VERS 4 - DER SPIEGEL
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Briefe

VERS 4
• aus DER SPIEGEL 46/1961
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

VERS 4

Ihr SPIEGEL-Gespräch mit dem hannoverschen Landesbischof spiegelt in bedrückender Weise das Zwiespältige, Schillernde dieses »Protestanten mit Mitra und Krummstab« wider. Eine Posaune, die keinen deutlichen Ton gibt. Eine mit dem äußerlich selbstsicheren Auftreten seltsam konstrastierende innere Unsicherheit und Hilflosigkeit in allen Fragen, auf die ein Prediger des Wortes Gottes heute eine klare Antwort geben müßte.

Alzey (Pfalz) HEINRICH TREPLIN

Pfarrer

Ihr Gespräch mit Lilje zeigt die Wendigkeit und Unverbindlichkeit der Kirche: Selbst in den wichtigsten Fragen der Moral, nämlich, ob man jeder Obrigkeit gehorchen soll oder nicht, gibt die Geistlichkeit viele Lösungen. Unverständlich ist mir nur, wie sie aus solchem Wirrwarr noch Machtansprüche abzuleiten wagt.

Köln H. RADHAD

Dibelius und Lilje sind doch im Grunde nie viel mehr gewesen als theologische Schauturner. In puncto »Obrigkeit« zeigte der eine sofort die Riesenwelle rückwärts, der andere nicht gleich, sondern erst später. Haben wir heute nichts Wichtigeres zu tun, als uns mit den Kunststückchen dieser beiden zu beschäftigen?

Berlin OTTO MASS

Erstaunlich, wie dieser Bischof seine Haken schlägt, mit welchen biedermännischen Gesten er argumentiert. Und dann noch den Herrgott in den Landesfarben zu streichen ...

Hanau (Main) KARL-HEINZ WOLLERMANN

Es geht um das Recht des evangelischen Christen auf Widerstand gegen einen ungerechten Staat. Dieses Recht muß ein Theologe doch jedem einzelnen, wer es nun sei, zuerkennen. Ihre Redakteure aber versuchten: Bischof Lilje zu unterschieben, er habe den einzelnen, sofern er einem ungerechten Staat zugehört, die

Pflicht zum Widerstand auferlegen wollen, obwohl der Bischof diese Entscheidung ganz allein dem Gewissen des einzelnen überantwortet wissen wollte. Erwarten Sie etwa von dem Geistlichen, daß er dem Christen sein Recht auf Widerstand gegenüber einem ungerechten Staat abspricht, erwarten Sie das etwa von einem Mann, der dieses Recht mit anderen Tapferen gegenüber dem Nationalsozialismus für sich in Anspruch

genommen hat und dem nicht zuletzt gerade deswegen heute Achtung entgegengebracht wird, auch aus Kreisen, die der Evangelischen Kirche fernstehen?

Bonn HANS WELLMANN

Schon Wilhelm Busch hat diesen Typus des lutherischen Geistlichen gekannt, der den Begriff »Obrigkeit« je nach dem Standort seiner Abhängigkeit hin und her dreht und wendet.

Hamburg JENS BILLERMANN

Wann begreifen alle CDU-Thron- und Altar-Hüter den Martin Luther: Pfaffen sollen beten, aber nicht regieren.

Bielefeld HEINRICH BALKE

Christus war kein Weltmann. Seine Rede war ja und nein - und nicht des Bischofs Liljes jain.

Hannover WALTER SAWCZUK

Das SPIEGEL-Gespräch mit Landesbischof Lilje offenbart deutlich die kirchliche Konzeptionslosigkeit gegenüber der Entwicklung in der DDR. Niemand wird verkennen können, daß die bloße Gestattung der Rechtsausübung von Ulbricht und seiner Meute flugs und mit lautem Getön als unverdientes Entgegenkommen apostrophiert wird. Es ist ein Irrglaube, dies werde ad infinitum ohne Forderung von Gegenleistungen geschehen. Am Ende der eingeleiteten Entwicklung steht die Gleichschaltung der Kirche. Diese Dinge auf sich zukommen lassen« - das verrät nicht nur Mangel an Weitblick, sondern auch an christlichem Verantwortungsbewußtsein.

