SÜDAFRIKA Verbotene Pillen
Auf dem Avalon-Friedhof von Soweto, der größten Schwarzen-Vorstadt Johannesburgs, reicht das Areal, das toten Kindern vorbehalten ist, schon lange nicht mehr aus für die wachsende Zahl täglicher Neuzugänge. So dicht werden die Gräber Seite an Seite gesetzt, dass nicht selten die trennenden Erdschichten einbrechen, wenn sich die Trauernden am Rand der Gruben zu Gesang und Gebet versammeln.
Tag für Tag heben die Totengräber von Avalon lange Reihen neuer Grabstätten aus für die jüngsten Opfer einer Pandemie, die allein im vergangenen Jahr nach Schätzungen des renommierten Medizinischen Forschungsinstituts des Landes rund 200 000 Menschenleben forderte: Aids.
Die Immunschwächekrankheit ist zum führenden Killer in Südafrika und zum Fluch der Jugend geworden: Mehr Kinder und junge Erwachsene werden inzwischen zu Grabe getragen als Alte.
Die meisten Kinder, die in den Grabreihen von Avalon ihre letzte Ruhe finden, lebten nicht einmal lange genug, um laufen oder sprechen zu lernen. Doch viele hätten vor einem solch frühen Tod bewahrt werden können - wenn die Regierung Südafrikas HIV-infizierten Schwangeren nicht jenes Medikament verweigerte, welches das Risiko einer Übertragung des Virus von der Mutter auf das Ungeborene um mehr als die Hälfte senken würde.
Bereits im vergangenen Dezember hatte das Oberste Gericht in Pretoria diese Entscheidung für verfassungswidrig erklärt. Die Regierung wurde aufgefordert, das von der deutschen Firma Boehringer Ingelheim hergestellte und über einen Zeitraum von fünf Jahren gar umsonst angebotene Anti-Viren-Mittel Nevirapin allen Schwangeren zugänglich zu machen. Doch die Durchsetzung dieses Beschlusses scheiterte bisher an der Haltung eines einzelnen Mannes: Staatspräsident Thabo Mbeki, 59, blieb auch in seiner diesjährigen Rede zur Lage der Nation die dringlich erhoffte Kehrtwende in seiner Aids-Politik schuldig.
Mehrfach hat Mbeki in den vergangenen Jahren mit fragwürdigen Thesen zum Thema Aids Schlagzeilen gemacht. Seine obskuren Ansichten über die Seuche zeugen von tiefem Misstrauen gegenüber einer vom Westen dominierten Aids-Forschung und dem Beharren darauf, »afrikanische« Lösungen zu finden.
So ließ er verlauten, der US-Geheimdienst CIA behaupte, Aids sei die Folge einer HIV-Infektion, um amerikanischen Herstellern von Virushemmern zu Profiten zu verhelfen. Befürwortern einer medikamentösen Behandlung HIV-Infizierter unterstellte er, sie wollten vollenden, was militanten Apartheidanhängern nie gelang: die Vernichtung des politischen Gegners mit biologischen Waffen. Und selbst als jede vierte Wöchnerin unter 30 Jahren als HIV-positiv getestet wurde und sich die Sterberate von jungen, gebärfähigen Frauen binnen 15 Jahren mehr als verdreifacht hatte, bezweifelte der Staatschef noch, dass das Virus die Seuche auslöse.
Das war vor zwei Jahren. Inzwischen hat fast jede dritte Schwangere, die in einem der größten Krankenhäuser der Welt, dem Chris Hani Baragwanath Hospital von Soweto, niederkommt, die Viren im Blut; und drei Viertel aller Kindstode sind Folge einer HIV-Infektion.
Der Erreger, der Epidemiologen zufolge bis zum Jahr 2010 zwischen fünf und sieben Millionen Südafrikaner das Leben kosten wird, fand auch in Mbekis Parlamentsansprache am vorvergangenen Freitag mit keinem Wort Erwähnung. Zur Eindämmung der Seuche setzt der Präsident auf Rezepte wie Aufklärung und Armutsbekämpfung. Der Einsatz eines Medikaments, das zumindest die Neuinfektionen bei Neugeborenen senken würde, bleibt auf 18 Testprojekte beschränkt. Und während diese erneut bestätigen sollen, was Pilotstudien längst erwiesen haben - dass Nevirapin sehr wohl wirksam ist -, werden täglich rund 200 weitere HIV-positive Babys geboren.
Längst versorgen Ärzte, die sich dem Eid des Hippokrates stärker verpflichtet fühlen als der Staatsraison, HIV-infizierte Schwangere heimlich mit dem lebensrettenden Medikament - obwohl sie das die Karriere kosten könnte. In Spielzeug und Stofftieren versteckt, werden die Pillen in die staatlichen Krankenhäuser geschmuggelt: Seit dem Ende der Apartheid ist Südafrikas Zivilgesellschaft nicht mehr derart vereint gewesen im Widerstand gegen die Staatsgewalt.
Mittlerweile stößt die Weigerung Mbekis, die Ausbreitung der Seuche medikamentös einzudämmen, selbst bei seinen Koalitionspartnern auf Unverständnis. So half ein führender Gewerkschaftsfunktionär bei der illegalen Einführung billiger Kopien patentierter antiretroviraler Mittel aus Brasilien. Zwei Provinzchefs setzen sich bereits über das Nevirapin-Verbot hinweg. Das brachte ihnen den Vorwurf ein, sie wollten die Regierung stürzen.
Doch die bisher deutlichste Kritik formulierte Innenminister Mangosuthu Buthelezi, Chef der Inkatha-Partei, eines mächtigen Bündnispartners in der bevölkerungsreichsten Provinz KwaZulu-Natal im Osten des Landes: Er klagte den Präsidenten Mitte vergangener Woche persönlich an, seine Aids-Politik verurteile Zehntausende Neugeborene dazu, »lange bevor sie die Pubertät erreichen einen schrecklichen Tod zu sterben«. Bei den Abgeordneten der Regierungspartei trafen seine Worte auf eisiges Schweigen.
Auf der Kinderstation des Baragwanath Hospitals in Soweto gehört das Sterben längst zum Alltag. Er »choreografiere Tod«, beschreibt ein Kinderarzt seine Tätigkeit. Da er kaum noch heilen könne, beschränke sich sein Tun im Wesentlichen darauf, den kleinen Todgeweihten das Sterben zu erleichtern. BIRGIT SCHWARZ