RUSSLAND Umtriebig im Schatten
Ein global Umtriebigerer ist noch immer schwer zu finden: Den Kindern dieser rauen Welt erzählt er auf einer Schallplatte von Peter und dem Wolf, zusammen mit Bill (Clinton) und Sophia (Loren). Für Erwachsene und die TV-Serie »Geheimnisse der Macht« befragt er rund um den Globus ehemalige und amtierende Kollegen, von Kohl bis Bush senior; nur der Papst mag nicht mitmachen.
Mit Schimon Peres fliegt er im Hubschrauber über die Golan-Höhen, zu Gerhard Schröder nach Berlin, um zum 140. SPD-Geburtstag zu gratulieren. In San Remo schmückt er das Schlager-Festival. Von El Paso besitzt er den Stadtschlüssel, von Dublin die Ehrenbürgerschaft, von Deutschland die Sonderstufe des Großkreuzes. Und findet daheim noch Zeit, den Brautführer für seine Enkelin Xenija zu geben.
Zur Vorstellung des zuletzt von ihm herausgegebenen Buches über Globales ist tout Moscou geladen. Aber nur wenige mögen sich blicken lassen. Und einen Moment lang mag es dem Geschnittenen vorkommen wie ein fröstelndes Déjà-vu jener ekligen neunziger Jahre, die er selten anders erinnert denn als Zeit »unschöner, schrecklicher, kleinlicher Rachsucht« des Boris Nikolajewitsch Jelzin.
Doch die Irritation währt nicht lange. Michail Gorbatschow, 72, auswärts beinahe so allgegenwärtig wie als junger Sowjet-Kaiser mit 54, ist heute für Russlands Staatstragende längst nicht mehr der Verräter und Verschleuderer des Reiches wie zu jener Zeit der Erniedrigung.
Jelzin sitzt als Altenteiler und Serenissimus seiner noch immer mächtigen Seilschaft auf einer komfortablen Staats-Datscha. Nachfolger Putin, um Balance im Transitbereich russischer Machtwechsel bemüht, hat Gorbatschow längst dieselbe Gunst einer Lehns-Immobilie gewährt - weit genug entfernt von der Bleibe des Erzfeindes.
Doch Rentnerdasein ohne aktives Präsidieren ist Gorbatschows Sache nicht. Präsident des ökologischen Clubs »Internationales Grünes Kreuz« ist er. Und natürlich Präsident seiner eigenen Stiftung, des »Gorbatschow-Fonds«.
Bei so viel Ämtern dringt den Russen nur gelegentlich ins Bewusstsein, dass der Friedensnobelpreisträger auch noch Respektsperson, gar »Leader« einer handlich kleinen sozialdemokratischen Partei ist. Doch jetzt, wo die Reklametrommeln für die Dezember-Wahl zur Staatsduma allmählich lauter werden, fragen sich viele: Wozu braucht er die eigentlich?
»Der ist jetzt Sozialdemokrat? Und fängt noch mal mit einer winzigen politischen Organisation ganz von unten an, wo er einst die größte der Welt unter sich hatte?« Alexej Alexejewitsch, der gleichaltrige Rentner aus Wologda, kann sich nicht genug wundern über seinen ehemaligen Staats- und Parteichef. Und als der politisch Totgesagte höchst lebendig auf der anderen Straßenseite in ein feines Automobil steigt, knurrt der klapprige Arbeiter-Veteran mit widerwilliger Anerkennung: »Kraft hat er, das muss man ihm lassen, und Mut.«
Nach Wologda hatte es Gorbatschow als UdSSR-Präsident nicht geschafft. Doch ganz, als wäre er es noch immer, darf er nun mit Polizeieskorte durch die Straßen jagen, von der Manufaktur der Spitzenklöpplerinnen zu den Malochern einer Autobusfabrik, von den angehenden Milchingenieuren zu den Pädagogikstudenten.
Der Gouverneur der Region, eine große Nummer bei der Kreml-Hofpartei »Einiges Russland«, freilich ist in wichtigeren Angelegenheiten unterwegs: Einem »Präsidenten der Sowjetunion«, den das Besuchsprogramm der örtlichen Sozis ohne ex und ehemalig ankündigt, mag der nicht begegnen. Und dem Patriarchen der Sozialdemokratie gleich gar nicht, der ausgerechnet hier mit seiner Partei »aus dem Schatten treten« möchte.