Köln-Raderberg HERBERT WILTS

Ihr Gespräch zeigte, daß Lilje wie fast alle West-Christen im Begriff ist, die kommunistischen Regimes im Sinne der Offenbarung des Johannes zu verteufeln. Natürlich kann man Lilje nicht logisch widersprechen, aber wenn man von einem ganz bestimmten Standpunkt ausgeht, nämlich von der Frage, wie man die heutige Weltsituation nicht im Licht des unmittelbar bevorstehenden Jüngsten Gerichts, sondern auf der Suche nach einem menschlichen Ausweg aus der Krise sehen kann, dann ist der Lilje-Standpunkt nicht nur als uneinsichtig, sondern als außerordentlich gefährlich zu bezeichnen.

Lehrte (Hannover) HANS SCHILFFARTFH

Wenn ich den Namen Lilje höre, muß ich immer an eine Stelle aus der Walpurgisnacht denken: »Stimme (unten) Nehmt mich mit! Nehmt mich mit! Ich steige nun schon dreihundert Jahr und kann den Gipfel nicht erreichen. Ich wäre gern bei meinesgleichen.«

Windschlag (Offenburg) FR. W. SCHULZE

Herr Landesbischof Lilje hat mit Erfolg praktiziert, was viele seiner Geistlichen-Kollegen nur in der Theorie -zu beherrschen imstande sind: auf präzise Fragen unklare oder keine Antworten zu geben. Von der Obrigkeit spricht Paulus als einer Dienerin Gottes. Was aber, wenn die Bundesrepublik als Gottes Dienerin uns auffordert, gegen die Sowjetunion oder die Ostzone (offenbär auch Dienerinnen Gottes?) zu kämpfen? Gegen die Anordnung der Obrigkeit zu verstoßen, zieht Strafe nach sich (Vers 4). Welcher Dienerin Gottes muß ich gehorchen, der sowjetisch-kommunistischen oder der amerikanisch-kapitalidtischen?

Frankfurt RUDOLF METZGER

In erster Linie ist es Römer 13, den der Landesbischof Lilje so glaubenssicher zitiert, zu verdanken, daß das Christentum mit seiner archaischen Religion sich bis heute am Leben erhalten konnte. Nicht umsonst zahlte Hitler bis zum Ende gern die Steuern an seine Kirche.

Lörrach (Baden) ALBRECHT CLAUDIUS

An diesem leidigen Römer 13 wird noch so viel herumgetüftelt und gedeutelt werden, bis man ihn glücklich ins Gegenteil verkehrt hat: »Widersteht der Obrigkeit!« So geht es aber, wenn man mit Bibelversen operiert und sich vom Buchstaben töten, statt vom Geist lebendig machen läßt. Man stellt ja noch nicht einmal die Frage: In welcher Situation hat denn Paulus jenes ominöse Wort geschrieben? Nämlich in einer Situation, die mit den Namen »Nero« gekennzeichnet sein mag. In einer Situation auch, die dem Paulus den Tod einbrachte. In einer Situation, die für die Christenheit, die gar keine »erwünschte Religion« war, von Jahr zu Jahr prekärer wurde, und wo das Wort »Christianer« wohl so etwas wie ein Schimpfwort war wie später dann »Geusen« oder »Protestanten«.

Bienenbüttel (Uelzen) HANS BORNSCHEIN

Pastor i. R.

Als langjähriger Leser Ihres geschätzten Magazins hat mich als Pfarrer selbstverständlich das Lilje-Interview besonders interessiert und meine Erwähnung darin - ich bin nicht weniger eitel als jeder andere Durchschnittsmensch

- besonders gefreut.

Mir scheint das, was Sie darin über meinen »Aufbau durch die SED« sagen, für Ihre Verhältnisse zu naiv.

Meine theologische und philosophische, kirchliche und kirchenpolitische Entwicklung (wenn Sie das mit »Aufbau« meinen) war schon vor Beginn des Tausendjährigen Reiches, genauer etwa Anno 1928 im wesentlichen abgeschlossen. Seitdem hat - abgesehen von meinen Ausbildern auf den Kasernenhöfen des Dritten Reiches

- niemand mehr mit Erfolg an meiner

»Haltung« herumgebaut. Oder verstehen Sie unter meinem »Aufbau durch die SED« so etwas wie meine Zurichtung für eine bestimmte Position? Ich stimme zwar in politicis mit der SED überein (zu,der ich anders ja nicht gehören würde), habe aber »naturgemäß« völlig, andere kirchliche

(und auch kirchenpolitische) Auffassungen als sie. Selbst wenn das anders wäre, würde sich damit an meinen Dispositionen nichts ändern.

