Unter Null
Apart, brünett und hochbeinig kam Inga Haag, Frankfurter Journalistin, von den mager gewordenen Weihnachts-Truthähnen des sozialistischen England nach Deutschland zurück. Als politische Mitgift einen Schneeball bei sich tragend, der die Brüderschaft des deutsch-englischen Sozialismus ins Auge traf: Vorstandsmitglied und Ex-Vorsitzender der Labour-Party, Professor Harold Laski, dessen Vorlesungen Inga Haag im vergangenen Jahre hörte, hatte ihr eine Botschaft an das deutsche Lese-Publikum mitgegeben.
»Es erfüllt uns mit tiefem Bedauern, aus den Reihen deutscher Sozialisten seit einiger Zeit Nationalismus reinsten Wassers zu hören«, hieß es darin. »Sind sie wieder auf der Suche nach einem Scheidemann oder Noske? Will man denn eine dritte Generation junger Deutscher, die nicht weiß, was Sozialismus wirklich bedeutet, wieder opfern?
»Sie sollten nicht so sein, wie Vansittart die Deutschen darstellt, sondern begreifen, daß Sozialisten sich in erster Linie mit Sozialismus befassen müssen, auch wenn ihnen dies vielleicht sonderbar erscheinen mag. Die jungen deutschen Sozialisten werden uns im Transport-House (Sitz des Partei-Vorstandes) immer willkommen sein. Wir werden ihnen gerne dabei helfen, Sozialismus zu verstehen, wenn ihre Parteiführer nicht dazu imstande sind.«
In der »Frankfurter Rundschau« entledigte sich Inga Haag der professoralen Botschaft. Der Sozialdemokratische Pressedienst entgegnete aus Schumachers Odeonstraße. Der Partei-Vorstand selbst schwieg. In England habe ja nicht der Partei-Vorstand, sondern ein einzelner Sozialist gesprochen.
»Jeden Versuch, solche Nachhilfestunden zu erteilen«, griff der Sozialdemokratische Pressedienst das Stichwort vom Nationalismus auf, »würden wir mit einer sehr detaillierten Aufklärung darüber beantworten, daß der Sozialismus auch für junge deutsche Sozialisten nicht Professor Laskis britischer Nationalismus sein kann. Wir sind zur Diskussion bereit, aber nicht in der Rolle eines Schülers gegenüber einem Lehrer, der uns als Pädagoge ungeeignet zu sein scheint.«
Dieser Pädagoge ist Vorsitzender der Fabier-Gesellschaft, des Reservoirs der englischen Links-Intelligenz, aus dem 60 Prozent der britischen Labour-Minister hervorgegangen sind. Er löste nach den 45iger Wahlen Attlee im Partei-Vorsitz ab (von dem er sich allerdings 1946 wegen taktischer Differenzen entbinden ließ) und er hat 19 Bücher geschrieben, von denen einige zu den Standard-Werken der sozialistischen Literatur zählen. Trotzdem will ihn Schumachers England-Spezialist Putzrath nur als »impulsiven Einzelgänger«, als »General ohne Armee« sehen. Und auch Schumachers Generalsekretär Fritz Heine ignorier: den Laski-Rauhreif auf dem Blütenkelch deutsch-englischer Sozialisten-Brüderschaft.
Dieser Blütenkelch öffnete sich vor zwei Jahren; Kurt Schumacher reiste damals als erster deutscher Politiker nach England, und der labour-amtliche »Daily Herald« schrieb dazu: »Wenn Deutschland umerzogen werden soll, wird diese Aufgabe von Männern wie dieser (Schumacher) bewältigt werden.«
Die wohlwollende sozialistische Tante in England setzte »nach der Wiederherstellung der abgerissenen Bande zwischen den Arbeiterbewegungen Europas« (Manchester Guardian zum Schumacher-Besuch) zwar voraus, daß der Neffe sich stillschweigend an bestimmte Spielregeln halten würde. Sie verzieh ihm aber das in ihren Augen eigensinnige Verharren auf den ihr fremden Doktrinen des Marxismus.
Nicht verziehen wurde dagegen die Tatsache, daß die deutschen Sozialdemokraten in der Nervosität innenpolitischer Programm- und Aktionskrisen ihre politischen Effekte immer eindeutiger in außenpolitischen Kommentaren suchten. In Appellen also an den nationalen Komplex des besiegten Volkes.
Das führte, als beim Nahen der Hauptentscheidungen über Deutschland die Gelegenheit zur außenpolitischen SPD-Resonanz zwar dringender, aber auch billiger wurde, zu einem schweren Stimmungsrutsch in London. Von der konservativen »Daily Mail« bis zur weit linksstehenden »Tribune« herrschte Unzufriedenheit mit dem, was in Westdeutschland geredet wurde (nicht nur von der SPD allerdings).
Zwar saß der sozialistische Wirtschafts-Papst Stafford Cripps noch im Londoner Furtwängler-Konzert. Zwar kamen noch Leserbriefe deutschfreundlicher Tendenz bei großen wie kleinen Blättern an. Aber die Leitartikel wurden immer unfreundlicher und im Gespräch gab es manch hartes Urteil über ein »Wiedererwachen der deutschen Arroganz, der deutschen Wehleidigkeit und der deutschen Taktlosigkeit«. (Inga Haag)
In dieser Atmosphäre gingen auch die Stimmen ehrlicher Besorgnis über die Fragwürdigkeit frankreichbezogener politischer Schwankungen und Schwenkungen unter. Eckernförde kam dazu, und seitdem steht das Thermometer unter Null.
Im Treibhausklima der Ruhrverhandlungen waren dann die »stark nationalistischen Tendenzen und Remilitarisierungsphantasien« (Londoner Büro der »Welt«, Sitz im Foreign »Office) ein zugkräftiges Argument. Da nützte kein Berliner Wahlergebnis etwas. Im Gegenteil. »New Statesman and Nation« von Labour-Ultra-Links schrieb mit ätzender Schärfe. »Die Ursache für die aufsehenerregende sozialdemokratische Mehrheit ist nicht in einem von Reuter oder Neumann aufgestellten Programm zu sehen, sondern darin, daß die Reden dieser beiden Männer viel stärker nationalistisch gefärbt waren, als die der anderen Partei-Führer. Durch den Einfluß von Dr. Schumacher erhält die deutsche Sozialdemokratie chauvinistische Tendenzen.«
Vom »imperialistischen« Bevin bis zum internationalen Links-Sozialisten Bevan herrscht bei Labour Einigkeit darüber, daß man statt Schumacher, der in den Blütenkelchtagen die gute Presse als Umerziehungs-Mann hatte, statt Carlo Schmid und Ernst Reuter lieber andere Männer an der deutschen Parteispitze sähe.
Vor zwei Jahren, in den Blütenkelchtagen, als Umerziehungs-Schumacher in London war, machte sich in der Schweiz die »Neue Zürcher Zeitung« Gedanken über »Das Bild der Lage in London nach Gesprächen mit Schumacher": »Gleichzeitig aber wird schweigend angenommen«, schrieb sie, »daß die Deutschen die Spannung zwischen West und Ost erkennen und sich zumindest nicht für den Osten entscheiden.« Wiederum aus der Schweiz kommt die jüngste politische Deutung der Tage des Rauhreifs: Nachdem die Deutschen eindeutig und endgültig für den Westen optiert hätten, brauche die britische Politik die Unwägbarkeiten sowjetischer Anziehungskraft auf Westdeutschland nicht mehr zu berücksichtigen, kommentiert »Die Tat«.