Womöglich eine Fehlkalkulation: Die Regionalorganisation der Sozialdemokraten hat vor der Visite das Volk von Wologda befragen lassen - zum Einfluss einzelner Landesväter auf die Geschicke der Nation. Da liegt der gegenwärtige Kreml-Hausherr Wladimir Putin mit 24,2 Prozent Zustimmung ganz vorn, gefolgt von Gorbatschow (12,5) und Stalin (11,9).
Um zum Helden unserer Zeit aufzuschließen, lobt Michail Gorbatschow »unseren jungen Präsidenten« Putin, wo immer er kann: »Energisch« sei der, gar »kühn« und doch »vorsichtig«, einer, der »den Menschen wieder Luft zum Atmen gibt«. Gehen ihm mal Nachfragen zu weit, bleibt ihm immer noch sein kategorischer Imperativ: »Putin ist ein guter Präsident - und ich bin der Einzige hier, der schon mal Präsident war und das beurteilen kann.«
Doch solches Abgleiten ins Autoritäre unterläuft ihm selten. Seine Markenzeichen sind Umgänglichkeit, Toleranz, Milde, Altersweisheit. Sitzt er im Kreis der Provinzhonoratioren, scheint es, als sei der bessere Teil der sowjetischen Monopolpartei wieder auferstanden.
Gorbatschow duzt die ehemaligen Genossen, ganz gleich, zu welchen neurussischen Würden sie es inzwischen gebracht haben. Ein Vize-Gouverneur leiert die landwirtschaftlichen Erfolge des Gebiets herunter. »Wie sieht es bei dir mit Schweinen aus?«, will der Besucher wissen - genau so, wie er wohl vor 24 Jahren als ZK-Sekretär für Landwirtschaft gefragt haben würde.
Eine Funktionärin gesteht, die Aufnahme in die KPdSU sei der »bewegendste Augenblick« ihres Lebens gewesen. Ein jüngerer Zeitungsmann hebt sein Glas stellvertretend für »die Kinder der Perestroika«, welche bei Gorbatschow »Offenheit und Verständnis für Andersdenkende« gelernt hätten.
Der große alte Mann hat über die Jahre zuhören gelernt, dem Volk aufs Maul, vielleicht sogar in die Seele zu schauen. Er sieht sich in einer langen Reihe aufrecht Gescheiterter, die vor ihm für eine gerechte, verlässliche Gewaltenteilung im Lande eintraten. Seit an Seit zum Beispiel mit dem unglücklichen Zaren Alexander II., den eine Bombe zerriss. Ihn aber traf ein härteres Urteil: Er muss, ein wenig verehrt, ein wenig gehasst, in der von ihm veränderten Welt weiterleben und das tun, was in Russland das Schwerste ist - Messlatten aufrichten für die sozialen Verwerfungen im Gefolge seiner Perestroika.
Das ist der Kern seiner unter kommunistischem Undercover gereiften sozialdemokratischen Gesinnung: eine Mitte zu finden für die Mehrheit des Volkes. Michail Gorbatschow ist der Mann des Kompromisses. Dieser Glaube kostete ihn vor zwölf Jahren die Führerschaft in der von ihm angezettelten Revolution, macht ihn jedoch heute als sozialdemokratischen Protagonisten in Europa glaubwürdig.
Politisch klug gesteht Michail Gorbatschow seinen Schuldanteil ein an jenen Verlusten, die bis heute schmerzen: dem Zusammenbruch der Union, dem Absturz von zwei Bevölkerungsdritteln auf einen Lebensstandard am oder gar unter dem Existenzminimum, dem Verfall sowjetischer Sozialleistungen wie kostenlose Bildung und Medizin. Und empfiehlt dann sich und seine 33 000 Sozialdemokraten im Lande, um alles wieder ins Lot zu bringen.
Rote Nelken und weiße Parteiausweise kann er in Wologda an drei Dutzend neue Genossen austeilen. Den örtlichen Aktivisten verhehlt er nicht, dass es in der erst vor einem Jahr offiziell registrierten Partei bereits zu heftigen Diskussionen gekommen ist, welche Haltung zu Putin den russischen Sozialdemokraten wohl gezieme.
