»Unseren Gott dürstet nach Blut«
Es ist der 30. März 1981, Blitzmeldung im Fernsehen: Attentatsversuch auf Reagan. Nicht Schock, nicht Entsetzen ist meine erste Raktion, sondern Verwunderung: »Was, hat ihn schon jemand erwischt? Bei ihm hat das Omen der bösen 20 aber schnell gewirkt.«
( Alle US-Präsidenten seit 1840, die im ) ( Abstand von zwanzig Jahren gewählt ) ( wurden, überlebten ihre Amtsperiode ) ( nicht. )
Wenngleich mir alles widerstrebt, wofür Reagan einsteht, ich verspüre keinerlei »klammheimliche Freude«, ganz langsam setzt eine tiefe, machtvolle Furcht ein. Es ist nicht der wütende amerikanische Patriotismus, den ich als 17jähriger empfand, als Kennedy erschossen wurde. Etwas Intimeres, etwas mir Näheres ist angerührt, eine tiefe Haßliebe für den Mann Reagan, die alle ideologischen Grenzen überspannt: Es ist fast, als sei auf meinen eigenen Vater geschossen worden.
Mein Vater gehörte zum konservativen republikanischen Establishment, war gleichsam seine Fortsetzung, sein Werkzeug, genau wie Reagan es heute ist. Etwas Mystisches spielt dabei mit, das sowohl Vertrauen vermittelt als auch Gefühl immanenter Unterdrückung. Diese maskulin-patriarchalische Aura -- Reagan hat sie, Breschnew hat sie, Kreisky hat sie, Schmidt ist auf dem Weg dahin.
AFN sendet Angaben zur Person des Präsidenten-Attentäters: 25 Jahre, aus Colorado stammend. »Das übliche amerikanische Gewaltverbrechen«, denke ich zunächst, »irgendein politischer Schwachkopf«. Dann versuche ich zu verstehen. Wer zum Teufel würde den Präsidenten so sehr zu erschießen wünschen, daß er es auch wirklich tut? Ein Freak, der Publicity sucht? Ein Rechts-, ein Linksradikaler?
Was hat der Mann mit mir gemein: Ich bin neun Jahre älter und komme aus einer anderen Region des Landes. Er ist von schottisch-irischer Abstammung, meine Herkunft ist deutsch. Nichts Gemeinsames, oder doch?
Hinckley ist ein College-Aussteiger, ich bin es auch. Hinckley konnte es an keiner Stelle aushalten. Das konnte ich in seinem Alter auch nicht. Aber das destruktive Element?
Hinckley versuchte, jemanden umzubringen. Ich versuchte in seinem Alter, mich umzubringen. Beide sind wir als Jugendliche psychiatrisch behandelt worden, jeweils ohne offensichtlichen Erfolg. Unsere Eltern indes unterzogen sich keiner Behandlung.
Hinckley ist Sohn eines einflußreichen Geschäftsmannes der oberen Mittelschicht, eines Republikaners, ich bin es auch. Mein Vater war nie stolz auf meine Leistungen, auch auf die meiner Brüder nicht. Als ich aus dem College ausstieg, mal hier, mal da jobbte, waren das verzweifelte Versuche, die magische Formel für den Erfolg zu finden, um meinem Vater zu gefallen, und indem ich ständig die Arbeitsstelle wechselte, hoffte ich auf den Durchbruch, der eines Tages kommen würde.
Und Hinckley? Als ich so alt war wie er, wurde mir klar, daß ich nichts tun konnte, was meinem Vater gefiel, nichts, damit er mich anerkannte, nichts, das ihn stolz gemacht hätte -also beschloß ich, dem Patriarchen Schande zu bereiten.
Selbstzerstörerisch griff ich zur Flasche, um den tabuisierten Haß auf meinen Vater und dessen kaputtmachende Ablehnung zu ersticken. Vielleicht bewegten Hinckley ähnliche Gefühle, nur daß er nicht zur Flasche griff, sondern zur Waffe.
