GROSSWILDJÄGER Verlockender Hintern
Auf der Hauptstraße der Tansania-Stadt Arusha am Kilimandscharo stockte der Verkehr. Mitten auf der Fahrbahn stakste ein Weißer in durchgeschwitztem Khakizeug heran, gefolgt von zehn Afrikanern in kurzen Hosen und mit entblößtem Oberkörper. Zum Takt der Schritte brummten die schwarzen Männer: »Sisi iko askari wasioga. Twafuata wa windaji wa kubwa.« ("Wir sind die tapferen Askaris. Wir folgen dem großen Jäger.")
Vorm »New Arusha Hotel« hievten die Träger ihre Lasten vom Kopf und ließen sie auf die Stufen knallen. Der weiße Jäger reichte einem seiner Diener die schwere Büchse, klemmte seinen Tropenhelm unter den Arm und begab sich dann zur Dinnertafel.
Empörte Augenzeugen berichteten der Staatspartei Tanu (Tanganyika African National Union) über den Vorgang. Drei Wochen später verhängte die Regierung in Daressalam ein totales Jagdverbot für Sportjäger. Eingeweihte sind sicher, daß der weiße Bwana von Arusha schuld daran war.
Im Herzland des afrikanischen Sozialismus sind seitdem derlei Darstellungen weißen Herrenmenschentums nicht wieder vorgekommen. Aber den schwindsüchtigen tansanischen Fiskus kostet das Jagdverbot 50 Millionen Mark jährlich. Denn statt devisenbringender Touristen dürfen heute nur noch Tansania-Bürger und Ausländer mit Wohnsitz in Tansania jagen.
Wie für reiche Waidmänner aus Europa und Amerika verkleinert sich das Revier für einen Berufsstand immer mehr, den der US-Schießpoet Robert Ruark ("Der Hintern eines Samburu-Negers ist ein verlockendes Ziel für einen Fußtritt") in seinen Werken verherrlicht hat: die in Afrika lebenden Großwildjäger, ihrer Hautfarbe wegen »white hunters« genannt.
Für sie sind schwere Zeiten angebrochen. Westafrika ist leergeschossen. In Uganda haben Idi Amins Soldaten die Elefantenherden mit Maschinengewehren dezimiert. In Zaire und in der Zentralafrikanischen Republik pirschen nur noch Jagdherren vom Kaliber des französischen Staatspräsidenten Valéry Giscard d"Estaing und des holländischen Prinzen Bernhard, weil dort die Jagd für Normaljäger unerschwinglich geworden ist.
Auch in Sambia und in Botswana gerät das auswärtige Waidwerk unter zunehmenden Druck. Die Frelimo-Regierung in Mocambique hat die Jägerei als kolonialistischen Tand verboten.
Nur in Kenia dürfen sich weiße Jäger noch ungehindert entfalten. Die »East African Professional Hunters Association« hat zwar das Prädikat »white« aus dem Clubnamen gestrichen. Doch gut neunzig Prozent der fünf Dutzend Pflichtmitglieder sind Inder und Europäer, von den letzteren ein Gutteil Deutsche.
Ishmail Kimani, Sohn eines Kikuju-Bauern und einer von wenigen Schwarzen, die den Aufstieg in die Elite der weißen Ballermänner geschafft haben, muß trotz erwiesener Qualitäten gegen überkommene Vorurteile kämpfen. Kimani: »Ein Kanadier sagte mir rundheraus: »Mit einem schwarzen weißen Jäger gehe ich nicht in den Busch.«
Warum sich das schwarze Element in seinem Berufsstand so zögernd ausbreitet, erläutert der Schweizer Ex-Krokodiltöter Karl Lüthy: »Es wird sehr viel verlangt. Mit der gleichen Qualifikation kann ein Schwarzer Minister werden.«
Ein Berufsjäger muß nicht nur schießen, sondern auch kochen, Vergaser reparieren und Zähne ziehen können. Karl Lüthy weiß, woran es am meisten bei schwarzen Jägern hapert: »Sie können Löwen schießen, aber sie servieren die Suppe immer von der falschen Seite.
Trapper halten nämlich auch im Busch auf Etikette. »Ker, Down and Selby« (KDS), Ostafrikas Branchenführer, der über ein Dutzend Berufsjäger beschäftigt, liefert auf Wunsch neben Jägern und Askaris auch Damasttischdecken und silberne Kerzenleuchter ins Jagdquartier.
Sogar Partner für Zelt und Schlafsack sind mancherorts zu haben. »Weiße Jäger«, meldete im letzten Sommer die Londoner »News of the World«, »halten sich in Kenia zwölfjährige Mädchen als Sexsklavinnen.« Eine hastig eingeleitete Untersuchung erhärtete nur, was ohnedies jeder Eingeweihte weiß: Gegen geringen Aufpreis liefern Veranstalter neben Jagd- auch Lustobjekte -- Kikujumädchen für den Jagdherrn, stramme Massai-Burschen für die Dame.
