VERROHUNG - DER SPIEGEL
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Martin Morlock VERROHUNG

• aus DER SPIEGEL 16/1966
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In Paris habe es jüngst einen Theaterskandal gegeben, wurde mir hinterbracht; nicht auf x-beliebiger Boulevard-Bühne, nein, an geheiligter Kultstätte: in der von Ludwig XIV. im Jahre 1680 gegründeten »Comédie-Francaise«, dem »Hause des Molière«.

Dort, wo noch heutigentags der grimme Orestes, ein finstersinniger Narzissus oder der schreckliche Agamemnon schönes Pathos verströmen, speziell donnerstags, für die Schulklassen; wo einzig in der Welt die Dichter Corneille und Racine als spielbare Klassiker gelten, wo Bühnenstücke, einmal erprobt, jahrhundertelang im Repertoire verbleiben und wo zu Beginn der Vorstellung nicht profan geklingelt, sondern mit dem Haushofmeister -Stock aufgestoßen wird.

Die Comédie-Francaise, von der Charles Augustin de Sainte -Beuve, ein Freund Victor Hugos, einst zu rühmen wußte, sie verschmähe alles Gewöhnliche und sei »ein geistiger Wall, der gegen die zunehmende Verrohung schützt, was noch an Geschmack, an Feinheit, an Kultur, an Zivilisation vorhanden ist« -, sollte sie am Ende durch Buh-Rufe,

Pfiffe auf Hausschlüsseln oder gar durch das Werfen mit verdorbenen Nahrungsmitteln entweiht worden sein?

Schaudernd gedachte ich jener turbulenten Aufführung von Beaumarchais' »Hochzeit des Figaro« im Jahre 1784, die der Französischen Revolution das Sturmsignal gab. Steht eine ähnliche Mißhelligkeit Charles de Gaulles Fünfter Republik bevor? - Ich eile nach Paris, in die Rue de Rivoli.

Die gläserne Portiersloge ist noch heil, desgleichen die Mollère-Büste im Treppenhaus, vor welcher »Comédie«-Debütanten einen Veilchenstrauß niederzulegen durch Tradition genötigt sind.

Ich frage nach dem Schauspieler Robert Hirsch, 40, renommiertem Interpreten des Britannicus in Racines »Nero und Britannicus« und des Scapin in Molières »Schurkereien des Scapin«, aber auch Hauptdarsteller des Filmlustspiels »Affengeld«, das seit einem Jahr auf den Champs-Elysées läuft. Er, soviel weiß ich, hat bei dem Skandal eine entscheidende Rolle gespielt.

Monsieur Hirsch (sprich: Irrsch) wohne »Samson, Nr. 32«, verlauthart der Pförtner. Ein moderner Fahrstuhl führt mich vorbei an den Etagen »Mars«, »Rachel« und »Talma« (so benannt nach vormals gefeierten Komödianten) zum angegebenen Stockwerk. Ich atme im düsteren Korridor ein Mixtum von

Mimenschweiß, Schminke und Fundus-Staub aus drei Jahrhunderten, finde die richtige Garderobe, staune über deren innenarchitektonische Pracht.

Solcher Wohnkomfort, belehrt mich Herr Hirsch, elsässischer Ahnen-Sproß, stehe einem »Sociétaire« der Comédie-Francaise Rechtens zu, nicht minder ein Dauerparkplatz und kostenlose Telephonbenützung.

Höflich beplaudern wir die Wunderlichkeit, daß ein staatlich subventioniertes Theater von, Gesellschaftern« getragen wird, die - zu 20 Jahren Bühnendienst verpflichtet und pensionsberechtigt - den Status von Kommanditisten einer Kommanditgesellschaft innehaben. Ich erfahre des Akteurs Blitz-Vita: 1948 als bester Jahrgangs-Absolvent der Staatlichen Schauspielschule an die »Comédie« verpflichtet, seither dort tätig, unverheiratet. Endlich kommen wir zur Sache.

Ja, es habe Skandal gegeben; während einer Abonnementsvorstellung des Eugen -Ionesco-Stückes »Hunger und Durst«. Vielleicht deshalb, weil es für das ehrwürdige Haus ein doch etwas zu modernes Stück sei.

»Welcher Art war dieser Skandal?«

»Nach der-Szene im dritten Akt, wo die beiden hungrigen Clowns von den Mönchen gezwungen werden, das Vaterunser zu beten, wenn sie Suppe bekommen wollen, entstand Unruhe. Die Leute zeigten schlechte Erziehung, riefen 'Aufhören!' und 'Blasphemie!'«

»Alle?«

»Viele. Das Publikum wird immer von den Flegeln aufgeputscht, das ist normal.«

Daraufhin, berichtet Robert Hirsch mit einem Nachschimmer von Genugtuung um die Mundwinkel, sei er, aus der Rolle des »Jean« fallend, an die Rampe getreten, habe durch Handzeichen Stille erwirkt und in diese Stille nur ein einziges Wort gesprochen.

Wahrscheinlich, denke ich, war es jenes feierliche »Hélas«, mit welchem die Helden Corneilles und Racines Vorwurf, Gram und Entsagung zu bekunden pflegen. Doch Hirsch fährt fort: »Es kam zu einem Tumult.«

»Wie hieß das Wort?«

»Das Wort«, antwortet mir der Kommanditist der Maisonde Molière im Stockwerk Samson, »hieß 'merde'.«

Zu Hause schlug ich, auf eine schickliche Nebenbedeutung hoffend, in Langenscheidts Wörterbuch nach - und erschrak bis ins Herz.

Hirsch

Martin Morlock
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