Verschämter Mond - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 49 / 86

INDIEN Verschämter Mond

Alles soll nicht stimmen mit Indiens schönstem Grabmal, dem Tadsch Mahal: mit dem Erbauer nicht und dessen großer Liebe auch nicht. *
• aus DER SPIEGEL 36/1984
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Er lebte von 1592 bis 1666 in Indien. Während seiner 31 Jahre dauernden Regentschaft nannte er sich »Herr der Welt«, und ein Vierteljahrtausend später war ein blasser Abglanz des am Hof von Agra betriebenen Pomps auf Berliner Hinterhöfen noch präsent.

Dort las jedenfalls anno 1902 Heinrich Zille den Gören folgenden Abzählreim vom Munde: _____« Der große Mogul Schahdschahan, der hat am Arsch 'ne » _____« Perle dran. Rubine, Gold und Blech dazu, und raus bist » _____« du. »

Doch noch etwas hat Schahdschahan, den unermeßlich reichen Nachfahren Timurs und ersten Besitzer des später als Kriegsbeute nach Persien gelangten Pfauenthrons, in der ganzen Welt berühmt gemacht: das marmorne Grabmal Tadsch Mahal in Agra am Flußufer der Jamuna, von Architekturkritikern als eines der vollkommensten Bauwerke der Erde gelobt.

Dazu kommt die Legende, die das Mausoleum umrankt - die Geschichte der unsterblichen Liebe des Schahdschahan zu seiner Lieblingsfrau Mumtas Mahal, der »Auserwählten des Palastes«.

Die Schöne verblich 40jährig. Auf dem Sterbelager verkündete sie dem Gemahl ihren letzten Wunsch: Ein Grabmal möge er ihr bauen als Wahrzeichen ihrer beider Liebe. Es sollte ein Bauwerk sein, das jedem Betrachter das Ausmaß ihrer Gefühle zeige.

Das ist Schahdschahan, einem Freund höfischer Baukunst, mit Hilfe von 20 000 Arbeitern in 22jähriger Bauzeit offenkundig geglückt. Als Beweis wurde aus der Vielzahl der überwältigten Kommentare oft der Ausruf einer Mrs. Sleeman genommen, der Gattin eines im frühen 19. Jahrhundert in Indien stationierten britischen Kolonial-Majors namens W. H. Sleeman: »Ich würde morgen sterben, um so etwas über mir zu haben.«

Alles, Geschichte wie Liebesgeschichte, soll nun auf einmal nicht mehr wahr sein. Seit 20 Jahren schon führt ein Hindu, Puruschottam Nagesch Oak, 67, eine hartnäckige, gleichwohl wenig beachtete Kampagne gegen das Juwel der indo-islamischen Mogul-Architektur. In diesem Sommer hat Oak, ein früherer Mitarbeiter des amerikanischen Informationsdienstes Usis, Unterstützung bei einem amerikanischen Wissenschaftler gefunden.

Oaks These: Das Tadsch Mahal sei ein befestigter Palast hinduistischer Radschput-Fürsten, aus einer Zeit lange bevor die moslemischen Moguln den indischen Subkontinent eroberten. Der prunksüchtige Schahdschahan, der dort an der Seite seiner Gemahlin bestattet liegt, habe das Bauwerk nach dem Tod von Mumtas Mahal, die er gar nicht sonderlich geliebt habe, zum Mausoleum umfunktionieren lassen.

Bislang hatte Oak zum Beweis für den Ursprung des Tadsch eine Fülle von Hindu-Motiven in den Dekorationen des Monuments angeführt. Namhafte indische Archäologen bezichtigten ihn deshalb des »schlimmsten Hindu-Chauvinismus«.

Oak entdeckte, verborgen in floralen Mustern, das heilige Wort »aum«, deshalb müßten die Erbauer Hindus gewesen sein. Doch das ist nach Ansicht von Agam Prasad Mathur, Vizekanzler der Universität von Agra, kein Beweis. Hindu-Motive gehörten nachgerade zum Bau dazu, schon »aus rein genetischen Gründen": Mutter wie Großmutter Schadschahans waren Hindu-Prinzessinnen.

Außerdem hätten eine Vielzahl hinduistischer Künstler und Handwerker am »Wunder der Wunder« mitgewirkt. Mathur: »Natürlich ist das Tadsch Mahal eine Synthese von Hindu- und Mogul-Architektur.«

Wozu, so der Tadsch-Stürmer Oak weiter, braucht man in einem Grabmal Wehrmauern, 300 Zimmer, eine Küche? Ganz einfach, kontern seine Gegner: um sich notfalls darin zu verschanzen und um durchreisende Gäste zu beherbergen. Auch andere Mogul-Mausoleen wie Humajuns Grab im Süden Delhis seien ähnlich angelegt, ohne jemals regelrechte Hindufestungen gewesen zu sein.

Nun aber, glaubt Oak, habe ihm der amerikanische Professor Mario Mills vom New Yorker Pratt-Institut den endgültigen Beweis dafür geliefert, daß das Tadsch Mahal schon lange vor der Mogul-Zeit an den Wassern der Jamuna geprangt habe.

