Uneins mit eins
Die Schlacht war geschlagen, es gab nur Verlierer. Gleichwohl traf sich die Runde am Mittwochabend letzter Woche entspannt und gelockert im »Treppchen«, einem Weinlokal der Kölner Vorstadt Rodenkirchen, zum geselligen Umtrunk. Beim Spätschoppen stießen die Intendanten der ARD nebst Gefolge auf ihren seit langem peinlichsten und folgenschwersten Entschluß an: das Abendprogramm der ARD zu lassen, wie es seit alters her ist.
Aller Reformeifer ist verpufft, der Start in eine neue TV-Ära abgeblasen: Der Gong der Tagesschau wird nun auch weiterhin um 20 Uhr den deutschen Fernsehabend im ersten Kanal erschüttern; die Tagesthemen leiten wie bisher ins Nachtprogramm über; Regionales und Werbeblöcke gehen zur gewohnten Zeit über die Sender - alles bleibt, wie gehabt.
Als der NDR-Intendant und amtierende ARD-Vorsitzende Friedrich Wilhelm Räuker am Mittwochmorgen, nach dem Ende der internen Beratung im Kölner Haus des Deutschlandfunks, einem größeren Kreis das Scheitern der Verhandlungen eingestehen mußte, »war er«, so ein Augenzeuge, »sichtlich gerührt": Die Neuordnung des TV-Abends, so Räukers hilflose Trostworte, würde nun »vorerst nicht weiter verfolgt«, die ARD dürfe sich schließlich »nicht weiter auseinanderdividieren lassen«.
Mit ihrem Schwur auf den Status quo haben die Intendanten der neun TV-Anstalten einen offenen Bruch ihres Sendeverbunds verhindert. Denn über der Frage, ob, in welchem Umfang und mit welchen Auswirkungen das Hauptabendprogramm neu strukturiert werden könnte, lagen die Anstalten seit dem Frühjahr heftig über Kreuz.
Bei ihrer Kölner Klausurtagung hatten die Intendanten einen letzten Versuch unternehmen wollen, ihre Reformpolitik noch zu retten. »Bei allem Pessimismus«, so ein Sitzungsteilnehmer vor Beratungsbeginn, »sind wir guter Dinge.« Die ARD, hieß es auch, dürfe ihr Gesicht nicht verlieren.
Doch kaum hatte das Palaver begonnen, da war auch schon klar, daß sich die in zwei feindliche Lager gespaltenen Funk-Oberen im Verlauf ihres grotesken Sommertheaters nur noch verbissener auf ihre unterschiedlichen Positionen festgelegt hatten: *___Eine Minderheit (SDR, SWF, HR) wollte weder an der ____20-Uhr-Tagesschau noch an den Tagesthemen um 22.30 Uhr ____rütteln, aber bereits um 19 Uhr zeitgleich mit »heute« ____aus Mainz populäre Unterhaltung a la »Dallas« ____ausstrahlen. *___Die Mehrheit der restlichen sechs Sender wollte dagegen ____erst von 19.30 Uhr an, wenn das ZDF »heute« und Werbung ____hinter sich hat, mit Lustbarkeiten auf den Bildschirm. ____Um flexibler zu werden, sollte die klassische ____Tagesschau auf einen Zeitpunkt vor 19 Uhr und eine ____neuartige Informationssendung um 21.30 Uhr verteilt ____werden.
Besonders kompliziert wurde die Rangelei um den neuen Stundenplan durch den Zwang, in dem Reformschema auch noch die gesplitterten Regional- und Reklamesendungen unterbringen zu müssen. Der schlimmste Haken an der Geschichte: Schon die Gegenstimme eines einzigen Senders konnte nach der ARD-Satzung alle Renovierungsgelüste blockieren.
Und so geschah es. Alle Bemühungen, den ARD-Abend nach fast 30jähriger Ritualisierung endlich aufzulockern und den veränderten Sehgewohnheiten des TV-Publikums anzupassen, sind letztlich am Widerwort des Stuttgarter Intendanten Hans Bausch gescheitert.
Dabei waren sich anfangs alle einig gewesen: Das alte, altmodische Programmschema engte die ARD ungebührlich ein und ließ dem ZDF zuviel - gut genutzten - Freiraum. Zu Beginn des Jahres hatte Infratest dem ZDF für 1983 ein leichtes Zuschauerplus ausgerechnet. Von der Furcht getrieben, das erste Programm könne nun auf Dauer zum zweiten abschlaffen, faßten die Intendanten Mitte April einen »Tendenzbeschluß«, den ARD-Fernsehabend künftig früher zu beginnen.
Schon Anfang Juli, beim Gipfeltreffen in Baden-Baden, arbeitete die Arbeitsgemeinschaft vor allem gegeneinander. Der ARD-Vorsitzende Räuker tremolierte mit hochrotem Kopf über den zerstrittenen Verbund. SFB-Chef Lothar Loewe malte angesichts der »Gefahren für den Zusammenhalt der ARD« gleich ganz schwarz: »Wir werden die Schlacht um den Zuschauer, die 1986 anfängt, verlieren.«
Da half es auch nichts, daß WDR-Chef Freiherr von Sell, tatenlustig wie sonst nicht, eine »Sternstunde« ausrief, die es der ARD ermöglichte, »sich erneut auf den Zuschauer einzustellen«. Ohne einen »Kraftakt« werde die ARD »bald in den Gräten hängen« und die 20-Uhr-Tagesschau zu einem »nationalen Denkmal« verwaisen, das »sehr einsam dasteht«.
