INTERNET Vernetzte Herzen
Jonathan Abrams hat so viele Bekannte, dass er mit dem Zählen nicht mehr nachkommt. Einige hunderttausend Menschen kennen den 33jährigen Kanadier - oder wenigstens einen seiner Freunde.
Seine ungeheure Popularität verdankt Abrams dem Internet-Dienst »Friendster«, den er vor zwei Jahren im kalifornischen Sunnyvale gründete. Mit ihm hat er in Zeiten anhaltender Dotcom-Tristesse eine fast unglaubliche Erfolgsgeschichte geschrieben - und einer Reihe ähnlicher Angebote zum Durchbruch verholfen.
Bei diesen so genannten Social Networks handelt es sich um Tauschbörsen, in denen die Nutzer einander nicht etwa Musikdateien oder Videofilme vermitteln, sondern Freunde und Bekannte. Allein Friendster hat über fünf Millionen Nutzer (darunter auch den Firmengründer selbst). Sie alle hoffen darauf, durch das Tauschen und Zusammenlegen von Freundeskreisen passende Freizeitpartner zu finden - vielleicht sogar den Mann, die Frau oder den Job fürs Leben.
Das Ganze funktioniert nach einer Art Schneeballsystem: Für jeden neuen Nutzer wird bei Friendster nach Ausfüllen eines Fragebogens eine kleine Homepage mit Gästebuch eingerichtet. Per E-Mail lädt das Neumitglied dann seine Freunde ein, auch dem Club beizutreten. Neben dem Selbstporträt verzeichnet die eigene Homepage daraufhin eine ständig wachsende Liste aller registrierten Freunde, deren Namen sich ebenfalls anklicken lassen.
Der Vorteil im Vergleich zu normalen Kontaktbörsen liegt auf der Hand: Nur wer von einem Mitglied eingeladen wird, kommt hinein ins Netz der befreundeten Herzen; das erleichtert die Kontaktaufnahme und schützt vor unschönen Überraschungen mit wildfremden Menschen.
Längst haben sich spezielle Netze wie etwa »Ryze« gebildet, die sich allein um die Berufswelt kümmern - und mit dieser Art der Jobvermittlung angeblich bereits profitabel sind. Auch der Suchmaschinen-Marktführer »Google« mischt mit einem eigenen Dienst namens »Orkut« mit.
Der hier zu Lande populärste Friendster-Abklatsch heißt »myfriends« und hat nach eigenen Angaben schon 200 000 Nutzer. Die Gründer dieses Netzwerks, die Brüder Marc, Oliver und Alexander Samwer, haben Erfahrung mit dem Klonen erfolgreicher Geschäftsmodelle: Vor einigen Jahren stellten sie mit »Alando« eine »EBay«-Kopie auf die Beine - um sie später hochprofitabel an EBay zu verscherbeln.
Was aber treibt Menschen in die Kontakt-Netzwerke? Eine Studie der Annenberg School for Communication in Kalifornien stellt ernüchternd fest: Der durchschnittliche Friendster-Fan nutzt das Netzwerk vor allem, um sich selbst zur Schau zu stellen - und zwar dadurch, dass er mit einem möglichst großen Freundeskreis protzt.
Der designierte US-Präsidentschaftskandidat John Kerry zum Beispiel posiert auf Friendster als Surfer - wahrscheinlich, um junge Wähler zu umwerben.
Derlei Reklame in eigner Sache garantiert gleichzeitig, dass die Börsen intensiv genutzt werden - was sie wiederum unwiderstehlich macht für Anzeigenkunden.
Kritiker prophezeien, dass die Faszinationskraft der rein virtuellen Ego-Pflege rasch nachlassen wird. Das Netzwerk Ryze organisiert bereits auch Kennenlern-Partys in der realen Welt. »Networking ist viel effektiver, wenn man sich leibhaftig gegenübersteht«, sagt Firmenchef Adrian Scott. CHRISTOPH SEIDLER