SECHSTE FLOTTE Under attack
In dem mit künstlichen Frühlingsblumen und echten Gummibäumen geschmückten Admirals-Salon auf dem US-Raketenkreuzer »Little Rock« summte das Telephon.
Die Funkzentrale des Kreuzers verlangte höchst dringlich nach Vizeadmiral William Martin, 57, dem Befehlshaber der im Mittelmeer operierenden Sechsten US-Flotte.
Der Admiral hastete in den Funkraum. Aus dem Empfänger krächzte
* Mit SPIEGEL-Redakteur Helmut Sorge an Bord des Raketenkreuzers »Little Rock« im östlichen Mittelmeer.
eine kaum vernehmbare Stimme: »We are under attack« (Wir werden angegriffen).
Die Stimme kam von der etwa 600 Kilometer entfernten »Liberty«, einem der Sechsten Flotte attachierten 6700-Tonnen-Dampfer, der mit Spezialauftrag vor der gerade zum Schlachtfeld gewordenen Sinai-Halbinsel kreuzte.
»Sie sollte die Funkverbindung zwischen unseren Botschaften und Konsulaten im Nahen Osten unterstützen«, versicherte Admiral Martin, »und möglicherweise bei der Evakuierung von amerikanischen Staatsbürgern helfen.«
Nach Informationen des amerikanischen Nachrichtenmagazins »Newsweek« jedoch sollte das mit elektronischen Geräten vollgestopfte Schiff, das mit 15 Offizieren, 275 Matrosen und drei zivilen Technikern bemannt war, israelische und ägyptische Funksprüche abhören.
Weder für Amerikas Bürger noch für Amerikas Militärs war das Elektronen-Boot lange von Nutzen. Als am Donnerstag vorletzter Woche Ausguckposten in »etwa 2000 bis 3000 Meter Entfernung zwei Flugzeuge« entdeckten, blieb ihnen keine Zeit zur Abwehr.
Als die Flugzeuge dicht über die Schiffsmasten rasten, hämmerten ihre Maschinenkanonen, schlugen Raketen in die Aufbauten. Auf der Kommandobrücke brachen zwei Matrosen, von Geschossen zerfetzt, zusammen. Benzinkanister explodierten, ein Beiboot ging in Flammen auf.
Matrosen -- mit Stahlhelmen geschützt -- besetzten ihre Gefechtsstationen. Doch die vier schweren Maschinengewehre, die einzigen Waffen an Bord der »Liberty«, kamen nicht zum Schuß. »Wir konnten nichts mehr machen«, berichtete der farbige Matrose Thomas Jackson, 22. »Es kam alles so überraschend, es war einfach grausam.«
Sechsmal griffen die zwei Maschinen an. »Liberty«-Kommandant William McGonagle wurde von einem Geschoßsplitter am Oberschenkel getroffen. Zwei Matrosen banden ihm das Bein ab. Als die amerikanische Flagge, die nach Ansicht der Besatzung »klar zu sehen war«, unter dem feindlichen Feuer vom Mast rutschte, befahlen die Offiziere, sie sofort wieder zu setzen.
Kaum hatten die Flugzeuge abgedreht, erschienen am Horizont drei Schnellboote. Fregattenkapitän McGonagle befahl »äußerste Kraft voraus«. Doch mit 15 Knoten Höchstgeschwindigkeit konnte das Schiff den schnellen Angreifern nicht entkommen. Der erste Torpedo verfehlte die »Liberty« um wenige Meter, der zweite riß auf der Steuerbordseite, dicht unter dem Wasserspiegel, ein etwa vier Meter großes Loch.
Wasser brach ein, Todesschreie gellten durch die Gänge. »Ich habe nicht gedacht«, so Matrose Kenneth Ecker, 18, »daß wir da jemals 'rauskommen.« Wenig später schlossen Matrosen die Schotten, denn das Schiff drohte zu sinken.
Während sich der einzige Arzt an Bord der »Liberty« um die Verletzten bemühte, versetzte Vizeadmiral Martin aus der Funkzentrale der »Little Rock« seine Flotte in Alarmzustand. 50 Schiffe, 25 000 Soldaten und 200 Flugzeuge waren in wenigen Minuten einsatzbereit.
Alle auf Übungsflug befindlichen Maschinen des 77 600 Tonnen großen Flugzeugträgers »America« wurden unverzüglich zum Träger zurückbeordert.
Über das Flugdeck hauten die Lautsprecher: »Dies ist keine Übung.« In den Quartieren der Piloten schrillten die Telephone, von denen es auf dem Super-Schiff 1400 gibt.
