POLEN Unanständiges Angebot
Tiefe Verunsicherung herrscht derzeit über den wohl größten Korruptionsskandal der polnischen Nachkriegsgeschichte. Schon im Sommer vorigen Jahres soll sich der bekannte Filmproduzent Lew Rywin ("Der Pianist") an den Ex-Dissidenten und Herausgeber der einflussreichen liberalen Zeitung »Gazeta Wyborcza«, Adam Michnik, gewandt haben. Nach dessen Aussage habe Rywin 17,5 Millionen Dollar gefordert und als Gegenleistung angeboten, eine Änderung des Mediengesetzes zu erwirken, die es dem Pressekonzern »Agora« ermöglicht hätte, ins Fernsehgeschäft einzusteigen. Agora gibt auch die »Gazeta Wyborcza« heraus. Es stünden Leute, welche »die Macht in den Händen« halten, hinter ihm, soll Rywin behauptet haben. Michnik veröffentlichte einen Tonbandmitschnitt von dem Gespräch. Rywin sagt, seine Aussagen seien verdreht worden. Der Stand der Affäre legt derzeit zwei Schlüsse nahe: Entweder steht das regierende Demokratische Linksbündnis hinter Rywin und will mit dem geforderten Geld einen linken Medienkonzern aufbauen. Oder der angebliche Bestechungsversuch wurde auf Kabinettsebene eingefädelt, um die kritische »Gazeta Wyborcza« in Misskredit zu bringen. Ganz kühne Verschwörungstheoretiker sehen sogar ein Komplott des Präsidenten Aleksander Kw asniewski, der damit seinen Parteigenossen und Intimfeind, Ministerpräsident Leszek Miller, diskreditieren wolle. Die Staatsanwaltschaft ermittelt, ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss trat zusammen. Schon jetzt hat der Skandal das Ansehen der politischen Klasse in der Bevölkerung schwer beschädigt. Umfragen zufolge glauben gerade noch sieben Prozent der Polen, dass die Affäre jemals wirklich aufgeklärt wird.