ZEITUNGS-ENTE Verschiedene Fragezeichen
Es war einigermaßen sensationell, was die französische Nachrichtenagentur »Agence France Presse« (AFP) mit ihrem weltweiten Nachrichtendienst verbreitete, trotz des Vorbehalts, den sie machte. AFP berichtete von einem Interview, das Josef Stalin polnischen Journalisten zur Frage der Oder-Neiße-Linie gegeben habe. Stalin
sei unter anderem gefragt worden, ob nach seiner Ansicht die Oder-Neiße-Linie »in alle Ewigkeit die polnische Staatsgrenze bleiben werde«.
Darauf Stalin: »Im Zeitalter der Weltrevolution haben Staatsgrenzen nur eine untergeordnete Bedeutung. Es gilt, allen Völkern Freiheit und ausreichenden Lebensraum zu sichern, und sie am Ende in einem einheitlichen Staatswesen zusammenzufassen, wo Grenzen nur noch provinziale Bedeutung haben. Die Sowjetunion lehnt jedes Gespräch über die Oder-Neiße-Linie zwecks ihrer Begradigung zugunsten eines kapitalistischen Deutschland ab. Die Sowjetunion wird sich weder diplomatischer noch gewaltsamer Forderung beugen.«
Frage der Polen: »Halten Sie Verhandlungen über die Oder-Neiße-Linie, also die Westgrenze Polens, mit anderen deutschen oder westlichen Stellen, etwa einer demokratischen deutschen Regierung für möglich, und würden Sie dann die Aufnahme von Verhandlungen über dieses Thema gutheißen?«
Stalin: »Man kann Politik nicht auf zehn Jahre im voraus machen. Nach einer deutschen Vereinigung wird es notwendig sein, territoriale Probleme zu erörtern, die jedoch grundsätzliche Bedeutung haben. Die Sowjetunion wird solche Verhandlungen aber nur mit einem neutralen Deutschland führen, das gewillt ist, die polnischen Interessen anzuerkennen.«
Zeitungen von Format griffen das Interview auf, und die Züricher »Tat« zum Beispiel knüpfte daran ihre Betrachtungen: »Zu diesem Interview machen wir verschiedene Fragezeichen. Seine Authentizität scheint uns fraglich. Es ist aber charakteristisch, daß eine solche Meldung, die möglicherweise nichts als ein bolschewistischer Versuchsballon ist, gerade im Moment der Berufung Puschkins (des ehemaligen Sowjetbotschafters in Ostberlin) nach Moskau auftaucht. Jedenfalls hat man in Warschau einigen Grund, alarmiert zu sein.«
AFP hatte seine Stalin-Meldung aus der Vertriebenenzeitung »Der Schlesier« in Recklinghausen nachgedruckt, die das Interview unter einer Balkenüberschrift: »Stalin über territoriale Probleme« an den Kopf ihrer ersten Seite gesetzt hatte. Den »Schlesier«-Leuten war das Manuskript dazu aus Kiel geschickt worden, von einem Manne, der bisher mit diesem Blatt noch nicht zusammengearbeitet hatte, von Robert F. Jadamowitz, Kiel-Ellerweg, Soeren 11.
Das Stalin-Interview zur Oder-Neiße ist nicht die erste Meldung von weltbewegender Bedeutung, die aus der Jadamowitzschen Nachrichten-Küche ihren Weg in die Zeilen der Weltpresse gefunden hat. Schon im Dezember 1951 verbreitete der Kieler einen Bericht über deutsche Minenräumboote, die vor Korea eingesetzt seien. Der Bundestagsabgeordnete Herbert Wehner erzählte die Geschichte damals der Bonner Pressekonferenz und fügte hinzu, er zweifle nicht an der Richtigkeit der Angaben.
Erst später stellte sich heraus (SPIEGEL Nr. 7/52), daß Zweifel an der Richtigkeit doch wohl ohne weiteres erlaubt sein müssen; denn Robert F. Jadamowitz war nicht in der Lage, den Urheber der Korea-Meldung zu benennen. Der Mann, der ihm die Geschichte mit den Koreadeutschen geliefert habe, sei selbst nicht der Verfasser, sondern habe sie von einem anderen, und dieser andere sei in Deutschland nicht mehr aufzutreiben.
Ähnliches Pech hatte Jadamowitz nun wieder mit den Gewährsleuten für das Stalin-Interview. »Ich habe den Inhalt des Manuskripts von einem sowjetzonalen
ADN-Mitarbeiter*) erhalten«, sagte er. Eine schriftliche Unterlage seines angeblichen ADN-Informanten zu dem Stalin-Interview hat Jadamowitz nicht. Es sei ihm erzählt worden.
Der Pressechef beim britischen Landeskommissar von Schleswig-Holstein, Georges McGregor, rollte persönlich vor der lukrativ eingerichteten Neubauwohnung Jadamowitzens in Kiel-Ellerbeck vor und wollte Näheres über die Herkunft des Stalin-Interviews wissen Aber auch er bekam nur die Geschichte von dem sowjetzonalen ADN-Mann zu hören.
Jadamowitz verwies damit auf alte Freundesbeziehungen. Er war bis 1947 selbst ADN-Journalist in Chemnitz. Dann floh er nach Kiel und wurde in den Redaktionen Kieler Lokalzeitungen bald als Lieferant unsicherer. Dementis nach sich ziehender Meldungen bekannt und nicht mehr beschäftigt.
Inzwischen hat sich nun herausgestellt, daß die polnische Zeitung, deren Korrespondent, laut Jadamowitz, von Josef Stalin zum Interview empfangen worden sein soll, nämlich der »Kurier Warszawski«, seit dreizehn Jahren überhaupt nicht mehr erscheint.
Die sowjetrussische Agentur »Tass« und die Polnische Presseagentur konnten in Dementis behaupten, das Interview sei »eine Fälschung und eine von Anfang bis Ende erfundene Lüge« und zeige wieder einmal die Unglaubwürdigkeit westlicher Nachrichten schlechthin.