Verbotene Spiele - DER SPIEGEL
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ITALIEN Verbotene Spiele

Italiens größter Medienkonzern, der Verlag Rizzoli, hat einen neuen Teilhaber - den umstrittenen Finanzier Roberto Calvi.
• aus DER SPIEGEL 20/1981
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Seine Frau Clara hält ihn für »ein Genie«, der Verleger Angelo Rizzoli für einen hervorragenden und »stets korrekten« Bankier. Zwei Mailänder Staatsanwälte indessen scheinen anderer Ansicht: Sie ermitteln gegen ihn wegen Devisenschiebung.

Roberto Calvi, 61, ist eine widersprüchliche Natur. Er hat beste Beziehungen zum Vatikan, dennoch steht er im Verdacht, einer skandalumwitterten Freimaurerloge anzugehören. Er ist einer der wendigsten Finanziers Italiens, aber vermutlich auch einer der windigsten.

Schlagzeilen machte der schnurrbärtige Mailänder zuletzt Ende April, als die von ihm geleitete Finanzierungsgesellschaft Centrale für knapp 400 Millionen Mark 40 Prozent des Medien-Konzerns Rizzoli erwarb. Calvi wurde durch diesen Deal mit Rizzoli de facto auch Mitbesitzer der bedeutendsten italienischen Tageszeitung, des »Corriere della Sera«.

Der neue Kompagnon, so behaupten Branchen-Kenner, sei aufgrund geheimer Absprachen in der Konzernführung sogar gleichberechtigt mit Verleger Angelo Rizzoli (Kapitalanteil: 50,2 Prozent). Verwunderlich wäre das keineswegs, denn die Centrale gehört der gleichfalls von Calvi beherrschten Banco Ambrosiano. Und auf die Finanzhilfe dieser -- nach dem heiligen Ambrosius benannten -- Mailänder Bank ist der hochverschuldete Unternehmer Rizzoli auch weiterhin angewiesen.

Viele Aktionäre der Banco Ambrosiano verstecken sich hinter Briefkasten-Firmen in Steuerparadiesen wie Liechtenstein oder den Bahamas, die Besitzverhältnisse sind undurchsichtig. Italiens Linke fürchtet deshalb, daß der bisher liberale »Corriere della Sera« nun unter den Einfluß konservativer oder klerikaler Finanzgruppen geraten könnte.

Bankier Calvi, kritisierte die Zeitung »La Repubblica«, »regiert sein Imperium mit Hilfe von dubiosen Überkreuz-Beteiligungen. Das sind verbotene Spiele«.

Fragwürdige wie erlaubte Spiele im Geld- und Aktiengeschäft hat Roberto Calvi von Grund auf gelernt. Nach dem Zweiten Weltkrieg, den er als Reserveoffizier abschloß, brachte ihn sein Vater, ein leitender Bankangestellter, bei der Zweigstelle Lecce der Banca Commerciale Italiana unter. Der fleißige, intelligente Stift arbeitete sich schnell hoch und wechselte dann zur Banco Ambrosiano, dem einstigen Geldinstitut der Mailänder Erzbischöflichen Kurie.

In den 60er Jahren begann Calvis Zusammenarbeit mit dem gewieften sizilianischen Finanzjongleur Michele Sindona (Don Michele), der oft dem Vatikan bei schwierigen Investitionen half. Als sich Sindona aber auf allzu gewagte Spekulationen einließ, ging Calvi rechtzeitig auf Distanz. So erlitt er, als Sindona 1974 schließlich pleite ging und Millionen-Verluste hinterließ, keinen Schaden.

Kurze Zeit später, 1975, stieg der Lombarde zum Vorsitzenden des Verwaltungsrats der Banco Ambrosiano auf und machte glänzende Geschäfte. Selbstbewußt, unnahbar, kühl -- diese Eigenschaften bestimmen sein Image. Die Zeitung »Il Giornale« über Roberto Calvi: »Ein Bankier aus Eis.«

Aus Furcht vor Entführern und Terroristen zeigt sich der eisige Millionär nur selten in der Öffentlichkeit. Sein Privatleben -- Hobby: Hunde und Holzhacken -- schirmt er überaus sorgfältig vor den Augen Neugieriger ab.

Um so mehr rückt nun sein expandierendes Imperium ins Blickfeld. Die Banco Ambrosiano zählt mit Einlagen von umgerechnet zehn Milliarden Mark zu den größten Privatbanken Italiens. Durch dieses Kreditinstitut kontrolliert Calvi weitere 37 Banken, Finanzierungs- und Versicherungsgesellschaften S.169 von Lugano bis Luxemburg, von Turin bis Nassau (Bahamas).

In Mailand machte sich Calvi durch Riesenkredite dem Verleger Rizzoli unentbehrlich, in Venedig pumpte er auf Wunsch der Christdemokraten dem Verlag des Lokalblattes »Il Gazzettino« beträchtliche Summen.

An den zwei größten Kreditanstalten der Calvi-Gruppe ist die Vatikanbank, das Institut für die religiösen Werke (IOR), indirekt finanziell beteiligt. »Herr Calvi«, erklärt ein Vatikan-Beamter, »genießt unser Vertrauen, er steht uns wirklich sehr nahe.«

Das kirchliche Lob mag den Ambrosiano-Chef trösten, wenn er Ärger mit der Justiz bekommt. Und das ist neuerdings öfter der Fall.

Calvi hatte in den Jahren 1975/76 etwa 50 Milliarden Lire ins Ausland transferiert, vor allem, um von fünf Liechtensteiner Firmen das Mehrheitspaket der italienischen Versicherungsgesellschaft Toro zusammenzukaufen. Doch die Finanz- und Steuerpolizei ist überzeugt, daß die Verkäufer-Firmen in Wahrheit zu Calvis Gruppe gehörten, daß die Devisen also illegal ausgeführt wurden. So begannen die Mailänder Staatsanwälte zu ermitteln.

Im Sommer 1980 wurde Calvi sogar der Paß entzogen. Einflußreiche Freunde bewirkten jedoch, daß er ihn bald darauf überraschend wieder zurückerhielt. Vor allem ein Mann setzte sich für Calvi ein: Licio Gelli, Chef der geheimen Freimaurerloge »Propaganda 2« (P 2).

Dieser Gelli, dessen Logenbrüder in Politik und Wirtschaft sich gegenseitig Vorteile zuschanzen und eine mächtige Pressure Group darstellen, ist gleich in ein halbes Dutzend Affären verstrickt. So wird gegen ihn sowohl im Fall Sindona als auch wegen mysteriöser Ölgeschäfte ermittelt. Gelli floh ins Ausland. Woche für Woche enthüllt Italiens Presse neue dunkle Machenschaften der Loge P 2.

Die Berichte brachten auch den Chef der Banco Ambrosiano immer mehr ins Zwielicht. Das Magazin »Panorama« kürte Calvi zum »umstrittensten Bankier Italiens«.

Von seiner Beteiligung beim Rizzoli-Verlag versprach sich Calvi vor allem, in der italienischen Öffentlichkeit wieder an Ansehen zu gewinnen. Doch am gleichen Tag, an dem sein Coup bekannt wurde, kamen erneut schlimme Nachrichten: Ein römischer Staatsanwalt beschuldigte Calvi der »Mitwirkung am betrügerischen Bankrott« des Baulöwen Genghini.

Für Calvi ist es eine neue lästige Affäre, die sich lange hinziehen wird. Denn der Hauptangeklagte Genghini, einst prominenter Kunde der Banco Ambrosiano, hat sich längst aus dem Staub gemacht -- er baut Straßen in Uruguay.

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