Varava
Dietrich Backenknüller, Land- und Gastwirt im einsamen oldenburgischen Nutzhorn, faßte sich ein Herz, um bei seinen Flüchtlingen nach dem Rechten zu sehen. Vorsichtig schaute er durch den Türspalt in das Zimmer, wo Adolf Pakatzki mit einer Axt wilde Rhythmen auf den wackligen Tisch des Flüchtlingsquartiers hämmerte.
Auf dem Boden knieten singend, betend, jammernd Frau Pakatzki, vier Söhne Pakatzki, die Pakatzki-Schwägerin Zapinski mit fünf unmündigen Zapinskis und die unverehelichte Pakatzki-Schwägerin Czysick. In fremder Sprache psalmodierten alle mit verglasten Augen, dann wieder warfen sich alle bäuchlings zu Boden. Das ging seit Donnerstag, und dies war Sonnabend.
Adolf Pakatzki hatte seine aus Suwalki geflüchtete Familie in Nutzhorn wiedergefunden. Seitdem war in Backenknüllers Stube die alte Pakatzki-Tradition familiärer Abendandachten fortgeführt worden. Mit Chorälen, Wechselgesang und den langen monotonen Gebetsübungen, die bei manchen Gebetgemeinschaften evangelischer Christen mystischer Brauch geworden sind, wahrscheinlich unter dem Einfluß russischorthodoxer Sektierer. Adolf Pakatzki, am Tage Ziegeleiarbeiter mit dem Ruf eines ordentlichen, fleißigen und gutmütigen Menschen, zitierte abends zwischen Gesang und Gebet aus Suwalki-importierten Gebetbüchern orakelhafte Sprüche. Das alles war nahezu unbeachtet hinter den verschlossenen Fenstern des Flüchtlingsstübchens geschehen.
Nun aber, bei dem wilden Lärm, waren dem behäbigen Backenknüller seine Masuren unheimlich geworden, und er alarmierte die Nachbarschaft. Man müsse, meinte er, die frommen Beter ans Schlafen erinnern, und überdies sollte der jüngste Pakatzki mit Backenknüllers Abendbrot essen.
Zögernd öffnete Dietrich Backenknüller die Türe. Ein Nachbar stand mit einem Eimer Wasser bereit, um notfalls den Rückzug zu decken. Es wurde nötig. Backenknüller entkam mit knapper Not dem Prediger, der schreiend mit einem langen Brotmesser den Oldenburger verscheuchte.
Dann wurde die Tür des Pakatzki-Zimmers aufgerissen, und heraus stürzten die schreienden Beter. Adolf Pakatzki voran, stoben sie über die Diele auf die Straße und nahmen Richtung auf den Bookholzberg. Nach Adolf Pakatzkis Kommandorufen warfen sie sich dann und wann auf die Straße. Bei den Exerzitien im Trab mußte der 19jährige Pakatzki-Sohn neben dem Vater laufen, der ihm im Rhythmus der Schritte von der Seite ins Gesicht schlug.
Als die Beter am Sonntag immer noch »Varava, varava« riefen, alarmierte Backenknüller die Polizei und den Arzt. Die Delmenhorster Polizei erklärte sich für nicht zuständig und verwies auf den Polizeiposten in Bookholzberg, der zunächst seinen Krankheitsurlaub abbrechen mußte.
In Nutzhorn traf er schon auf den Redshorner Arzt, Dr. Heisler. Der unerschrockene einstige Regimentsarzt beschloß, Adolf Pakatzki von seiner Verwandtschaft zu isolieren und einer Heilanstalt zur Beobachtung zuzuweisen.
Als er in das Zimmer eindrang, bekam er von Adolf Pakatzki Ohrfeigen. Der Arzt retirierte, Pakatzki folgte ihm an die Tür und bellte heiser eine polnische Rede. Eingeflochtenen deutschen Brocken war zu entnehmen, ihm sei der heilige Geist erschienen und habe angekündigt, die Welt werde am Montag um 5 Uhr untergehen. Alles werde umkommen, nur er, Pakatzki, mit seinem frommen Anhang habe eine Chance; das Desaster zu überleben. Der Himmel werde zur Zeit um eine Arche angefleht, und man habe den Eindruck, dem Antrag werde entsprochen. Wer aber Pakatzki und seine Verwandtschaft bei dem Ausschiffungsmanöver hindern wolle, werde getötet.
»Du das glauben?« Jemand lacht. »Du Teufel.« Das Brotmesser blitzt.
Schließlich wurde Adolf Pakatzki auf eine Bahre gedrängt, und Dr. Heisler konnte eine Spritze anbringen. Aber der Anwärter auf die Stammvaterschaft einer späteren Menschheit reagierte erst bei der dritten Ladung Skopolamin.
Drinnen bei Pakatzkis, Czysicks und Zaplinskis gingen inzwischen die religiösen Riten weiter. Einigen stand blutiger Schaum vor dem Mund. Sie stießen mit dem Kopf im Rhythmus der Gebetsakte gegen die Wand und an die Bettlade aus Eisenblech, in der der jüngste Pakatzki wie in Agonie lag. Endlich schlief einer nach dem anderen vor Eschöpfung ein, doch einige Münder bewegten sich die ganze Nacht.
Dr. Heisler und der von ihm hinzugezogene Delmenhorster Nervenarzt hofften, ohne die Anstiftung Adolf Pakatzkis würden die Erschöpften ihre Uebungen nicht wieder beginnen. Doch am Montag beteten sie weiter, zerschlugen das Inventar und warfen Einmachgläser, Eimer und Milchkannen auf die Diele. Mutter Backenknüller bekam einen Nervenzusammenbruch, Vater Backenknüller alarmierte abermals Polizei und Arzt.
Mann für Mann, Frau für Frau, Kind für Kind mußte festgehalten werden, bis Dr. Heislers Spritzen wirkten. Ein Kind fand man an einen Stuhl festgeschnallt. Es sollte der grollenden Gottheit zum Opfer gebracht werden.
Schließlich kam der Feuerwehrwagen und brachte Adolf Pakatzkis Gemeinde in den benachbarten Irrenanstalten, Krankenhäusern und Kinderheimen unter.
Nur Gustav Czysick blieb bei Backenknüllers. Er hatte sich von vornherein geweigert, die Abendandachten seines Schwagers mitzumachen. »Ich doch nicht dof und beten, ich lieber Schnaps trinken und Barcelona tanzen.« Er glaubte als einziger nicht an den Weltuntergang und die Arche Pakatzki.