Unterm Bett - DER SPIEGEL
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AUSTRALIEN Unterm Bett

Der neue Labor-Premier Bob Hawke will Unternehmer und Gewerkschaften miteinander aussöhnen.
• aus DER SPIEGEL 11/1983
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Sein erster Erfolg ging gleich ins »Guinness Book of Records« ein: Er schluckte knapp anderthalb Maß Bier in zwölf Sekunden.

Der junge Stipendiat aus Australien war gut im Training, »er soff wie ein Loch, war ständig hinter den Weibern her und spielte Kricket bis zum Umfallen«, erinnert sich ein Ex-Kommilitone. Das war 1953 in Oxford, England.

Seinen jüngsten Erfolg feierte Robert James Lee ("Bob") Hawke 30 Jahre später daheim in Australien: Am vorletzten Samstag beendete Hawke, inzwischen 53 und Chef der Labor Party, mit einem triumphalen Wahlsieg die über sieben Jahre währende Ära des liberalkonservativen Premiers Malcolm Fraser.

»Ein Raufbold kommt nach oben«, schrieb der »Observer« in London über den Sieger im Commonwealth-Land, ein Raufbold aber, der seine Schwächen - unkontrollierte Ausbrüche, Großmäuligkeit, einen »teuflischen Hang zu Frauen« und Alkoholismus (im Moment ist er trocken) - offen zugibt und allein schon mit dieser Offenherzigkeit Sympathie, Bewunderung und Stimmen sammelte.

Hawke sei sexy, befand sogar die Ehefrau des geschlagenen Fraser, ein ganzer Kerl, ein »good mate«, sagen die Australier, wie die Männer dort selbst gern sein möchten. Und so verschafften ihm die 9,5 Millionen Wähler 74 von 125 Sitzen im australischen Repräsentantenhaus, eine satte Mehrheit für die Labor Party, die in den vergangenen 34 Jahren nur drei Jahre an der Macht war.

Den Willen zumindest, nun auch ein guter Staatsmann werden zu wollen, nehmen die Australier ihrem neuen Premier durchaus ab. »Ich habe mir schon 1979 geschworen, nicht mehr soviel zu fluchen«, bekannte Hawke, der noch vor ein paar Jahren als Gewerkschaftsboß durchaus Deftiges von sich gab, etwa: »Auf Frasers Farm 'Nareen' scheißen sich die Schafböcke selber an.«

Schon im Wahlkampf hatte sich der Pfarrersohn, der erst vor zweieinhalb Jahren ins Parlament kam, manierlich benommen, und in der Wahlnacht feierte er seinen Sieg mit Mineralwasser und dem Versprechen, aus Australien wieder eine »große stolze Nation« zu machen. Seinem Kontrahenten Fraser bot er einen »würdevollen Abgang« an.

Für den war das ein geringer Trost: Bleich, den Tränen nahe, mit zitternder Unterlippe gestand Fraser seine Niederlage ein und gab gleich auch noch den Parteivorsitz bei den Liberalen ab. Denn völlig ohne Not hatte er die Neuwahlen um neun Monate vorgezogen, in der vagen Hoffnung, mehr Zustimmung für einen sechsmonatigen Lohnstopp zu erhalten, dem sich Gewerkschaften und Labor-Opposition verweigerten.

Doch der Wahlcoup mißlang gründlich: Fraser hatte sich auf seinen in den Vorjahren stets glücklosen Labor-Gegner Bill Hayden eingestellt. Am selben Tag aber, an dem Fraser die Neuwahlen ausrufen ließ, wählte Labor den aggressiven Hawke zum Spitzenkandidaten. Der hatte zwar nur 29 Tage Zeit, um sich als Fraser-Herausforderer zu profilieren. Doch das reichte gegen den steifen, unnahbaren Premier.

Denn als Führer des australischen Gewerkschaftsbundes Actu hatte sich Hawke seit Beginn der 70er Jahre längst einen Namen gemacht, war er längst schon der populärste Mann im Lande; S.168 Fraser fiel denn auch nichts anderes ein, als die Angst vor den Sozialisten und ihrer Wirtschaftspolitik zu schüren. In Melbourne etwa behauptete er, Hawke stehe unter Einfluß von Kommunisten und wolle den Australiern an die Sparkonten, um seine Wohlfahrtsprogramme finanzieren zu können: »Unter einer Labor-Regierung wird Ihr Geld unterm Bett sicherer als in der Bank sein.« Damit verschreckte er die Banken und die Wähler gleichermaßen. Hawke konterte: »Sie können Ihr Geld gar nicht unters Bett legen, denn dort hocken doch schon die Kommunisten.«

Mit wirtschaftlichen Erfolgen konnte der Monetarist Fraser sich ohnehin nicht zieren: 10,1 Prozent der Australier sind arbeitslos, so viele wie nie seit den 30er Jahren, die Inflationsrate liegt bei elf Prozent, das Wirtschaftswachstum hingegen gerade bei einem Prozent.

Hawke will nun nicht nur Lohn- und Preiskontrollen durchsetzen, sondern zugleich mit einem Investitionsprogramm von rund sechs Milliarden Mark in drei Jahren eine halbe Million Arbeitsplätze schaffen. Nach dem ersten Kassensturz vorige Woche war allerdings schon nicht mehr sicher, ob die neue Labor-Regierung so viel auszugeben hat. Das von Fraser hinterlassene Haushaltsdefizit liegt bei 22 Milliarden Mark, sieben Milliarden mehr als zuvor geschätzt.

Mehr Glück könnte Hawke jedoch als Vermittler einer ersten konzertierten Aktion von Unternehmern und Gewerkschaften beschieden sein. Auf diesem Terrain kennt er sich aus, seit er erst als Rechtsanwalt, dann als Actu-Präsident selbst harte Verhandlungen führte, Streiks anfachen und im rechten Moment wieder zu beenden half. Sein Actu-Nachfolger Cliff Dolan und sogar die militante Hafenarbeitergewerkschaft haben ihm Unterstützung zugesagt.

Und wenn Hawke erst einmal die Wirtschaftsfronten versöhnt hat, will er seine sozialen Versprechen nach und nach einlösen: Verstaatlichung des Krankenversicherungssystems, Baustopp eines Riesenstaudammes, der die »Tasmanische Wildnis«, eines der letzten Regenwaldgebiete der Welt, bedroht, sowie Landrechte für die Aborigines, Australiens diskriminierte Ureinwohner (sein Sohn lebt seit Jahren bei den Aborigines und kämpft für deren Belange).

Auf keinen Fall will Hawke ein »Touristen-Premier« werden wie seine Vorgänger Fraser und auch Labor-Premier Gough Whitlam, die über Staatsvisiten und Dienstreisen ihr Land vernachlässigten. Außenpolitische Entscheidungen sind im Moment zweitrangig.

Dennoch beeilte sich Ronald Reagan, in seinem Glückwunschtelegramm an Hawke nachdrücklich auf die engen freundschaftlichen Beziehungen zwischen beiden Ländern hinzuweisen. Denn Hawke hatte im Wahlkampf Ähnliches verkündet wie Hans-Jochen Vogel in Bonn: daß »die US-Interessen nicht unbedingt mit unseren Interessen übereinstimmen müssen«.

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