VARIOLA - DER SPIEGEL
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VARIOLA

• aus DER SPIEGEL 2/1959
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Aus einem Reisebericht des Direktors der Bayerischen Landes-Impfanstalt, Professor Dr. Albert Herrlichs, in der »Deutschen Medizinischen Wochenschrift«.

Ich hatte dieses Frühjahr Gelegenheit, die in der Provinz Bombay ... abklingende Epidemie zu beobachten. Alle meine Erfahrungen aus früheren Jahren müssen verblassen gegenüber den Eindrücken, welche diese Epidemie mit ihrer Häufung schwerster Krankheitsfälle vermittelte. In den folgenden Zeilen soll darum versucht werden, dem Begriff »Variola« den Inhalt zu geben, der ihm in diesen Ländern zukommt ...

Das City Fever Hospital in Bombay ist ein alter Bau aus dem vergangenen Jahrhundert, im Pavillonsystem errichtet. Um den Ansturm der Pockenkranken zu bewältigen, mußte man große Notzelte aufschlagen, da die Hospitalbetten nicht ausreichten ...

Es errechnet sich eine Sterblichkeit von 21,9 Prozent ... Ein Teil der Kranken gehörte zu der relativ gut durchgeimpften städtischen Arbeiterbevölkerung. Variolois* fand sich darum besonders unter den männlichen Erwachsenen, weshalb diese Gruppe ... die niedrigste Zahl der Todesfälle aufweist. Bei den weniger gut durchgeimpften weiblichen Erwachsenen steigt die Sterblichkeit auf 25,9 Prozent. Die Schwere der Epidemie kommt aber in den Ziffern der sicher Ungeimpften zum Ausdruck: 77,4 Prozent Todesfälle bei weiblichen und 51,4 Prozent bei männlichen Kindern!

Es wäre die bilderreiche Sprache der mittelalterlichen Ärzte notwendig, um der Wirklichkeit einigermaßen gerecht zu werden. Schon am Eingang des Pavillons erkannte man das Revier der Schwerkranken: ein eigenartig süßlicher, äußerst penetranter Geruch schlug uns bei der täglichen Visite entgegen.

Die Säle waren nicht sehr hell, die den Häusern vorgebaute Veranda dämpfte das Licht. Die Patienten lagen auf niedrigen, dicht beieinander stehenden Bettgestellen. Alle schweren Formen der Krankheit fanden wir vertreten. Die Mehrzahl der Patienten zeigte die volle Entwicklung ... mit ... Pusteln am ganzen Körper.

Der Kopf war meist eine einzige Geschwulst, die Nase und Lippen verquollen und verklebt ... Fühlte man den Puls, so blieben Hautfetzen an den Fingern kleben. Nahm man Blut ab, so quoll der Pustel-Eiter unter der Staubinde hervor. Nicht immer gelang es, durch das brettharte Ödem der Haut die Vene zu finden. Wie ein Eiterpanzer umspannte diese Pusteldecke den ganzen Körper. Waren sekundäre Blutungen aufgetreten, dann bildeten diese Hautpartien eine einzige schwarze Masse.

Alle Schwerkranken wurden auch durch Schleimhautsymptome gequält. Die Zunge war mehr oder weniger gequollen und unförmig und behinderte die Mundatmung. Speichel und Eiter flossen aus den Mundwinkeln. Die Stimme war heiser und die Sprache lallend und das Schlucken so schmerzhaft, daß von den Kranken jede Nahrungszufuhr und, trotz des quälenden Durstes, oft auch die Flüssigkeitsaufnahme verweigert wurde.

Wir sahen Patienten, bei denen in die Tiefe gehende Prozesse der Atemwege eine akut bedrohliche Situation schufen Jammern und Stöhnen erfüllten die Räume. Bis zum letzten Atemzug bleibt das Bewußtsein der Kranken erhalten. Einigen mußte man die Hände an die Betten binden, um sie am Aufreißen der sie peinigenden Geschwüre zu hindern.

Andere lagen stumpf und starr. Sie wehrten nicht mehr den Fliegen, die auf den eiternden Lidern, an der Öffnung von Mund und Nase und in Schwärmen auf den Eiterstellen der Haut saßen. Noch war aber Leben in ihnen, und mit einer rührenden Gebärde heben sie die Hände entgegen, und flehten um Hilfe.

* Variolois: Gemilderte Form der Pocken (Variola), die bei Pockenschutzgeimpften auftreten kann.

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