Noch etwas zwingt einen Vergleich auf: die Einsamkeit. Die Familien der oberen Mittelschicht können Stätten der Einsamkeit sein, wo Kommunikation blockiert ist, weil Gefühle auf die simpelsten Phrasen wie »wir lieben dich« reduziert sind. Wut und Ärger kommen nicht zum Ausdruck. Pseudo-Kommunikation, Pseudo-Gemeinschaft -- sie charakterisieren die meisten »erfolgreichen« Familien.
Aber warum haben erfolgreiche oder dem Erfolg nachjagende Männer in unserer westlichen Zivilisation nur so oft »mittelmäßige« Söhne, »Versager«, die ihnen nicht akzeptabel erscheinen? Möglicherweise liegt es an dem grausamen Wettbewerb, in dem sie sich ständig selbst beweisen, ständig etwas leisten müssen, um nicht von der Konkurrenz gefressen zu werden.
Und möglicherweise an der nagenden Furcht vorm Alt- und Ersetztwerden, durch die eigenen Söhne etwa. Darum werden diese zu dem Ziele Selbständigkeit und Erfolg erzogen -aber nicht für den Wettbewerb mit dem Alten.
Egal ob schwarz oder weiß, Deutsche oder Amerikaner, viele Kinder bürgerlicher Eltern werden in dieser »Sei-erfolgreich-aber-mach-mir-keine-Konkurrenz«-Dichotomie in all ihren vielen Variationen erzogen. Einige davon klassifizierte der südamerikanische Psychologe Carlos Sluzki in seinem Werk »Die Doppelbindung als allgemeine pathogene Situation« so: »Sei selbständig, aber vergiß nicht, daß dir selbständiges Handeln verboten ist«, »Sei selbständig, indem du auf mich hörst«, »Sei selbständig, auch wenn du dazu nicht in der Lage bist.«
Alte Kater beißen den von ihnen selbst gezeugten männlichen Jungkatzen den Hals durch. Erfolgreiche und nach Erfolg strebende Männer tun, mit S.167 der Doppelbindung »Sei erfolgreich, aber mache mir keine Konkurrenz«, dasselbe.
Könnte das dem Leben immanent sein, ein sich immer wiederholendes Muster? Der französische Anthropologe Claude Levi-Strauss sagt, daß Mythen nicht vom Menschen erfunden wurden; der Mensch dient nur als Medium zwischen einem Mythos und dem anderen.
Um seinen Gott zu besänftigen, opferte Abraham fast seinen Sohn Isaak, aber eben nur fast. Wie steht es mit den modernen Göttern Wettbewerb, Erfolg, Geld? Sind sie noch fordernder?
Ein weiterer Mythos drängt sich auf: Aus Furcht, die Prophezeiung könne wahr werden, daß sein eigener Sohn ihn töten werde, schickt Laios seinen Sohn fort, auf daß der umkomme. Doch er kommt nicht um, wächst in der Fremde auf und kommt heim: Ödipus besteigt den Thron, nachdem er seinen Vater erschlagen hat.
Im Fall Hinckleys war Vatermord offenbar ein emotionales Tabu, statt dessen erschießt er die Vaterfigur eines ganzen Landes, einen Mann, der sehr seinem Vater gleicht. Ein moderner, amerikanischer Ödipus ist zurückgekommen, den eigenen »Vater«, den Präsidenten, zu ermorden. Bei diesem Gedanken ist mir nicht allein mehr so, als sei mein Vater erschossen worden. Nein. Es ist, als hätte ich meinen Vater erschossen, hätte ich auf den Präsidenten geschossen.
Denke ich zurück, hat mich nur eine Reihe glücklicher Umstände davor bewahrt, ein John W. Hinckley jun. zu werden: der Militärdienst vielleicht, meine Neigung zur Selbstzerstörung, mein Mißtrauen gegenüber allen politischen Extremisten, seien sie links oder rechts, der Umstand, daß mich eine Selbsthilfegruppe als Ersatzfamilie vom Alkoholismus befreien half.
Glück, Vorsehung, Zufall? Das Erstaunliche an Amerika ist nicht, daß es so viel Gewalt gibt, sondern daß es so wenig Gewalt gibt, was wohl im übrigen auch hierzulande gilt.