Ich gedenke bis zu meiner Pensionierung beziehungsweise meinem Lebensende das zu bleiben, was ich bin: Pfarrer am Dom in Schwerin. Der einzige Umzug, der mir noch bevorsteht, ist der vom Ufer des Heidensees, an welchem ich jetzt wohne, an das Ostdorfer Ufer, an welchem der Schweriner Friedhof liegt. Man hat übrigens auch von dort aus einen hübschen Blick aufs Wasser, ohne den ich mir auch mein Leben nach dem Tode nicht als vergnüglich vorstellen kann.

Sie können mich, um es biblisch auszudrücken, einen »Schalksknecht« nennen, wenn sich an diesen meinen Dispositionen zu meinen Lebzeiten irgend etwas kirchlich oder kirchenpolitisch Bedeutsames ändert.

Schwerin KARL KLEINSCHMIDT

Landesbischof Hanns Lilje macht sich Gedanken über die zukünftige Gestalt der evangelischen Kirche in der DDR. Er hält die »tschechoslowakische Lösung« für undurchführbar; denn noch fände »die DDR die dafür notwendigen Kollaborateure nicht«. Das konnte nicht anders verstanden werden, als behaupte der interviewte Landesbischof, die tschechischen Kirchen hätten das Evangelium und ihren christlichen Glauben um einen Judaslohn an den kommunistischen Staat verraten.

Wir fragen: Hat sich der hannoversche Landesbischof auch nur ein einziges Mal an Ort und Stelle davon unterrichtet, in welcher Weise die evangelischen Prediger in der Tschechoslowakei die Freiheit der Verkündigung wahrnehmen? Und weiß er, daß ein Hilfsarbeiter in der CSSR von 1200 Kronen an aufwärts verdient, daß aber das Gehalt eines Pfarrers um 800 Kronen liegt (das entspricht etwa 250 DM-West)? Glaubt er, daß unsere christlichen Brüder um diese Summe ihre Seele und ihren Auftrag verkauft haben?

Die tschechische Brüderkirche hat in ihrer langen Leidensgeschichte mehr Märtyrer gehabt als die hannoversche Landeskirche. Es wäre gut, wenn sich auch Herr Landesbischof Lilje von der Tatsache überzeugte, daß die tschechischen Christen deshalb als Gemeinde Jesu Christi leben, weil ihnen ihre Pfarrer das Evangelium rein und lauter predigen.

Frankfurt PROFESSOR ERNST E. WOLF

PFARRER MARTIN SCHRÖTER

Fortsetzungsausschuß der Prager Christlichen Friedenskonferenz in der Bundesrepublik

Das Kommuniqué, das nach dem SPIEGEL-Gespräch mit Landesbischof D. Lilje hätte herausgegeben werden müssen, hätte folgenden Wortlaut haben sollen: »Der Herr Landesbischof spricht seine Befriedigung darüber aus, daß ihn maßgebende Vertreter des deutschen Nachrichten-Magazins DER SPIEGEL über ihre Vorstellungen zu aktuellen Fragen des kirchlichen Lebens im geteilten Deutschland informiert haben. Er ist sich der ihm dadurch zuteil gewordenen Aufmerksamkeit bewußt und verleiht seiner Freude darüber Ausdruck, daß ihm im Verlaufe des in freundschaftlicher und verständnisvoller Atmosphäre geführten Gesprächs Gelegenheit geboten worden ist, seine Ansichten in dem ihm zukommenden Rahmen zu äußern.«

Frankfurt REMBERT BEHRENDT

Jedenfalls ist mir aus dem Interview klargeworden, daß Abt Johannes XI. sich einen Staat wünscht, in dem die Kirche das Recht hat, Lucas 19,27* zu verwirklichen.

Deißlingen (Rottweil) HORST FAHR

* »Doch jene meine Feinde, die nicht wollten, daß ich über sie herrschen sollte, bringet her und erwürget sie vor mir!«

Lilje-Titel

Kleinschmidt

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