Ungedeckte Schecks - DER SPIEGEL
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SERBIEN UND MONTENEGRO Ungedeckte Schecks

Im Südosten Europas droht die nächste Sezession: Die Montenegriner müssen entscheiden, ob es bald einen weiteren Zwergstaat geben wird.
Von Renate Flottau
• aus DER SPIEGEL 20/2006
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Im Kulturzentrum der montenegrinischen Küstenstadt Kotor skandiert eine fast tausendköpfige Menge »Srbija, Srbija« (Serbien, Serbien). Fahnen der serbisch-montenegrinischen Staatenunion werden geschwenkt, und alle paar Minuten dröhnt wie aus einer Kehle ein »Ne« durch den Saal: »Nein« - zur Unabhängigkeit.

In Kotor wird an diesem Abend gegen die drohende Eigenständigkeit der Heimat demonstriert. Kommenden Sonntag sollen die wahlberechtigten Bürger der 630 000 Einwohner zählenden Minirepublik entscheiden, ob es in Europa einen neuen Zwergstaat geben wird - oder die mit Serbien eingegangene Union bestehen bleibt.

Bei Gründung des Staatenbundes im Jahr 2003 war Montenegro das Recht auf eine Volksabstimmung drei Jahre später zugestanden worden. Doch die Hoffnung der EU auf einen funktionierenden Gemeinschaftsstaat wurde enttäuscht; auch Bemühungen, die in zwei unversöhnliche Lager gespaltene Bevölkerung Montenegros zum Einlenken zu überreden, fruchteten nicht. Während sich die einen als ethnische Serben fühlen, berufen sich die anderen auf eine montenegrinische Nation, welcher der Berliner Kongress 1878 schon einmal Eigenstaatlichkeit zugestand.

Nun soll abgestimmt werden über die Zukunft der Republik. Alle sehen sie in düsterstem Schwarz - für den Fall, dass die jeweilige Gegenseite gewinnt. Die proserbische Allianz, angeführt von Oppositionsführer Predrag Bulatovic, zählt in Kotor die vermeintlich schrecklichen Folgen einer Unabhängigkeit auf: In Serbien lebende Montenegriner würden schlagartig zu passpflichtigen Ausländern, Tausende montenegrinischer Studenten müssten serbische Universitäten verlassen, und der Tourismus wäre mangels serbischer Urlauber bald bankrott.

Für die Schwankenden hält Bulatovic die Kompromissversion eines Bundesstaates bereit: 90 Prozent aller republikrelevanten Entscheidungen würden weiter autonom von der montenegrinischen Regierung gefällt; lediglich die Verteidigung, einige Aspekte der Außen- und Innenpolitik sowie der Außenhandel fielen der Zentralführung zu. Selbst den Euro - seit 2002 in Montenegro offizielles Zahlungsmittel - wolle man im Gegensatz zu Belgrad als Währung beibehalten.

Solche Verheißungen sind eher irreführend. Belgrad hat längst klargestellt: Eine Niederlage der Unabhängigkeitsbefürworter würde das Ende montenegrinischer Privilegien bedeuten. Die Machtzentrale wäre künftig in Belgrad, Podgorica nur der folgsame Statthalter an der Adria.

Doch auch die Gegenseite wirbt mit ungedeckten Schecks. Chefpropagandist eines souveränen Montenegro ist Premier Milo Djukanovic mit seiner Demokratischen Partei der Sozialisten, unterstützt von den Liberalen und den Sozialdemokraten sowie den albanischen und bosnisch-muslimischen Minderheiten.

Ein selbständiges Montenegro werde nicht mehr Geisel einer nationalistischen serbischen Politik sein, gelobt Djukanovic

und verspricht seinen Anhängern - ungeachtet klarer Dementis aus Brüssel - schnelle EU-Mitgliedschaft, den Nato-Beitritt und wirtschaftlichen Segen.

Ausländische Investoren könnten laut Djukanovic das Land in eine »Schweiz des Balkans« verwandeln oder in eine Attraktion wie Monte Carlo. Letzteres ist allerdings genau die Sorge der internationalen Gemeinschaft: Sie fürchtet, ein unabhängiges Montenegro könnte zu einem Dorado für Schmuggler und Geldwäscher verkommen, zur Heimstatt brummender Spielcasinos und der russischen Mafia. Immerhin stand die Küstenrepublik lange im Ruf, Zentrum des internationalen Zigarettenschmuggels zu sein. Die italienische Justiz ermittelt seit Jahren gegen den montenegrinischen Regierungschef - Djukanovic soll in den profitablen »Transit« unverzollter Glimmstengel über montenegrinische Häfen verwickelt sein.

Die Siegeschancen des Premiers sind dennoch gut, auch wenn die Unabhängigkeitsbefürworter mindestens 55 Prozent der gültig abgegebenen Stimmen einfahren müssen, um internationale Legitimität zu erlangen. Ein riskantes Manöver: Denn wenn das Ergebnis in der Grauzone zwischen 50 und 55 Prozent liegt, werden sich beide Seiten als Gewinner sehen.

Djukanovic ist nach jüngsten Umfragen von seinem Triumph überzeugt, die Einladungen zur Siegesfeier sind gedruckt.

Grund genug für Serbiens Justizminister Zoran Stojkovic, die Sezessionisten noch einmal zu verwarnen: 260 000 Montenegriner, die oft schon seit Generationen in Serbien leben und kein Stimmrecht beim Referendum haben, könnten nach der Trennung die Arbeitsämter ihrer ursprünglichen Heimat überschwemmen - als »Ausländer« sei ihnen der Job in Serbien nicht mehr sicher.

Wie die Abstimmung auch ausgehen mag: Ein Teil des gemeinsamen nationalen Erbes könnte künftig allein in Podgoricas Zuständigkeit fallen. Die Tochter des jüngst verstorbenen Slobodan Milosevic, die in Montenegro lebt und dessen Staatsbürgerschaft besitzt, hofft auf die Exhumierung ihres in Serbien begrabenen Vaters.

Er soll in der Erde seiner Vorfahren ruhen, fordert sie. Im Staate Montenegro.

RENATE FLOTTAU

* In Herceg Novi.

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