Und Hinckley senior? Er hat mein Mitgefühl. Verwandte von Menschen, die plötzlich, gewalttätig und verrückt, gegen das etablierte System vorgehen, werden in der Regel stigmatisiert, geächtet.
Indes, Hinckley ist nicht irgendein Amerikaner, er ist Mitglied derselben Elite, der auch die Reagans und meine Familie angehören. Seine Familie wird bald Mitgefühl und Unterstützung erfahren.
Wann immer ihre Kinder vom rechten Wege abweichen -- hin zu Alkohol, Drogen oder Verbrechen --, schließt die Kaste schnell die Reihen. »Einflüsse von außen« und/oder neurochemische Störungen beim Kind sind S.170 dann schuld. Nichts bringt die Familie zum Nachdenken.
Die republikanischen Amerikaner der Oberklasse werden, um ihr Gesicht zu wahren, den Hinckleys ihre Solidarität erweisen. Das Stigma, die Ächtung werden nicht lange dauern. Doch der Schmerz wird trotzdem nicht vergehen. Schlaflose Nächte werden Hinckleys Eltern haben, sie werden sich Fragen stellen, die sie sich, als Mitglieder ihrer Schicht, unmöglich beantworten können, ohne den Glauben an ihre selbsterrichteten Werte zu erschüttern. Sie werden beten, qualvoll nach Antworten suchen. Sie werden sie nicht finden.
Die Tat des Sohnes wird dem Vater beweisen, wie sehr er sich dem Sohn entfremdet hat. Der Fluch der Versäumnisse in Sachen Kommunikation, Anerkennung und Hilfe für John Hinckley jun. fällt auf seine Eltern zurück. Das Entsetzen -- Reaktion auf die Tat -- wird sich abnutzen, aber das Gefühl der Entfremdung dem eigenen Kind gegenüber wird anhalten.
Liegt der Fall hier in Deutschland, in Italien anders? Auf den ersten Blick ja. Ideologische Konflikte scheinen hier die größere Rolle zu spielen. Oder werden sie nur hochgespielt, von Mitgliedern der Szene und der Presse? Doch wo kommen diejenigen her, die spektakuläre politische Gewalttaten begehen? So wie in Amerika kommen sie aus der Mittel- und Oberschicht, aus Familien, die sich im wesentlichen zu denselben moralischen Werten und Normen bekennen wie die Hinckleys, Reagans, Doerings.
Die wahren Götter dieser euro-amerikanischen Oberschichtkultur sind Leistung, Wettbewerb, Erfolg, Macht und Reichtum. Diese Götter sind viel gnadenloser als Abrahams Gott in ihrem Verlangen nach psychischen Opfern, der Ächtung der eigenen Kinder.
Der Mythos reproduziert sich selbst durch das Medium Mensch: Die geopferten Kinder kommen zurück, um sozusagen ihre Eltern zu opfern.
Einige werden erfolgreicher als ihre Väter, einige machen ihnen Schande, indem sie sich selbst zerstören, wieder andere, wie Hinckley, kommen zurück und töten den Präsidenten.
So gesehen, ist Reagan Opfer seiner eigenen Kultur und Ideologie, so, wie Trotzki Opfer der seinigen war. Ödipus tötet Laios, Stalin vernichtet seinen ideologischen Vater, John Warnock Hinckley jun. bringt beinahe den Vater Amerikas um.
Wir alle -- ich, John Warnock Hinckley jun., mein Vater, Ronald Reagan, John Warnock Hinckley sen. sind Opfer auf dem Altar des westlichen Mythos Erfolg. Diesen Gott dürstet ebenso nach Blut wie die alten Götter der Azteken. Und um seinen unendlichen Durst zu stillen, wird in Amerika, in Europa, noch mehr Blut fließen, und keine Flut von Tränen wird die Flecken wegwaschen können.
S.166Alle US-Präsidenten seit 1840, die im Abstand von zwanzig Jahrengewählt wurden, überlebten ihre Amtsperiode nicht.*