Frankreich Vater Scham
»Operation tote Stadt« nannten Frankreichs rebellische Kleinhändler ihren neuesten Streich gegen die Regierung: In Paris und anderen Städten machten Boutiquen und Bistros am Donnerstag voriger Woche am Protest dicht.
Streiks werden in Frankreich wenn nicht ersehnt -- wie die der Maut-Einnehmer auf den gebührenpflichtigen Autobahnen -. so doch in der Regel wohlwollend ertragen, auch wenn es einmal ein paar Tage, wie bei Müllmänner-Ausständen, stinkt.
Ganz anders, wenn's ums gute Essen geht. Eine Mahlzeit ohne frische Tomaten vorweg, knackigen Salat zu gegrilltem Steak und Cremetörtchen hinterher. das könnte schon eine Revolution wert sein. Und gar eine Butterstulle am Arbeitstisch, damit mögen Barbaren leben, nicht aber zivilisierte Gourmets.
Just auf das Drei-Gänge-Mahl aber mußten zumindest französische Großstädter am Donnerstag verzichten. Denn die Krämerfronde wurde von Lebensmittelhändlern angeführt, die sich schon seit Wochen beim Einkauf von Nahrungsmitteln zurückhielten.
Allein auf dem Pariser Großmarkt Rungis vergammelten in der vergangenen Woche Lebensmittel für mehr als zehn Millionen Mark. in mehreren Städten setzten Produzenten und Grossisten daraufhin ihre verderblichen Waren selbst im Straßenverkauf ab.
Grund für den Händleraufstand war, daß Frankreichs Regierung die Krämer zu einem Stabilitätsbeitrag zwingen wollte. Denn obgleich die Händler billiger einkauften als früher, hatten sie ihre Preise heraufgesetzt.
Während etwa die Rindfleisch-Erzeugerpreise von Januar bis September um 7 Prozent gefallen waren, hatten die Schlachter im gleichen Zeitraum für Beefhack 5,27 Prozent und für Filet 7 Prozent mehr verlangt. Den Endpreis für eine beliebte Apfelsorte hatten die Früchtehändler innerhalb eines Jahres um 23 Prozent heraufgesetzt, während sie selbst heute um 3 Prozent billiger einkaufen als vor zwölf Monaten. Wirtschaftsminister Giscard d'Estaing antwortete mit einem Einfrieren der Handelsspannen für gewisse Nahrungsmittel.
Daß die Ladenbesitzer dagegen einen Aufstand inszenierten, verbitterte die Regierung um so mehr, weil gerade sie den Kaufleuten gegenüber Konzessionen gemacht hat wie keine republikanische Regierung zuvor: Am gleichen Tag, an dem die Händler dichtmachten, verteidigte Frankreichs Handels- und Handwerksminister Jean Royer vor dem französischen Senat ein Gesetz, nach dem die Kleinhändler künftig selbst über ihre größte Konkurrenz, Einkaufszentren und Supermärkte. bestimmen können.
Denn nach Artikel 21 des »Loi Royer« genannten Gesetzes werden künftig die bislang nur beratenden sogenannten »Commissions départementales d"urbanisme commercial« darüber zu entscheiden haben, ob in Großstädten neue Verkaufsflächen von mehr als 1000 Quadratmetern. in Mittelstädten von mehr als 750, in kleineren Gemeinden von mehr als 400 Quadratmetern gebaut oder bestehende Supermärkte erweitert werden dürfen. In den Entscheidungsgremien aber haben die selbständigen Händler zusammen mit den meist von ihrer Wahlklientel abhängigen Gemeindeabgeordneten allein zu bestimmen.
Mit Royer hatte Staatschef Pompidou einen Mann in die Regierung geholt, der inzwischen zum unbestrittenen Heros der Kleinhändler aufgestiegen ist. Selbst der radikalste aller radikalen Krämerführer, Gerard Nicoud. klatschte dem Krämerminister auf dessen Provinzreden Beifall.
Der stets mit einem abgetragenen Anzug auftretende, völlig humorlose und immer fanatische Royer ("L'Express": »Eine Mischung aus Buster Keaton und Gaddafi") ist in der Pariser Regierung Sprecher eines stockkonservativen, die Gaullisten stützenden Bevölkerungsteils, zu dem auch die Kleinhändler zählen.
Drei Viertel der Einwohner der mittelfranzösischen Stadt Tours hatten den derzeitigen Händlerminister zu ihrem Bürgermeister gewählt. Royer hatte sich stark gemacht mit Parolen wie »ein paar Kopfnüsse sind immer noch das beste, um den Kindern Mores beizubringen« und »die Gesellschaft ist krank. Stellen wir die gesunden Werte wieder her: die Familie und die Achtung vor dem weiblichen Körper«.
Seine Polizei schickte der Saubermann in Buchläden, um Nacktphotos zu konfiszieren, und ließ einen harmlosen Film als »Pornographie« verbieten, die er für »intellektuelle, moralische und soziale Umweltverschmutzung« hält.
In einer 60-Tage-Reise durch 50 Städte hatte »père la pudeur« (Vater Scham), wie Royer in Frankreich genannt wird, die Händler auf sich eingeschworen und persönliche Gegner in der Regierungskoalition, wie Wirtschafts- und Finanzminister Giscard d"Estaing, die gegen das Krämergesetz waren, damit überspielt.
Insbesondere Giscard fürchtet, daß das Royer-Gesetz die erst Anfang der sechziger Jahre begonnene Modernisierung des französischen Vertriebssystems wieder beendet. Tatsächlich setzten in Frankreich die Großen prozentual erst halb soviel Lebensmittel um wie ihre Kollegen in der Bundesrepublik oder der Schweiz, wo allein die Konzernkette Migros 20 Prozent kontrolliert.
Wie aber die Untersuchung eines Konsuminstituts ergeben hat, liegen die Lebensmittelpreise der Supermärkte und Einkaufszentren um 13,2 Prozent unter denen des traditionellen Lebensmittelhandels. Denn die Großen begnügen sich mit einer Gewinnspanne von durchschnittlich 9 Prozent im· Vergleich zu 15 bis 16 Prozent der Kleinen.
In der ersten Kraftprobe zwischen Kleinhändler und Supermarktketten siegten freilich die Großen. Zumindest an der Peripherie ihrer Städte konnten die Franzosen am vergangenen Donnerstag kaufen, was ihnen die streikenden Krämer im Zentrum verweigerten. Außerdem wollen sich die Kunden wehren: Verbraucherverbände haben zu einem Boykott jener Händler aufgerufen, die sich an dem Streik beteiligten.