Eine gut ausgerüstete Jagdexkursion kostet 400 bis 500 US-Dollar täglich, zuzüglich Kosten für Charterflugzeuge und Jagdlizenzen. Bei dem österreichischen Nobeljäger Prinz Alfred von Auersperg kostet eine Drei-Wochen-Safari 12 000 bis 15 000 Dollar. Der Preis schließt den Abschuß je eines Leoparden, Elefanten, Löwen und Büffels (die großen Vier) ein.
Jäger wie der schießende Playboy Gunter Sachs zahlen gut 20 000 Dollar für eine urwüchsige Safari. Sie gehen am liebsten auf Kaffernbüffel in den unerschlossenen Südsudan, wo selbst Benzin und Trinkwasser aus 1500 Kilometer Entfernung eingeflogen werden müssen. Niedrigere Preise bedeuten zwangsläufig herabgesetztes Service-Niveau. Neckermann-Touristen können in Nairobi bei dem westdeutschen Billig-Jäger Peter Könecke schon für gut 300 Mark einen kleinen Bock buchen.
Ausländische Jagdgäste dürfen in Kenia auch ohne Jagdschein schießen, was sie wollen, wenn sie nur zahlen. Die Jagdbegleiter sind darauf getrimmt, im Ernstfall simultan abzudrücken. »Die sind bei ihrem ersten Löwen meist so aufgeregt«, sagt der sächsische Berufsjäger Karl Jähn, »daß sie gar nicht spüren, wenn noch einer schießt.«
Trotz rapide schwindender Bestände will die Regierung von Kenia aus ihrem Wild herausholen, was noch drin ist. Die Jagdgebiete sollen parzelliert und verpachtet werden. Die zu erwartenden Folgen schildert der österreichische Safari-Scout Franz Lang: »Die Firmen werden schießen lassen, was die Flinten hergeben, damit sie auf ihren Profit kommen. Dann ist bald Feierabend.«
Feierabend könnte allerdings bald auch dort sein, wo die »white hunters« Berufsverbot haben. Kuno Kalchreuter, Schwarzwälder Diplomförster und retirierter Dozent am Wildhüter-College in Mweka, hat ausgerechnet, daß in Tansania seit Erlaß des Jagdbanns weit mehr Großwild auf der Strecke bleibt als vorher. Kalchreuter: »Früher waren die Berufsjäger auch Buschpolizisten. Heute schaut niemand mehr den Wilderern auf die Finger.«
Doch auch die staatlichen Wildhüter und ihre Instrukteure kontrollierte jahrelang niemand. Kalchreuters Vorgänger, Karl Ebert, der im Auftrag des Bonner Entwicklungshilfeministeriums in Mweka als Jagdausbilder wirkte, mähte mit seinen Eleven pro Quartal 50 bis 60 Elefanten »zu Schulungszwecken« nieder. Die größten Stoßzähne (Kilopreis: rund 150 Mark) standen traditionsgemäß dem Dozenten zu.
Pat Hemingway, Sproß des amerikanischen Männlichkeitsapologeten Ernest Hemingway, hat seine Dozentur in Mweka aufgegeben, weil man ihn nicht mehr schießen läßt. Schuld an allem Elend hat nach Hemingway junior ein Deutscher: »Das Jagdverbot«, so Pat, »hat der Hühnerdoktor dem Präsidenten aufgeschwatzt.« Als »Hühnerdoktor« figuriert im Feindbild des Mweka-Stammpersonals der Frankfurter Berufs-Tierfreund und Nyerere-Bewunderer Bernhard Grzimek.
Die letzten »white hunters« erleben freilich noch immer märchenhafte Anerkennung voll befriedigter Kunden: So erhielt der Amerikaner Don Randgreen von einem Daimler-Benz-Vorstandsmitglied einen Mercedes 220 SE als Gratifikation. Der 47jährige Brite George Barrington heiratete die 21jährige Tochter eines millionenschweren Kunden.
Die Mehrheit der weißen Jäger aber sieht »die Flammenzeichen an der Wand« (so der in Botswana operierende Berufsjäger Harry Selby). Für Karl Jähn und Karl Lüthy haben sich die Zeichen schon erfüllt. Sie sind von Jagd- auf Photosafaris ausgewichen.
Nur wenigen gelingt der Wechsel in eine verwandte Branche. Ein aus Braunschweig stammender »white hunter« hat es geschafft. Früher hat er Großwild in Tansania gejagt. Nach der Verhängung des Jagdverbots ging er als Söldner in die Rebellenrepublik Rhodesien. Heute jagt er schwarze Freischärler.