Japan Unsichtbare Existenz
Für die Fernsehkameras läßt sich der Austräger der Zeitung KOBE SHIMBUN ein wenig mehr Zeit als sonst. Wie ein Politiker vor der Wahlurne hält er kurz inne, bevor er das Lokalblatt in den Briefkasten der Tomogaoka-Schule steckt.
So etwa sei es gewesen, erzählt der Mann, als er hier vor fast drei Wochen morgens um fünf neben dem Schultor den abgeschnittenen Kopf des Schülers Jun Hase, 11, entdeckte. Er hielt ihn erst für eine gruselige Attrappe. Ein Auge war geschlossen, auf die Stirn hatte der Täter Zeichen geritzt.
Den Rest der Leiche fand man ein paar hundert Meter weiter auf einem bewaldeten Hügel. Seitdem hat sich der Alltag in Kobes Stadtteil Suma gründlich geändert. Selbst tagsüber traut sich kaum jemand allein auf die Straße. Hausfrauen kaufen gemeinsam ein, Kinder machen sich nur noch in Begleitung Erwachsener auf den Schulweg, Väter lassen sich abends vom nahen Bahnhof per Taxi nach Hause fahren.
Zwar patrouillieren 580 Polizisten durch das Viertel, doch der Mörder ist noch immer nicht identifiziert. In Bekennerbriefen hat er weitere Taten angedroht: »Mir macht das Töten wahnsinnigen Spaß, ich möchte Menschen sterben sehen.«
Erneut ist die Hafenstadt Kobe für die japanische Nation zum Ort des Grauens geworden. Im Januar 1995 zerstörte das verheerende Erdbeben mit mehr als 6300 Toten den bis dahin gern gepflegten Mythos, daß der hochentwickelte Inselstaat alle unvorgesehenen Krisen beherrschen könne. Nun reißt der bestialische Mord an dem geistig leicht zurückgebliebenen Jun Hase die Japaner wieder aus dem Glauben, nirgends so sicher vor Verbrechen zu sein wie im eigenen Land. Dabei ist der Schrecken noch nicht verflogen, den 1995 der verrückte Anführer der Aum-Sekte mit seinen Giftgasanschlägen ausgelöst hatte.
Das Böse drang diesmal in eine friedliche Neubaugegend ein, wie sie in Japan überall entstehen. Um in Suma Platz für Wohnblocks an breiten Straßen zu schaffen, ließen die Planer ganze Hügel abtragen. Den Abschied vom traditionellen japanischen Stadtleben mit verschachtelten, dünnwandigen Holzhäusern, engen Gassen und geschwätzigen Nachbarn bezahlen die Bewohner der Retortenstadt mit höherer Anonymität. »Hier kennt keiner den anderen«, klagt Kazuichi Ishida, 83, Vorsitzender des Ortsvereins von Suma.
An jeder Ecke wittern verängstigte Anwohner Gefahren: In Parks und Gärten holzen sie Büsche und Bäume ab, die als Versteck für den Übeltäter dienen könnten. Ihren Kindern hängen sie Trillerpfeifen um, die Wohnungstüren sichern sie mit Ketten.
Die Medien berichten täglich neue Einzelheiten und fachen so die Hysterie an. Oberhalb der Tomogaoka-Schule haben große TV-Sender Übertragungswagen postiert. Anhand detailgetreuer Miniaturmodelle des Tatorts, mit Interviews von Nachbarn und Schulfreunden rekonstruieren aufgeregte Reporter immer wieder die letzten Stunden im Leben des Grundschülers Jun.
Am 24. Mai verließ der Junge mittags das elterliche Apartment, um seinen Großvater zu besuchen, der nur 700 Meter entfernt wohnt. Dort kam er nie an. Tage später wollen Zeugen beobachtet haben, wie sich ein 30 bis 40 Jahre alter Mann mit schwarzen Plastiksäcken frühmorgens vor der Schule zu schaffen machte.
Auf Zetteln, die er seinem Opfer in den aufgeschlitzten Mund gesteckt hatte, und in einem Brief an KOBE SHIMBUN bezeichnet sich der Täter als »Seito Sakakibara, der Schulmörder«. Sein Motiv: Rache am japanischen Erziehungssystem, »das aus mir eine unsichtbare Existenz gemacht hat«. Von seinem Groll könne ihn nur seine Lust am Morden befreien: »Das Spiel beginnt.«
Aus der Sprache, die populäre Grusel-Comics nachahmt, schließen Psychologen und Kriminologen auf einen besonders kaltblütigen, geltungsbedürftigen Täter.
Daß der Anschlag einem Schüler galt, trifft die japanische Gesellschaft im Kern. Denn kaum eine Institution verkörpert so eindeutig Harmonie und Gruppengeist, aber auch Zwang und Unterdrückung wie die Schule: »Wer nicht mitkämpft, soll verschwinden«, fordern riesige Schriftzeichen über dem Baseballplatz der Tomogaoka-Schule.
Getreu dieser Maxime erziehen Japans Lehrer ihre Zöglinge mit scharfem Drill zu Anpassung und Gehorsam. Der Druck treibt immer wieder sensible Außenseiter in den Selbstmord.
Daß hinter der Fassade der Disziplin bisweilen tiefer Haß schwelt, beweisen zahlreiche Drohanrufe, die nach dem Mord bei Schulen im ganzen Land eingingen. In der Präfektur Ibaraki töteten Unbekannte die Kaninchen in einem Schulgehege.
Für den Mord machen Experten auch brutale Comics und Videospiele verantwortlich, mit denen sich japanische Jugendliche, aber auch viele Erwachsene vom Streß in Schule und Firma ablenken. Offenbar habe es dem Täter nicht mehr genügt, »sich virtuell zu amüsieren«, vermutet der Psychologe Toshiaki Inoue.
Wie schon nach dem Erdbeben vertrauen die Bürger von Kobe vor allem auf sich selbst: In der Nähe der Schule wachen allabendlich Mitglieder des Ortsvereins. Die meisten sind im Greisenalter, da die jüngeren Männer erst spät abends von der Arbeit heimkommen. Unsicher leuchten die Alten mit Taschenlampen in der Dunkelheit herum.
Tagsüber behängen sie Strommasten mit selbstgemalten Parolen, die den Nachbarschaftsgeist stärken sollen: »Mütter, seid stark, verliert nicht euer Lächeln«.