Bislang konnte sich Gorbatschow mit seinem Schmusekurs durchsetzen. Doch mit Rücksicht auf die Minderheitsmeinung beginnt er nun, sachte Fragezeichen zu setzen: Putin fange an, »auf der Stelle zu treten«, sei von »den falschen Leuten umgeben«, müsse »aufpassen«.
Die vorsichtige Taktik gegenüber dem Kreml hat Gründe. Zwar vermögen laut einer neuen Studie 84 Prozent der russischen Bürger keine Verbesserungen seit Putins Amtsantritt zu entdecken. Doch zugleich verharrt die Pro-Putin-Stimmung wie festgenagelt bei 60 Prozent. Die Untersuchung hat unverdächtige Auftraggeber: deutsche Sozialdemokraten von der Friedrich-Ebert-Stiftung.
Grund Nummer zwei: Wladimir Putin, Meister politischer Finten, hält den Alt-Präsidenten durch widersprüchliche Aussagen erfolgreich in seinem Bannkreis. Als Gorbatschow einmal über die historische Katastrophe der russischen Sozialdemokraten dozierte, kam Putin unverblümt der Realität von heute ziemlich nahe: Eine sozialdemokratische Fraktion hätte er gern im Parlaments-Portefeuille seiner »gelenkten Demokratie« (Kreml-Jargon), nur leider kämen die Gorbatschowisten ja nicht über die Fünf-Prozent-Hürde.
Tatsächlich haben sozialdemokratische Splittergruppen vor ihrer Vereinigung unter Gorbatschow und dem Gouverneur Konstantin Titow aus Samara niemals auch nur das Komma überwinden können. Ein bei der Konkurrenz abgeworbener Deputierter sitzt für sie heute in der Duma; für eine eigene Sozi-Gruppe braucht es mindestens zwölf Mandate.
Hauptaufgabe der Kampagne, so ein enger Gorbatschow-Mitarbeiter, sei es, »die Partei überhaupt am Leben zu erhalten«. Die Chancen für einen ansehnlichen Wahlerfolg würden »vornehmlich dadurch bestimmt, ob die Kreml-Administration eine sozialdemokratische Partei für nützlich hält - oder nicht.«
Gegenwärtig wohl eher nicht. Denn das Hauptinteresse der Putinschen Polit-Strategen konzentriert sich darauf, der neuen Nomenklatura-Partei »Einiges Russland« alles einzuverleiben, was sich dafür im rechten Zentrum als willfährig erweist. Und als Quasi-Balance dafür ein antikommunistisches Konglomerat aus Parteien und Wahlvereinen links von der Mitte zu basteln.
Bundesratschef Sergej Mironow, ein Putin-Bekannter aus Petersburger Tagen, hat sich gerade erst eine eigene Hausmacht gezimmert. Die heißt »Partei des Lebens« und will bei der Dezember-Wahl gegen die große Schwester »Einiges Russland« zum Schaulaufen antreten. Verbündete sind durchaus willkommen.
Gorbatschow wäre zu einer Blockbildung mit den Mironow-Leuten durchaus bereit. Und auch zu einem Wahlbündnis mit der Partei »Russlands Wiedergeburt« des machthungrigen Duma-Vorstehers Gennadij Selesnjow, der zuvor vergebens versucht hatte, die KP für den Kreml zu zähmen. Viel Sozialdemokratisches wäre dann wohl nicht mehr dran an solch einem Kartell. Aber in Kooperation mit Putin-nahen Gruppen würde vielleicht die Kasse stimmen - die Sozialdemokratische Partei Russlands braucht monatlich mindestens 150 000 Euro, um zu überleben.
Die Leute in Wologda sind freundlich. Sie nicken, wenn auch ohne Begeisterung, zu Gorbatschows Bitte, Ende des Jahres an den Wahlurnen die SDPR nicht zu vergessen. Ein bisschen so wie Kurt Tucholskys leicht besoffener Mann, der 1930 nach dem Besuch einer Sozi-Wahlversammlung fand, die Leute könne man wählen: Man habe das Gefühl, etwas für die Revolution zu tun - und wisse genau, mit dieser Partei kommt sie bestimmt nicht.
Aber für Russland ist das kein Kriterium. Denn da gab es die Revolution ja schon.
JÖRG R. METTKE