URTRIEB
(Nr. 36/1954, Deutschland)
Zu Ihrem Bericht über die »Kurzschule Weißenhaus« ("Jugend-Schulung - Wenn du eingezogen wirst"): Der gesunde junge Mensch will sich in Anstrengung und Gefahr bewähren; das ist ein Urtrieb, vielleicht noch ein Rudiment unseres Tierdaseins. Diesen Trieb nutzen die Machthaber aus, wenn sie zu den Waffen rufen und die Völker ins Elend stürzen. Auch viele Verbrechen Jugendlicher entspringen diesem Trieb.
In Weißenhaus soll dieser Trieb Befriedigung ohne Blutvergießen finden, und es soll gezeigt werden, daß man auch zum Wohl der Menschen, nämlich bei Seenot und bei der Feuerwehr, seine Kraft einsetzen kann und große Befriedigung dabei findet.
Heidelberg
Dr. H. Plieninger
... Ich möchte Ihnen an Stelle einer Entgegnung den Anfang des Märchens »Die Schneekönigin« von H. C. Andersen schicken, das er um 1870 niedergeschrieben hat:
Seht! nun fangen wir an. Wenn wir am Ende der Geschichte sind, wissen wir mehr als jetzt, denn es war ein böser Kobold! Es war einer der allerärgsten, es war der Teufel! Eines Tages war er recht bei Laune, denn er hatte einen Spiegel gemacht, welcher die Eigenschaft besaß, daß alles Gute und Schöne, was sich darin spiegelte, fast zu nichts zusammenschwand, aber das, was nicht taugte und sich schlecht ausnahm, hervortrat und noch ärger wurde Die herrlichsten Landschaften sahen wie gekochter Spinat darin aus, und die besten Menschen wurden widerlich oder standen auf dem Kopf ohne Rumpf; die Gesichter wurden so verdreht, daß sie nicht zu kennen waren, und hatte man einen Sonnenfleck, so konnte man überzeugt sein, daß er sich über Nase und Mund verbreitete. Das sei äußerst belustigend, sagte der Teufel. Fuhr nun ein guter frommer Gedanke durch einen Menschen, dann zeigte sich ein Grinsen im Spiegel, so daß der Teufel über seine künstliche Erfindung lachen mußte. Alle, welche die Koboldschule besuchten - denn er hielt Koboldschule - , erzählten rings umher, daß ein Wunder geschehen sei; nun könnte man erst sehen, meinten sie, wie die Welt und die Menschen wirklich aussähen. Sie liefen mit dem Spiegel umher, und zuletzt gab es kein Land und keinen Menschen mehr, welcher nicht verdreht darin gewesen wäre.
Nun wollten sie auch zum Himmel selbst auffliegen, um sich über die Engel und den lieben Gott lustig zu machen. Je höher sie mit dem Spiegel flogen, um so mehr grinste er; sie konnten ihn kaum festhalten; sie flogen höher und höher, Gott und den Engeln näher; da zitterte der Spiegel so fürchterlich in seinem Grinsen, daß er ihren Händen entfiel und zur Erde stürzte, wo er in hundert Millionen, Billionen und noch mehr Stücke zersprang. Und nun gerade verursachte er weit größeres Unglück als zuvor; denn einige Stücke waren kaum so groß wie ein Sandkorn, und die flogen rings umher in der weiten Welt, und wo jemand sie in das Auge bekam, da blieben sie sitzen, und da sahen die Menschen alles verkehrt oder hatten nur Augen für das Verkehrte bei einer Sache, denn jede kleine Spiegelscherbe hatte dieselben Kräfte behalten, welche der ganze Spiegel besaß
Es bleibt nur noch hinzuzufügen, daß der Böse lachte, so daß ihm der Bauch wackelte, und das kitzelte ihn so angenehm, und daß draußen kleine Glasscherben in der Luft flogen und heute noch umherfliegen.
Weißenhaus
M. Graf Platen
Mein Freund und Sportvereinskamerad wurde auch von seiner Firma nach Weißenhaus geschickt: Was sich in der gräflichen Schule abspielt, kennen wir Älteren nur noch aus unserer Wehrmachtszeit. Sportübungen, in denen ein Erfüllungssoll gesetzt wird, und Freiübungen, die nur noch Drill sind, haben ja mit körperlicher Ertüchtigung nichts mehr zu tun
Hamburg
Günter Lüders