrscheinautomaten.

Allmählich gewann Schmücker schärferes Profil. Er gewährte Polit-Schränkern Unterschlupf und avancierte bald selbst zum Anschlag-Akteur. In einer »Antiamerikanischen Nacht« gegen USA-Angriffe in Vietnam streute er Natrium-Chlorid, Puderzucker mit Unkraut-Ex zum Sprengsatz gemixt, aus. Die Bombe, am US-Harnack-Haus niedergelegt, war ein Blindgänger. Beim gleichen Versuch unter der Freitreppe des türkischen Generalkonsulats in Charlottenburg blieb wie bei den Amerikanern alles ruhig.

Erfolg dagegen hatte Schmücker bei Kontakten zu arabischen Terroristen in der Bundesrepublik. Über einen arabischen Konfidenten schloß er einen regelrechten Vertrag: Waffen, Sprengstoff und Know-how von den Freischärlern gegen Bares. Die Beziehung brach allerdings jäh ab. Einmal nur tauschte Schmücker in einem Braunschweiger Studentenheim 5000 Mark plus 440 Mark Spesen gegen sechs Platten gepreßten Sprengstoff. Auf dem Weg zum Einsatz -- diesmal war die türkische Botschaft in Bonn anvisiert -- wurde sein Stoßtrupp (vier Mann) bei einer polizeilichen Routinekontrolle gefaßt.

Sein umfassendes Geständnis im Verfahren bewahrten den glücklosen Bombenjungen in der Verhandlung (Februar 1973) vor längerer Freiheitsstrafe -- doch nicht vor dem Schlimmsten.

Die Todesstrafe nach Fememord-Manier, vermutlich als abschreckende Warnung zwecks Zusammenhalt der aufgeriebenen Gruppe gemeint, zeigt zugleich das nahe Ende an. Nur zwei Männer und eine Frau von der einstigen Gruppen-Prominenz stehen noch zur Fahndung an: Peter Knoll, Michael Baumann und Inge Viett. Ihr einstiges Leitbild, Georg von Rauch, starb im Dezember 1971 in der Eisenacher Straße bei einem Show-down mit der Polizei.

Andere Gruppenmitglieder, Ralf Reinders, Ina Siepmann oder -- der später voll geständige -- Heinz Brockmann, wurden nach Raubzügen durch Berliner Banken (Beute: über 600 000 Mark) inhaftiert.

Und selbst der Baumann im Untergrund suchte im vergangenen Februar seinen Frieden zu machen. Er sprach mit dem SPIEGEL und appellierte an die Kumpane: »Schmeißt die Waffen weg.«

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