Verdeckte Gegner - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 26 / 140

BUNDESWEHR Verdeckte Gegner

Deutsche Fallschirmjäger sollen für die Europäische Union demnächst Geiselnehmer, Partisanen oder Terroristen bekämpfen - weltweit.
Von Susanne Koelbl und Alexander Szandar
• aus DER SPIEGEL 48/2000
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Javier Solana geriet ins Schwärmen. »Mit Lichtgeschwindigkeit«, jubelte der »Hohe Repräsentant« der EU für Außen- und Sicherheitspolitik, komme der Aufbau der Schnellen Eingreiftruppe voran. »Die Europäische Union hat den Weckruf gehört«, lobte Nato-Generalsekretär George Robertson das Streben der Europäer, nach dem amerikanisch dominierten Kosovo-Krieg militärische Schlagkraft zu entwickeln.

Die EU will künftig in eigener Regie militärisches Krisenmanagement betreiben. Und zwar, anders als die Nato, nicht nur auf Europa fixiert, sondern weltweit - Missionen in Sierra Leone oder Aserbaidschan nicht ausgeschlossen, sei es, um Hungersnot zu lindern, Touristen aus Bürgerkriegen zu retten oder, wie auf dem Balkan, einen brüchigen Frieden zu sichern.

Eine Interventionstruppe mit 60 000 Heeres-Soldaten nebst 30 000 Kameraden von Luftwaffe und Marine soll binnen 60 Tagen ausrücken und mindestens ein Jahr lang fern der Heimat durchhalten können. Vergangene Woche meldeten die Verteidigungsminister der EU-Länder in Brüssel ihre Beiträge an. Zusätzlich offerierten EU-Beitrittskandidaten wie Polen, Tschechien und die Türkei Truppen, Jets und Schiffe.

Die Deutschen, rühmt sich SPD-Verteidigungsminister Rudolf Scharping, stellen ein Fünftel aller Kräfte. Inklusive einer Reserve für halbjährliche Kontingentwechsel will die Bundeswehr mehr als 30 000 Männer und Frauen abmarschbereit halten: Schon im nächsten Sommer, so die schönen Pläne, könnte es losgehen.

Von Landesverteidigung, noch immer Rechtfertigung der allgemeinen Wehrpflicht, ist in Berlin kaum noch die Rede. Selbst Scharping findet es »erstaunlich«, wie selbstverständlich Out-of-area-Aktionen der Bundeswehr für Parlament und Öffentlichkeit nach den erbitterten Kontroversen um Einsätze in Somalia und auf dem Balkan schon geworden sind.

Früher waren Panzerarmeen aus dem Osten der Gegner. Jetzt fehlt ein festgefügtes Feindbild: Der Kontrahent der Bundeswehr kann ein Soldat sein, ein gemeiner Bandit, Terrorist oder Partisan. Künftig sei verstärkt mit dem »verdeckt operierenden Gegner« zu rechnen, meint Heeresinspekteur Helmut Willmann. »Lasst uns

Kapazitäten aufbauen, bevor die Bedrohung da ist«, befiehlt Willmann.

Der General stellt eine große neue Elite-Einheit auf, die aus den bisherigen Fallschirmjägern zusammengeklaubt ist. Einige Kompanien trainieren bereits, wie sie in Gebirgen, Wüsten oder auf tropischen Inseln kämpfen könnten gegen den »verdeckten Gegner« - im Soldaten-Jargon schlicht »Huckeduck« genannt.

Für die Elite-Truppe, die einmal 4000 Soldaten stark sein soll, ist das Beste und Teuerste gerade gut genug. Sie bewegt sich vorzugsweise per Hubschrauber und mit leicht gepanzerten Fahrzeugen. Laser-Entfernungsmesser, Wärmebildgeräte für bessere Sicht bei Nacht und Rauch sowie unbemannte Kleinflugzeuge zur Feind-Aufklärung gehören zur Grundausstattung.

Die »Spezial-Infanterie« soll fast so gut sein wie das geheimniskrämerische Kommando Spezialkräfte (KSK), aber viel größer. Die knapp 1000 Soldaten des KSK seien nur gut für »den kleinen, chirurgischen Schnitt«, urteilt Willmann. Er wolle jedoch »größere Räume beherrschen« und mit den »Special Forces« der USA mithalten. »Wir sind dabei«, brüstet sich der General, »eine Spitzenstellung einzunehmen.«

Willmann drängt zur Eile, denn er geht bald in Pension. Sein Vermächtnis könnte den Deutschen aber noch unliebsame Überraschungen bringen: Bei künftigen Krisen in Europa werden die Amerikaner »Germans to the front« rufen, anstatt eigene Spezialkräfte zu schicken. Und EU-Partner werden die starken Deutschen bei militärischen Abenteuern gern und womöglich oft um Hilfe bitten. Eine Berliner Regierung, die zudem offensiv einen ständigen Sitz im Uno-Sicherheitsrat anstrebt, könnte kaum noch Nein sagen.

SUSANNE KOELBL, ALEXANDER SZANDAR

* Am 21. August während eines Besuchs in Prizren im Kosovo.

Zur Ausgabe
Artikel 26 / 140