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VERLAGE Ungelesen zu den Akten

Ein katholischer Verlag manipulierte offenkundig die Auflage seiner Illustrierten nach oben.
• aus DER SPIEGEL 4/1981
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die »Winfried-Werk GmbH« in Augsburg ist ein von Grund auf christliches Unternehmen. Die Gesellschaftsanteile gehören zwölf katholischen Diözesen, im Aufsichtsrat sitzen geistliche Räte oder Prälaten, und wichtigstes Objekt des kirchlichen Verlages ist die Zeitschrift »Weltbild«, laut Untertitel »die große christliche Illustrierte«.

Es gibt allerdings einige Anzeichen für die Vermutung, daß die Kirchenmanager ihre Geschäfte recht unbekümmert um christliche Gebote betrieben haben. Womöglich müssen sie sich gar vor weltlichen Richtern verantworten: S.64 Die Augsburger Staatsanwaltschaft ermittelt gegen die »Weltbild«-Geschäftsführung wegen Betrugs und Urkundenfälschung.

Die Vorwürfe gegen das Blatt der Bischöfe kommen aus dem eigenen Haus. Der Betriebsratsvorsitzende des »Winfried-Werks«, Werner Zimmermann, hauptamtlich viele Jahre Ressortchef für Wirtschaft und Innenpolitik bei »Weltbild«, glaubt beweisen zu können, daß die Illustrierte »über Jahre ihre Auflage nach oben manipulierte«. Gegenüber der Prüfstelle des Zeitschriftengewerbes (IVW) -- eine Institution, die den Anzeigen-Auftraggebern die Auflagenhöhe garantiert -- gaben die Augsburger offenbar getürkte Zahlen an.

Jedenfalls meldete »Weltbild« 1978 im ersten und zweiten Quartal Druckauflagen von 480 300 und 481 246 Exemplaren an die IVW-Prüfer. Die Rechnungen der Druckerei Sebald in Nürnberg, die das Blatt herstellt, weisen dagegen in diesem Zeitraum im Höchstfall 442 301 gedruckte Exemplare aus.

Die Differenz von rund 40 000 Exemplaren erklärt »Weltbild«-Geschäftsführer Winfried Hall aus dem »relativ turbulenten« Verlauf des Kirchenjahres: »Da sind kurz hintereinander zwei Päpste gestorben, und wir konnten unerwartet mehr verkaufen.« »Weltbild« habe dabei glücklicherweise »auf eine Reserveauflage der Druckerei« zurückgreifen können.

Auf den Rechnungen aus dem Hause Sebald taucht diese »Reserveauflage« allerdings nicht auf. Auch dafür hält Geschäftsführer Hall eine Erklärung bereit: »Wir haben mit Zustimmung von Sebald Rechnungen selber erstellt.«

Sebald-Geschäftsführer Klaus Küber weiß davon nichts: »Ich persönlich habe keine Zustimmung erteilt.« Und auch andere Druckerei-Mitarbeiter haben solche »Sondervereinbarungen« wohl kaum genehmigt. Küber kaufmännisch zurückhaltend: »Es wäre unüblich.«

Richtig ist an der Erklärung des »Weltbild«-Geschäftsführers wohl nur eines: Die Illustrierte »erstellte« die überhöhten Druckrechnungen, die der IVW vorgelegt wurden, selber. Die kirchlichen Verleger taten dies ohne Wissen von Sebald, aber auf Sebald-Formularen, die -- wie sich ein ehemaliger Mitarbeiter erinnert -- in der »Weltbild«-Hausdruckerei produziert wurden.

So emsig der Statthalter der Bischöfe die Zahlen gegenüber den Auflagenprüfern -- und damit letztlich gegenüber den Anzeigenkunden -- nach oben trimmte, so sehr neigte er in anderen Fällen zur Untertreibung.

Der Post, über die ein Teil der Auflage versandt wurde, meldete der Verlag bisweilen weit weniger gebührenpflichtige Werbeprospekte, als den Heften tatsächlich beigelegt wurden. Die Werbekundschaft allerdings mußte dem Verlag die Postgebühren für die echte Beilagenzahl entrichten. Pro Ausgabe brachte dieses Verfahren unschwer über 10 000 Mark in die Kasse des Kirchenunternehmens. Zum Beweis legte der Betriebsrat der Staatsanwaltschaft für einige Fälle Gegenüberstellungen der Postanmeldungen und der Verlagsrechnungen an die Kunden vor.

Notgedrungen räumt Hall ein: »Von der einen oder anderen Beilage sind irgendwelche Fälle vorhanden.« Doch die Verantwortung dafür schiebt er nach unten ab: »Die Postanmeldungen hat ein Abteilungsleiter im Haus in eigener Verantwortung vorgenommen.«

Über die seltsamen Praktiken in dem kircheneigenen Unternehmen setzten die Betriebsräte schließlich die geistlichen Eigner in Kenntnis. Doch Augsburgs Bischof Josef Stimpfle, dessen Diözese einen größeren Anteil im »Winfried-Werk« hält, beschied die Werktätigen bei einer Audienz ganz weltlich: »Geld ist nicht christlich -nicht katholisch und nicht evangelisch.«

Wohin auch immer sich die Betriebsräte im Kreise der kirchlichen Aufsichtsräte wandten, sie erhielten ähnlich abweisende Antworten wie vom Oberrechtsdirektor des Erzbischöflichen Ordinariats Freiburg, Hermann Dallinger. Er werde, schrieb der geistliche Herr an die Arbeitnehmervertreter, weitere Schreiben »ungelesen zu den Akten nehmen«.

Die ungelesenen Briefe bleiben dennoch nicht ohne Folgen. Das »Winfried-Werk« klagte beim Arbeitsgericht die nach dem Betriebsverfassungsgesetz notwendige Zustimmung des Betriebsrats zur Entlassung des Vorsitzenden Zimmermann ein.

Das Landesarbeitsgericht in München befand -- in zweiter Instanz und ohne Zulassung einer Revision -- die Entlassung für Rechtens, da Zimmermann »hartnäckig und rechtsblind bei unzuständigen Stellen insistiert habe«, und zwar »in teilweise unanständiger Form«. Die Vorwürfe, die dem Streit zugrunde liegen, prüften die Münchner Richter nicht; dafür hielten sie sich nicht für zuständig.

Einiges davon könnten jetzt vielleicht die Staatsanwälte klären helfen. Die Auflage von »Weltbild« liegt, so das Ergebnis einer Sonderprüfung der IVW vom vergangenen Herbst, jedenfalls da, wo sie die Betriebsräte schon immer vermuteten -- bei rund 425 000 gedruckten Exemplaren.

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