In den acht Lage-Räumen der »America« und auf dem Flugzeugträger »Saratoga« wurden die alarmierten Piloten über ihre Aufgabe instruiert: Schutz der »Liberty«.
»Ich habe gesagt, verteidigen und einzig und allein verteidigen«, so der Chef der Sechsten Flotte zum SPIEGEL. »Man muß da sehr viel Vertrauen zu den Piloten haben.«
Vor dem Start erhielten die Flugzeugführer etwa »20 bis 30 Informationen«, darunter die Schiffstypen der ägyptischen Marine.
Denn auf der »America« glaubten an jenem Donnerstag fast alle Offiziere, daß Ägypter das US-Schiff angegriffen hätten, um damit die USA zum Krieg gegen Ägypten und somit zu einer Konfrontation mit der Sowjet-Union zu provozieren.
Auf der »America« wurden fast alle 40 A-4-Skyhawks, 24 4-F-Phantoms, sechs R-5-Vigilantes und vier A-3-Skywarriors mit Raketen und Bomben bestückt.
Vier Phantom-Abfangjäger sowie zwei Skyhawks rollten Minuten nach dem Alarm an die vier Katapulte der »America«. Auch auf der »Saratoga« starteten vier Maschinen.
Per Funk informierte Admiral Martin »meine Vorgesetzten in Washington und London« über die Aktion. In Washington kontaktierte er den »Chief of Naval Operations«, den Oberbefehlshaber der amerikanischen Marine,
* Im östlichen Mittelmeer, weniger als 100 Meter von einem Zerstörer der Sechsten Flotte entfernt.
der Präsident Johnson vom drohenden US-Engagement im Nahostkrieg benachrichtigte.
Zum Oberbefehlshaber der US-Navy in Europa, Admiral McCain im Hauptquartier in London, hatte Martin »ständig einen Heißen Draht«. Das Stuttgarter Hauptquartier der US-Streitkräfte in Europa und die im Mittelmeer operierenden Polaris-Atom-Unterseeboote wurden ebenfalls alarmiert.
Selbst Sowjet-Premier Kossygin erfuhr vom Alarmstart zehn amerikanischer Träger-Flugzeuge im Mittelmeer. Über den Heißen Draht Washington -- Moskau teilte Johnson dem Russen mit, die Flugzeuge würden keinesfalls in den Krieg zwischen Israel und Ägypten eingreifen.
Kossygin wußte das wahrscheinlich ohnehin schon. Seine Horchposten sind Tag für Tag, Jahr für Jahr ungebetene Nachbarn der US-Flotte im Mittelmeer.
Sowjetische Kriegsschiffe verfolgen jede Bewegung der amerikanischen Verbände, registrieren jeden Start von US-Maschinen. Oft drehen sie in Kollisionsnähe an die Amerikaner heran und versuchen, die US-Schiffer durch waghalsige Manöver nervös zu machen.
Nach den Worten des Kommandanten der »America«, Kapitän zur See Donald Engen, 43, »benehmen sie sich wie Leute, die uneingeladen zu einer Party erscheinen, das Porzellan vom Tisch fegen und den anderen Gästen die Ellbogen in die Rippen stoßen«.
Die Bomber der »America« und »Saratoga« waren bereits 30 Minuten in Richtung Sinai unterwegs, als Admiral Martin eine Blitz-Nachricht der US-Botschaft in Tel Aviv erhielt.
Die israelische Regierung, so die Meldung, habe sich für den »irrtümlichen Angriff israelischer Streitkräfte« auf das US-Schiff entschuldigt.
Der Admiral holte seine Flugzeuge zurück. Ihre Bomben warfen sie über offenem Meer ab -- denn aus Sicherheitsgründen darf keine Maschine mit Bomben an Bord auf einem Träger landen.
Die Männer auf der »Liberty« hörten erst am Abend über BBC London, daß israelische Streitkräfte sie attackiert hatten. »Liberty«-Matrose Ecker: »Uns war egal, ob Freund oder Feind. Wir hätten uns nur gern bei den Hurensöhnen revanchiert.«
Auf dem Havaristen, der mit leichter Schlagseite den nächsten Schiffen der Sechsten Flotte entgegendampfte, verteilten die Offiziere trotz des strikten Alkohol-Verbots Brandy-Rationen.
Am Freitagmorgen um sechs Uhr trafen die Zerstörer »Massey« und »Davis« die »Liberty«. Ihre Ärzte behandelten 75 Verletzte, 15 davon waren schwer verwundet. Neun Besatzungsmitglieder waren tot, 22 wurden vermißt. Sie sind in den überfluteten Kammern eingeschlossen. Erst im Trockendock können sie geborgen werden.