Unheimliches Würgen
Der Test sollte die Harmlosigkeit der Polizeiwaffe beweisen. In Wirklichkeit kann die neue chemische Keule, von Bayerns Innenminister Gerold Tandler letzte Woche -- ausgerechnet in Dachau -- vorgestellt, zu ernsten Gesundheitsschäden führen. Der Reizstoff o-(Clorbenzyliden)malodinitril, nach den US-Chemikern Corson und Stoughton als CS bezeichnet, soll in Bayern künftig gegen zudringliche Demonstranten eingesetzt werden. Das chemische Gemisch führt zu Atembeschwerden, starkem Brechreiz und entzündeten Augen. Die in Dachau als Testpersonen eingesetzten bayrischen Bereitschaftspolizisten spürten »ein unheimliches Würgen«; ein Beamter brach zusammen, obwohl die bei dem Probelauf verwendete CS-Dosierung (300 Milligramm je Liter) ungewöhnlich gering war. Bei Einsätzen im Ausland, wo der Reizstoff schon länger zur Polizeiausrüstung gehört, wird häufig ein bis zu zehnmal stärkeres Konzentrat verwendet -- mit entsprechendem Ergebnis: Im schweizerischen Kanton Zürich geriet Anfang vorigen Jahres ein Feuerwehrmann für Sekunden in die Wolke einer CS-Tränengaspatrone. Der vorher kerngesunde Mann -- er war erst zwei Wochen zuvor untersucht worden -- litt danach unter einem Lungenödem, einer Herzinsuffizienz und einer Lungenentzündung sowie an Störungen des Nervensystems. Erst nach einem Jahr war er wieder voll arbeitsfähig. Tandler, von Meldungen dieser Art nicht zu beeindrucken, will das neue Bekämpfungsmittel im Alleingang für Bayern einführen. Am Dienstag dieser Woche legt er dem Strauß-Kabinett seine Keulen-Pläne vor. Der Innenminister kann mit einhelliger Zustimmung rechnen. Die übrigen Bundesländer zögern. Sie wollen die Ergebnisse einer Testserie abwarten. Bremen verzichtet ganz auf CS, West-Berlins Innensenator Heinrich Lummer sprach sich dafür aus, will sich von den Bayern aber »keine Vorreiterrolle« aufdrängen lassen.