KRUPP Verlorener Sohn
Der Mitbestimmungs-Referent beim Deutschen Gewerkschaftsbund, Dr. rer. pol. Karl-Heinz Sohn, 37, soll künftig in einem Hause mitbestimmen, in dem noch nie ein Gewerkschaftler etwas zu sagen hatte. Der Funktionär wurde dieser Tage zum Leiter der »Stabsabteilung Volkswirtschaft« bei Krupp bestellt; er darf sich künftig Direktor nennen, hat Anspruch auf einen Krupp -Dienstwagen nebst Chauffeur sowie auf ein Monatssalär von 5000 Mark.
Krupps neuer Wirtschaftspolitiker, Mitglied der SPD und energischer Verfechter einer verstärkten Mitbestimmung durch die Arbeitnehmer, wird Nachfolger des zum Wissenschaftsminister aufgerückten Krupp-Direktors Dr. Gerhard Stoltenberg, 38. Sohn zieht in jene Gehirnzentrale des Konzerns ein, die dem Krupp-Majordomus Berthold Beitz den Schreibtisch leer- und den Kopf freihält.
Die Bestallung Sohns ist ein neuer Personal-Coup des Krupp-Generals Beitz. Schon immer hat Beitz seine Generalstäbler aus fremden Revieren geholt. So warb er den Bonner Legationsrat Dr. Dedo von Schenck als Chefjuristen und den Gießener Landgerichtsrat Jürgen. Reinhold als Leiter seines Zentralbüros an. Am 1. April 1965 folgte der Kieler Polit-Historiker Dr. Gerhard Stoltenberg für ein Semester einem Ruf nach Essen.
Beitzens neue Wahl aber überraschte sogar seine engsten Mitarbeiter. Ehedem galt wenigstens der Erfahrungssatz, Krupp-Direktor könne nur werden, wer adelig, alert oder arriviert sei. Sohn indes stammt aus kleinbürgerlichen Verhältnissen - sein Vater war Wirkmeister in einer Wuppertaler Textilfabrik -, hat den Beruf des Schriftsetzers erlernt und die Akademie für Gemeinwirtschaft besucht. Seine unauffällige Erscheinung schien ihn ebensowenig für den höheren Krupp-Dienst zu qualifizieren wie seine Tätigkeit im Sozialethischen Ausschuß der Evangelischen Kirche.
Trotz der wenig glamourösen Karriere war der Mitbestimmungs-Referent, der vom DGB ein Monatsgehalt von 1800 Mark bezieht, dem Krupp-Hausmeier Beitz aufgefallen. Im Herbst 1965 plädierte Sohn vor den »Jungen Unternehmern« für eine Privatisierung der riesigen Gewerkschafts-Vermögen, und als die beiden Krupp-Konzerne Rheinhausen und Bochumer Verein im letzten Winter fusionierten, schickte der DGB seinen Sohn zu Beitz.
Mit der Fusion zogen für die Gewerkschaftsfunktionäre drohende Wolken auf. Zahlreiche Arbeitnehmer sollten in dem nunmehr kleineren Aufsichtsrat ihre Mandate einbüßen. Sohn schlug Beitz einen eleganten Ausweg vor: Krupp solle die abgehalfterten Funktionäre als »Beiräte« behalten und ihnen einen Teil ihrer Aufsichtsratsbezüge weiterzahlen.
Beitz fand Gefallen an dem unbürokratischen Funktionär, und Otto Brenner, Chef der Industriegewerkschaft Metall sowie stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender des neuen Stahlkonzerns Fried. Krupp Hüttenwerke AG, schlug Sohn als Nachfolger Stoltenbergs vor. Brenner zu Beitz: »Sie sprechen immer von den Sympathien, die Sie bei den Gewerkschaften besitzen, Herr Beitz. Beweisen Sie doch jetzt, daß Sie diese auch verdienen: Nehmen Sie einen von uns.« Beitz nahm.
Sohns Bedenken, sich Deutschlands ältesten Kapitalisten zu verdingen, zerstreute Brenner: »Du begehst keinen Verrat, Karl-Heinz.«
Doch auch die Befürchtungen alter Kruppianer, Sohn sei für den Direktoren-Posten nicht ausreichend gerüstet, sind gegenstandslos. Bevor der Funktionär seinen neuen Job aufnimmt, wird ihn die Dortmunder Sozialakademie mit dem Professoren-Titel schmücken. Sohn hat seinem neuen Arbeitgeber inzwischen mitgeteilt, er werde, da er die Ernennung zum Professor abwarten wolle, erst im Herbst dieses Jahres in Essen antreten.
Da bis dahin noch etwas Zeit ist, setzte sich der verlorene Sohn des DGB hin und schrieb im sozialdemokratischen »Vorwärts« einen Artikel: »Die Mitbestimmung soll vor Willkür schützen und die Abhängigkeit der Arbeitnehmer verringern.«
Neuer Krupp-Direktor Sohn
Beim DGB auf Abruf