Mills unterzog ein Stück Holz von der östlichen Eingangspforte einem speziellen Röntgentest. Der Befund: Die Tür stammt aus dem 14. Jahrhundert. Das Bauwerk, so Oak, müsse mithin ebenfalls vor den angeblichen Baubeginn im Jahr 1631 datiert werden.

»Humbug«, sagt der indische Historiker Ramesch Tschandra Scharna. Erstens würde Holz vor der Verwendung durchaus schon mal ein, zwei, vielleicht auch drei Jahrhunderte gelagert, bevor es gebraucht wird. Und zweitens habe

das Tadsch Mahal so manchen Sturm erlebt.

Die kriegerischen Dschats eroberten 1764 das Mausoleum und nahmen silberne Pforten mit. Und dann kamen die Briten. Zwei Vizekönige von Indien, Warren Hastings (1772 bis 1785) und William Bentinck (1828 bis 1835) hatten den Marmor des Tadsch Mahal tatsächlich schon zur Auktion ausgeschrieben. Nur die Tatsache, daß eine ähnliche Versteigerung mit Pavillonteilen aus Delhi zu einem völligen Mißerfolg wurde, rettete das Tadsch vor der Zerstörung, denn die Abbruchgenehmigung hatte London schon erteilt.

Pfleglich gingen die Engländer dennoch nicht mit dem Prachtbau um. Es wurde Treffpunkt, Liebesnest und Kneipe fürs imperialistische Jungvolk, Militärkapellen spielten unter der majestätischen 13 000 Tonnen schweren Grabeskuppel zum Tanz auf.

Erst Lord Curzon, um die Jahrhundertwende Vizekönig von Indien, gebot dem Treiben Einhalt. Angewidert notierte er: »Es war nichts Ungewöhnliches für die Zecher, sich den Nachmittag damit zu vertreiben, sich mit Hammer und Meißel zu bewaffnen und Stücke von Achat und Karneol aus dem Grabmal des Herrschers und seiner betrauerten Gemahlin zu schlagen.«

Dieser Lord Curzon jedenfalls ließ das Tadsch Mahal wieder herrichten, den Marmor polieren und etliche Türen einsetzen. An so eine erneuerte, möglicherweise uralte Pforte könnte der Holz-Tester Mills geraten sein, meinen indische Experten.

Sie verweisen im übrigen auf eine Vielzahl historischer Berichte, die vom Bau des Tadsch Mahal künden, nicht etwa von einem Umbau. So schrieb der von 1656 bis 1668 am Hof von Agra weilende französische Arzt Francois Bernier: »Schahdschahan errichtet das ... Mausoleum zum Gedenken an seine Frau, in deren außerordentliche Schönheit er so verliebt war, daß er zu ihren Lebzeiten immer bei ihr und bei ihrem Tod so erschüttert gewesen sein soll, daß er ihr fast ins Grab nachgefolgt wäre.«

Als hätte er noch nicht genug an den Grundfesten des Tadsch und dessen Legende gerüttelt, behauptet der Hindu Oak, die Geschichte von Schahdschahans »ausschließlicher Verliebtheit« in Mumtas sei »Erfindung«, die lediglich dazu diene, die Urheberschaft des Moguls für das Grabmal »plausibel« zu machen. Immerhin habe er einen reichlich gefüllten Harem besessen, die liebliche Mumtas habe sich die Gunst des Herrschers mit 5000 Damen teilen müssen.

Wenn es denn wahr ist, was zeitgenössische Hofchronisten über Mumtas schreiben, so scheint fast ausgeschlossen, daß sich der 12jährige Knabe beim ersten Treffen nicht in die zwei Jahre ältere Schönheit verliebt haben sollte.

Ihr Aussehen, heißt es, »veranlaßte den Mond, sein Antlitz verschämt zu verhüllen, während die Sterne ihre Lichter löschten aus Furcht, an ihrem Glanz gemessen zu werden«.

Ihre Sonderstellung ist verbürgt - Schahdschahan hatte ihr, der Tochter seines Großwesirs, das Staatssiegel anvertraut. Auf jedem Feldzug begleitete Mumtas ihren Gebieter.

Sie starb drei Tage nach der Geburt ihres 14. Kindes auf dem Schlachtfeld bei Burhanpur im Süden Madhja Pradeschs, wo Schahdschahan gegen den Khan Dschahan Lodi focht. »14 Kinder in 19 Jahren - ist das nicht Beweis genug für seine Liebe?« fragt der Archäologe Maheschwari Dajal Khare.

Nach dem Tod von Mumtas soll der große Mogul zwei Jahre lang getrauert haben und mit schlohweißen Haaren wieder an die Öffentlichkeit getreten sein. Er zog nie wieder mit seinen Soldaten in die Schlacht. Wer von seinen Untertanen gegen die strengen Trauervorschriften verstieß, wurde hingerichtet.

Der Tod des despotischen Romantikers war schmachvoll. Die letzten acht Jahre seines Lebens sperrte Schahdschahans rabiater Sohn Aurangseb den entthronten Vater in einem Burgzimmer im Roten Fort von Agra ein - mit Blick aufs Tadsch Mahal.

Zur Ausgabe
Artikel 49 / 86

Mehr lesen über