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AFGHANISTAN Versickernde Milliarden

Die Politik will den schnellen Erfolg beim Wiederaufbau in Afghanistan, das zum Dorado für internationale Berater und professionelle Helfer geworden ist. Sie haben sich in Kabul in bequemen Büros eingerichtet, doch ihre Arbeit fördert Schlamperei und Korruption.
• aus DER SPIEGEL 13/2005
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der Mann auf dem Basar an der Flower Street in Kabul trägt dastraditionelle Perahan wa Tonban, das afghanische lange Hemd und dieweite Baumwollhose, und, weil es kalt ist an diesem Tag, darüber einenFlanellmantel. Es ist französischer Flanell.

Ramazan Bachardoust schloss seinen Doktor der Rechtswissenschaftenmit Auszeichnung in Paris ab, wo der 43-Jährige viele Jahre gelebt hatund wo er mit seinen Publikationen über die Diplomatie imsüdasiatischen Raum akademische Preise errang. Bachardoust war soglücklich, »wie man als Flüchtling in Paris eben sein kann«, alsounglücklich, und schließlich zog es ihn wieder zurück nachAfghanistan.

Dort ernannte ihn Präsident Hamid Karzai zum Minister für Planungund damit zum Oberaufseher über die Hilfsorganisationen Afghanistans -ein nicht unwichtiger Posten, denn die Wirtschaft hier besteht vielfachaus der Tätigkeit sogenannter Nichtregierungsorganisationen (NGOs), dieangeblich alle für das Wohl des Landes arbeiten. Tatsächlich aber, sofand Ramazan Bachardoust heraus, gehe es vielen Organisationen um etwasganz anderes, nämlich »um Profit«.

Für die Afghanen ist es längst eine Tatsache, dass dieinternationale Helfer-Szene die junge Republik am Hindukusch als eineArt Goldmine entdeckt hat und sich dort mit gutdotierten Jobs undAufträgen in Höhe von vielen Millionen Dollar eindeckt. »Wo sind dieMilliarden für die Afghanen?«, fragt der Chefredakteur der »KabulTimes«, Abdul H. Waleh. »Wo geht das ganze Geld der internationalenGemeinschaft hin?«, empört sich auch das Traditionsblatt »Anis«.

Gut vier Milliarden Dollar pumpten die Geberländer bereits in daskriegsversehrte Land. Das ist abgesehen vom Irak mehr als in irgendeineandere Krisenregion. Kabul ist inzwischen voll von Ausländern, die mitteuren Allrad-angetriebenen Toyota Land Cruisern durch die Straßenpreschen. Für die meisten Afghanen haben sich jedoch auch gut dreiJahre nach der Befreiung von den Taliban selbst die einfachsten Dingekaum verbessert: Noch immer gibt es täglich nur wenige Stunden Strom,wenn

überhaupt; die Kanalisation funktioniert bis heute nicht, und Wasserfließt selbst in den besseren Gegenden nur gelegentlich aus dem Hahn.Mit wenigen Ausnahmen sind die Straßen eine Aneinanderreihung vonSchlaglöchern geblieben.

Im alten Villenviertel Wazir Akbar Khan rattern dagegen Tag undNacht die Generatoren, um Strom zu produzieren und Pumpen für dieWasserversorgung anzutreiben. Hier, wo die Helfer-Szene residiert,kostet ein Haus inzwischen durchschnittlich 8000 Dollar Miete imMonat.

Planungsminister Bachardoust wollte wissen, wofür genau die NGOseigentlich die Hilfsgelder ausgeben, wie viel sie für ihre Mieten undGehälter, für Autos und wie viel für ihre Projekte aufwenden. Erforderte sie auf, ihre Bücher zu öffnen. Doch dazu waren die wenigstenbereit. Gerade mal 437 von 2355 Organisationen befolgten die Bitte. Dadrohte Bachardoust, etwas übereifrig, ihre Büros zu schließen.

