TÜRKEI Unterm Fallbeil
General Kenan Evren, 64, Präsident der Republik Türkei, zeigte sich Mitte Februar während der Wintermanöver namens »General-Kurtcebe-Noyan« selbstzufrieden. Anläßlich eines Abstechers zur Atatürk-Universität im ostanatolischen Erzurum meinte der oberste Türke, der mittlerweile Ehrendoktor und Professor honoris causa aller türkischen Hochschulen ist: »Gott sei Dank erleben wir eine ruhige Epoche an den Universitäten.«
Doch der General ist wachsam. Dieser Zustand müsse nicht unbedingt immer so bleiben. »Unsere Feinde«, meinte Evren im Gespräch mit dem Kollegium, »werden bei jeder Gelegenheit versuchen, sich mit denselben Taktiken und den daraus gewonnenen Erfahrungen gegen uns zu stellen.«
Den Feind im Hochschulbereich sichten Ankaras Militärs links, und in seinen S.147 Reihen klaffen bereits große Lücken. Seit August vergangenen Jahres, knapp zwei Jahre nach der Machtergreifung der Generale, übt ein vom Regime eingesetzter Hochschulrat (Yök) unter Leitung des militärfreundlichen Professors Ihsan Dogramaci, 67, die Kontrolle über sämtliche höheren Lehranstalten aus. Seither wurden weit über 200 linke bis gemäßigt linke Universitätslehrer und -assistenten fristlos und ohne Angabe von Gründen gefeuert, 22 Professoren und 8 Dozenten waren es allein im Februar.
Am stärksten betroffen sind die Universitäten Istanbuls und Ankaras, und da in erster Linie die Fakultäten für Politische Wissenschaften, Wirtschaft, Sozialwissenschaften und Jura, die hervorragender Lehrkräfte beraubt wurden, aber auch Mediziner und Mathematiker mußten gehen.
»An den größten Universitäten des Landes«, so einer der entlassenen Professoren, »kann der Lehrkörper den Anforderungen des Lehrbetriebs nicht mehr gerecht werden.« Dies um so weniger, als weitere regimekritische Hochschullehrer dem Druck des Yök auch freiwillig weichen.
Einer von ihnen, der international angesehene Politologieprofessor Cahit Talas, während der Militärintervention von 1960 bis 1962 Arbeitsminister und Wegbereiter der türkischen Gewerkschaftsgesetze, warf vorige Woche das Handtuch: »Ich kann, wo ich so viele meiner Arbeitskollegen verloren habe, nicht weiterarbeiten.«
Ein anderer, der Wirtschaftsdozent Yalcin Kücük von der Ankaraer Gasi-Universität, wurde Mitte Februar nach seinem Ausscheiden zu siebeneinhalb Jahren Gefängnis und einem halben Jahr Verbannung verurteilt. Die Militärrichter fanden, Kücük habe in seinem Buch »Für eine neue Republik« - einer Sammlung von Artikeln für die sozialdemokratische Zeitung »Cumhuriyet« - an dem jahrelang niemand Anstoß genommen hatte - »den Kommunismus verherrlicht«.
Andere Hochschullehrer akzeptierten, an kleinere Universitäten gewissermaßen strafversetzt zu werden, wo sie auch schon mal verpflichtet werden, in ihnen fremden Disziplinen zu unterrichten. Beispiel: Professor Erhan Yasar, angesehener Sozialpsychologe von der Mittelost-TU Ankara, lehrt jetzt im südtürkischen Adana Wirtschaftswissenschaften.
Die Autonomie der türkischen Universitäten ist seit dem Wirken des Hochschulrats dahin. Auf einer Pressekonferenz in Ankara versuchte Professor Dogramaci zwar, den 25köpfigen, vom Regime handverlesenen Yök reinzuwaschen: »Es tut mir leid, die Entlassungen hat die Kriegsrechtverwaltung ausgeführt, ich habe nichts damit zu tun.«
Türkische Top-Akademiker sind jedoch überzeugt, daß der Hochschulrat hinter den Rausschmissen steht und hinter dem offenkundigen Ziel, progressives Gedankengut an den Universitäten auszumerzen, die Institute überhaupt zu entpolitisieren.
Nach dem Text der neuen Verfassung, die im vorigen November per Volksabstimmung abgesegnet wurde, dürfen sich Professoren wie Studenten politisch nicht betätigen, keiner Partei angehören. Die geforderte politische Askese gipfelt in einem jüngst erlassenen, skurrilen Bartverbot für Lehrende wie Lernende: Mit auf- oder abgezwirbelten, mit Spitz- oder Rundbärten könnten sie ja politische Signale in die Alma mater tragen.
»Der Wert eines Mannes der Wissenschaften«, protestierte Professor Aksel von der Mimar-Sinan-Universität in Istanbul, »sollte an seinem Hirn und nicht an seinen glattrasierten Backen gemessen werden.« Der Protest war vergeblich, Aksel mußte seinen Abschied nehmen, da er sich weigerte, sich von seinem Bart zu trennen.
Aksels Zukunft sieht wie die aller seiner arbeitslosen Kollegen düster aus. Sie haben den Anspruch auf Pension verloren, dazu kommt eine lebenslange Sperre für den öffentlichen Dienst, und die wenigsten dürften die Erlaubnis erhalten, ins Ausland zu reisen, um dort zu arbeiten.
Reisen ist Sache der Regimetreuen. Professor Yahya Tezel, Yök-Mitglied und neuerdings Dekan der soziologischen Fakultät der Mittelost-TU, ging auf Besuchstour an britische Universitäten und nach Brüssel. Tezel, angeblich der Mann hinter den Säuberungsaktionen, trägt in türkischen Intellektuellenkreisen den Beinamen »Scharfrichter«.
Er hat wesentlich dazu beigetragen, daß die Freiheit von Forschung und Lehre ebenfalls unters Fallbeil geriet - sogar für Ausländer. Am 21. Februar machte das Regime bekannt, daß künftig jede Form wissenschaftlicher Forschungsarbeit auf den Gebieten Archäologie, Historie, Soziologie und anderes mehr beim Außenministerium zu genehmigen und zu kontrollieren sein wird.
»Die Dinge«, kommentiert eine deutsche Turkologin in Ankara, »könnten für türkische und ausländische Wissenschaftler nicht schlechter stehen.«
Ehrenprofessor Evren hingegen sah die Entwicklung an den türkischen Hochschulen positiv. »Wir dürfen nicht vergessen, daß wir den uns anvertrauten Kindern nicht nur wissenschaftliche Erkenntnisse vermitteln sollen«, meinte er in Erzurum, »sondern wir müssen gleichzeitig für das Vaterland und unsere Nation gute Kinder erziehen.«