In dem Hickhack der Intendanten fand der gastgebende SWF-Intendant Willibald Hilf die erlösenden Worte. »Die Zeit ist noch nicht reif zu entscheiden«, entschied er, jede »Dramatik« sei überzogen, »keine Eile« vonnöten. Uneins, aber erleichtert vertagten sich die Funkchefs auf Anfang September nach Frankfurt.
In der Zwischenzeit sprachen sich die Aufsichtsratsgremien der Sender mal für, mal gegen eine Verlegung der Tagesschau aus. Die Chefredakteure und Programmdirektoren entwarfen und verwarfen immer neue Variationen zum leidigen Thema - vergeblich. Die Karre war längst im Dreck. Bausch hatte Hilf und den HR-Intendanten Wolfgang Lehr zu seiner Meinung bekehrt und machte mit ihnen ebenso eloquent wie stur gegen den Rest mobil. Vergebens appellierte von Sell in Frankfurt noch einmal an den Gemeinsinn: »Die ARD ist mehr wert als ein Programmschema.« Man vertagte sich - mißmutig und wortkarg - ein weiteres Mal, und bevor sich die Intendanten letzte Woche in Köln wiedersahen, hatte Bausch bereits einen Brief in Umlauf gebracht, der keinen Sinneswandel andeutete. »Schon das Schreiben«, so ein Vertrauter, »war der Totenschein für alle Reformpläne.«
Nach diesem »Gespensterflug über sechs Monate« (von Sell) nebst Bruchlandung und dem peinlichen Eingeständnis, dank einer hartnäckigen Sperrminorität in den eigenen Reihen einen »schweren Rückschlag« (Loewe) zu erleiden, waren die in Köln versammelten Intendanten überglücklich, wenigstens äußerlich Harmonie zeigen zu dürfen: Sie verabschiedeten einstimmig ein neues Markenzeichen ihrer angeknacksten Arbeitsgemeinschaft. Vom Montag dieser Woche an hat die alte, eiförmige Spiralgraphik mit den Großbuchstaben ARD ausgedient und wird von einer dicken, stolzen »1« und dem Schriftzug in Versalien »Erstes Deutsches Fernsehen« abgelöst.
Das neue Design hat eine noch längere Vorgeschichte als die Querelen um das Abendprogramm. Nachdem sich das ZDF im Sommer 1981 mit dem Slogan »Ihr Programm« beim TV-Publikum wie ein lieber Nachbar angebiedert hatte, kam auch der ARD die Idee, sich den Zuschauern künftig einprägsamer zu präsentieren. Noch im Oktober beschlossen ihre Sendeleiter, den Begriff »im Ersten« als neue Redewendung und eine »1« mit Punkt dahinter als neues Erkennungszeichen einzuführen.
Dann wurde, wie in der ARD üblich, erst einmal eine Kommission gebildet. Die legte den Intendanten endlich, nachdem sogar amerikanische Computer für die Graphik-Spielereien bemüht worden waren, ein ansehnliches Design vor.
Aber den Funkhaus-Herren war das alles nicht fein genug. Einstimmig baten sie ihren Kollegen Bausch, bei Profis des Metiers effektvollere Varianten erstellen zu lassen. Daraufhin gab Bausch bei dem Solinger Werbe-Professor Coordt von Mannstein, der 1972 schon das olympische Spiralen-Signet entwickelt hatte, neue Graphiken in Auftrag. Auch von Mannstein reiste nun in US-Computer-Labors, befragte Psychologen nach der Wirkung seiner Entwürfe und unterlegte diesen sogar eigens komponierte Musik.
Die Intendanten konnten sich mit dem Einerlei aus Solingen auch nicht so recht anfreunden, und als ihnen vorgerechnet wurde, von Mannstein habe die sendereife Ausarbeitung auf rund zwei Millionen Mark kalkuliert, besannen sie sich plötzlich wieder der hauseigenen Vorlagen, die nur 500 000 Mark kosten sollen.
Da sich aber in den ARD-internen und in den Solinger Entwürfen unvermeidlich alles um die »1« dreht, glaubte von Mannstein, die Funkhaus-Graphiker hätten bei ihm abgeguckt, und beantragte letzte Woche beim Landgericht Köln eine einstweilige Verfügung gegen die vermeintlichen Plagiatoren.
Doch die 28. Zivilkammer wies ihn ab und will erst in einer Hauptverhandlung entscheiden. Von dem gerichtlichen Veto verschont, beschlossen die Intendanten, ihr neues Design unters Volk zu strahlen. Eine der Signet-Varianten, bei der sich die Sendezeichen der neun einzelnen Anstalten wie von Zauberhand zu einer bombastisch prangenden »1« zusammenschließen, ist - nach allem - die reinste Augenwischerei.