Präsident Hamid Karzai stoppte ihn. Er wollte keinen Streit mit denNGOs und vor allem keine Konfrontation mit den Vertretern ihrerHerkunftsländer. Die planten schließlich, bis zum Jahr 2009 insgesamtüber 15 Milliarden Dollar in den Wiederaufbau Afghanistans zuinvestieren - und zwar vielfach durch genau jene Organisationen, diesein Planungsminister gerade so scharf angegriffen hatte, darunteramerikanische, japanische und natürlich auch europäische, diewichtigsten aus Deutschland und Großbritannien.

Der Neu-Politiker Bachardoust quittierte empört seinenMinisterposten, gab den Dienstwagen zurück und zog aus demPräsidentenpalast aus. Er sagt mit französischem Akzent und vollerÄrger in der Stimme: »Es ist ein korruptes System, das den Reichenzugute kommt.«

Dennoch bleibt die Frage: Wohin geht das Geld in Afghanistan? Undwie viel davon erreicht wirklich die Menschen?

Afghanistan ist eines der ärmsten Länder der Welt, das jährlichePro-Kopf-Einkommen liegt bei knapp 200 Dollar. Ausländer allerdingsverdienen hier zurzeit bestens: Hunderte internationale Beraterfirmenkonkurrieren um riesige Budgets, die Zahl der aktiven Consultants wirdderzeit auf mindestens 3000 geschätzt. »Plötzlich gab es mehr Beraterals Fliegen und Hunde in dieser Stadt«, beobachtete ein Angehöriger derUS-Botschaft, der seit über zwei Jahren in Kabul arbeitet. Gut einViertel der US-Hilfsgelder, so ein deutscher Diplomat, gaben dieAmerikaner allein für ausländische Experten aus.

Dem Kalifornier William Strong, 67, ist es gerade gelungen, so einen30-Millionen-Dollar-Job an Land zu ziehen. Strong macht seitJahrzehnten die Runde an fast allen Krisenplätzen der Welt. Jetztresidiert er mit einem Dutzend internationaler Mitarbeiter für eineMonatsmiete von 12 000 Dollar im Norden von Kabul. Für das UnternehmenEmerging Markets Group soll er im Auftrag der afghanischen Regierungdas Land vermessen und Eigentumsverhältnisse klären. »Ein Riesen-Markt«sei das hier, schwärmt Strong und klagt gleichzeitig, wie schwer esdoch sei, Leute zu finden, die »mehr am Job interessiert sind als amGeld«.

Nur fünf Minuten weiter, in einer Backsteinvilla in Wazir AkbarKhan, befindet sich das Büro der Konkurrenz: der Firma BearingPoint.Das Afghanistan-Budget des weltweit operierenden Beratungsunternehmensbeläuft sich auf über 100 Millionen Dollar. Dem KabulerBaeringPoint-Chef Ed Elrahal ist es immerhin gelungen, gleich 70Berater in der Regierung zu platzieren. Doch auch nach dreijährigerDauerberatung durch ein Heer von Experten gibt es im Land praktischnoch immer kaum funktionierende Ministerien oder ausreichend Afghanen,die inzwischen in der Lage wären, solche aufzubauen.

Elrahals Mitarbeiter dürfen eigentlich nicht mit der Pressesprechen, und wenn, dann nur unter strenger Aufsicht. Ein Mittfünfzigeraus dem Finanzministerium gibt dennoch kurz Auskunft, warum er hier ist- anonym, versteht sich. In Kabul verdiene er das gleiche Geld wie imweit gefährlicheren Irak, Tagessatz plus 50 Prozent Härte- undGefahrenzulage. Über die Summe schweigt er: »Geschäftsgeheimnis«.Eingeweihte wissen jedoch, dass der Tageshöchstsatz der weltweitoperierenden Entwicklungsbehörde USAid derzeit bei 840 Dollar liegt.

