GROSSBRITANNIEN Unten rot
Der Sondermüll aus Kanada war vorschriftsmäßig verpackt und gekennzeichnet. Dennoch verweigerte der südostenglische Hafen Tilbury die Abnahme des Containers.
Daraufhin fuhr die »Chudoschnik Sarjan« um die britische Insel herum nach Liverpool - vergebens. Auch dort war die PCB-Ladung nicht an Land zu bringen, weil Umweltschützer, Dockergewerkschaft und Hafenverwaltung zusammenstanden.
Als der Sowjetfrachter schließlich mit Kurs zurück nach Kanada in See stach, jubelten die Zeitungen: »Sieg in der Schlacht gegen das Schiff der Schande.« Ermutigt durch diesen Erfolg rüsteten Briten zu neuen Schlachten gegen 14 Ladungen von Schadstoffen, die in diesen Wochen in ihrem Land entladen werden sollen.
Die Proteste gegen den Giftmüllimport unterstreichen einen neuen Trend: Großbritannien will nicht länger »die Mülltonne der Welt« sein. Grüne Ideen werden auch im Ausgangsland der industriellen Revolution immer stärker.
Bürger, die glaubten, daß Industrieschmutz und Wohlstand untrennbar zusammengehören (Sprichwort: »Where there is muck, there is money"), entwickeln plötzlich Umweltbewußtsein.
Bei der Europawahl im Juni stimmten 2,25 Millionen Briten für die Grüne Partei, für die sich 1983 gerade 71 000 entschieden hatten. Keine Gruppe im Land wächst so schnell wie die Umweltorganisation Greenpeace: 10 000 neue Mitglieder jeden Monat.
Zeitungen, bemüht um Einklang mit dem Zeitgeist, berichten neuerdings regelmäßig über Umweltfragen, das Buntblatt »Today« in der Standard-Rubrik »Save the World«. Der konservative »Daily Telegraph« (Spottname: »Daily Torygraph") schloß sich mit den »Friends of the Earth« zu einer Kampagne zwecks Propagierung des Recycling zusammen: In Großbritannien werden nur 16 Prozent aller verkauften Flaschen und Gläser wiederbenutzt (Europa-Durchschnitt: 30 Prozent).
Inzwischen hat die grüne Welle auch Margaret Thatcher erfaßt. Im Juli ersetzte sie ihren auf Wachstum über alles eingeschworenen und deshalb als »Öko-Lümmel« verrufenen Umweltminister Nicholas Ridley, 60, durch Chris Patten, 45.
Der gilt als umweltbewußt, weil er ein Entwicklungshilfeabkommen mit Brasilien von Bedingungen zum Schutz des Tropenwaldes abhängig gemacht hatte. Vorige Woche legte Patten eine Studie vor, die Umweltschutz mit allen Wirtschaftsaktivitäten verbindet. Flüsse, der Boden, ja Schmetterlinge sollen einen Preis bekommen, den zu bezahlen hat, wer ihnen Schaden zufügt.
Großbritanniens Öko-Lobby begrüßte den Bericht, obschon sie bezweifelte, daß er je Grundlage der Regierungspolitik wird. Denn die Pläne des Umweltministeriums kollidierten stets mit Interessen der mächtigen Ministerien für Energie, Landwirtschaft sowie Industrie und Handel.
Das könnte sich jetzt ändern. Denn mit Hilfe der Regierungschefin kann Pattens Umweltministerium mehr Einfluß bekommen. Und Margaret Thatcher erlebte nach Meinung des »Economist« eine »bemerkenswerte Verwandlung«, seit »ihre Antennen das steigende Interesse der einfachen Leute an Umweltfragen registrierten«.
Manche mißtrauen der neuen »Mrs. Greenmantle« ("Financial Times"). »Unechtes Grüntun greift um sich und soll eine großangelegte Offensive auf die Grünen tarnen«, warnte Sara Parkin, eine Sprecherin der britischen Grünen; Frau Thatcher habe Chris Patten vor allem den Auftrag erteilt: »Schaff mir die Grünen vom Hals.«
Die Grünen selbst sehen den Atomunfall von Tschernobyl als wichtigsten Einschnitt ihrer Geschichte an: Viele Briten dachten nun zum erstenmal über zerstörende Folgen der Wirtschaftsentwicklung nach und folgten damit verspätet den Trends in den USA und in Zentraleuropa. Später sei gerade in der gewinngierigen Thatcher-Gesellschaft ein »Hunger nach moralischen Werten« hinzugekommen, wie das Magazin »New Statesman/New Society« die Wende erklärte.
Margaret Thatcher hatte sich in Sachen Umwelt durch einen Wissenschaftler beeinflussen lassen: Sir Crispin Tickell, britischer Uno-Botschafter und studierter Klimatologe, berichtete ihr über die drohende Katastrophe und erweckte bei der Diplom-Chemikerin Interesse für grüne Anliegen.
Die Regierungschefin verordnete ihrem Kabinett ein Tagesseminar in der Downing Street 10 zum Thema Klimawandel und unterstützte eine Ozon-Konferenz in London. Der Sensationserfolg der Grünen bei den Europawahlen veranlaßte sie dann, grüne Ideen in die Tagespolitik einzubringen.
Chris Patten, ihre grüne Geheimwaffe, beschwor die Bewegung gegen den Giftmüllimport, darunter Bürgerinitiativen aus Pontypool in Wales, wo die Schadstoffe verbrannt werden sollen, ihre Aktionen abzubrechen: Falls das PCB nicht von Experten in modernen Anlagen entsorgt werde, sei die Gefahr groß, daß es ins Meer geschüttet oder in ein armes Drittweltland gekippt werde.
Einige Ökologen geben Patten recht - und natürlich Großbritanniens Entsorgungsindustrie, eine der bedeutendsten Wachstumsbranchen des Landes.
Sie importierte 1981 knapp 4000 Tonnen Sondermüll, heute sind es an die 100 000 Tonnen. Die ReChem Company in Pontypool verdoppelte im Finanzjahr 1988/89 ihren Gewinn. #