BÜROKRATIE Verheugen attackiert die Eurokraten
In Brüssel ist er als Mann offener Worte bekannt, mit diesem Wahrheitsdrang hat sich der deutsche EU-Kommissar Günter Verheugen ganz schön in die Nesseln gesetzt. In einem Generalangriff auf die EU-Spitzenbeamten beklagt Verheugen, manche Eurokraten fühlten sich wie die wahren Herren im EU-Gehäuse, sie seien »arrogant«, behandelten die Kommissare wie lästige »Hausbesetzer« und verhinderten den dringend nötigen Bürokratie-Abbau. Eine ähnliche Beschwerde hatte schon 2002 der damalige EU-Balkanbeauftragte Bodo Hombach vorgetragen und kritisiert, der Apparat sei »zum Teil nicht willens«, die »politischen Entscheidungen umzusetzen«. Das Echo auf die Verheugen-Schelte ist zwiespältig. »Was Günter öffentlich äußert, weiß doch jeder hier«, sagt hinter vorgehaltener Hand ein Kommissionskollege. Die Beamtenschaft jedoch ist erwartungsgemäß empört und fordert eine sofortige Entschuldigung. Auch andere Kommissare kritisieren, die Philippika helfe eher den EU-Gegnern und schwäche die Union. Die Rache am Nestbeschmutzer folgt offenbar auf dem Fuße. Denn es »riecht nach einer Retourkutsche« (so ein CSU-Parlamentarier), als nur wenige Wochen nach dem Rigorosum ein Foto auftaucht, das den Kommissar händchenhaltend mit seiner Bürochefin Petra Erler zeigt und Anlass zu der Spekulation gibt, es handele sich um einen Fall von Günstlingswirtschaft. Erst im April hatte Verheugen die 48-jährige Ökonomin, deren Qualifikation außer Zweifel steht, in das auch finanziell attraktive Amt gehievt.