Die wenigsten Politiker in Kabul ahnten bisher, welche horrendenBeträge für ihre Berater ausgegeben werden. Die sogenannten1000-Dollar-Men waren einfach überall, engagiert von denGeberinstitutionen wie der Weltbank oder der AsiatischenEntwicklungsbank. Vor kurzem tauchte erstmals eine Gehaltsliste auf undlöste in der Regierung ein mittleres Erdbeben aus: Ein Mitarbeiter derbritischen

Beratungsfirma Crown Agents hatte für seinen 180-Tage-Einsatz imKoordinierungsbüro für Hilfsgelder 207 000 Dollar erhalten, inklusiveSpesen, ein anderer hatte 242 000 Dollar für 241 Tage in Rechnunggestellt - ein Zehnfaches dessen, was die afghanischen Minister im Jahrverdienen.

Über hundert solcher Fachleute dienten zur Zeit derInterimsregierung allein bei Ex-Finanzminister Ashraf Ghani, der heutekaum ein gutes Haar an seinen ehemaligen Helfern lässt: Nur 10 Prozentseien »erstklassig« gewesen, 35 Prozent »erträglich«, der Rest »absolutlausig«. Sein Nachfolger, Anwar ul-Haq Ahadi, will nun prüfen, »werhier wirklich etwas taugt«.

Einer, der zu diesem Thema viel weiß und der in der US-Botschaftarbeitet, ist schwer anzutreffen, denn das Botschaftsgelände an derGroßen-Massud-Straße im Zentrum von Kabul haben die Amerikaner mitBetonwällen und Sicherheitsschleusen abgeriegelt wie eine Festung.Mitarbeiter nennen den Gebäudekomplex ihr »Fünf-Sterne-Gefängnis« undverlassen ihn nur ausnahmsweise. Der Mann, der nicht genannt werdenwill, macht eine Ausnahme.

Er gehört zu den wenigen Insidern hier, die mit den Zahlen undDetails des Wiederaufbaus vertraut sind. Offiziell darf er sich nichtäußern. Denn was er zu sagen hat, passt nicht zur Erfolgsgeschichteseiner PR-Abteilung.

Vor nicht ganz einem Jahr, sagt er, habe die US-Botschaft eine Orderaus Washington erhalten: »Der Auftrag hieß: Macht ein Wunder möglich.Baut Afghanistan auf, und zwar über Nacht.« In nur drei Monaten, bisJuni 2004, sollte das Land gepflastert sein mit insgesamt 700 Klinikenund Schulen, die Elektrizitätswerke und die Wasserversorgung solltenlaufen. Natürlich war das »ein verrückter Plan«, sagt heute sogar derAfghanistan-Chef der mächtigen USAid, Patrick Fine, ein erfahrenerEntwicklungshelfer, der für die Amerikaner den Wiederaufbauorganisiert.

Seither stünden sie alle hier unter enormem Druck, um diegewünschten Erfolgszahlen zu liefern, sagt der Mann aus der Botschaft.Und das habe katastrophale Folgen: »Wir erhalten schlechte Qualität,sind viel zu teuer und ziehen die falschen Leute an, zu vieleGoldgräber.« Eigentlich müssten sie aufhören mit diesem absurdenProgramm, sagt er. Anstatt Schulen und Kliniken zu bauen und das Landmit Geld zuzupflastern, wäre es besser, Menschen auszubilden, dieSchulen und Kliniken bauen könnten: »Denn wir hinterlassen hier nichtsals Gebäude, die bald wieder zusammenfallen.«

Ingenieur Mohammed Abrar kennt sich in der Bauwirtschaft bestensaus. Er ist ein stämmiger Mann mit grauem Vollbart, ein agilerUnternehmer-Typ. In Najibs Zement Store im Stadtteil Karte Parwanordert er Stahl und Steine für seine Baustellen. Der 50-Jährige hattatsächlich einmal Bauwissenschaften studiert. Das ist eine Ausnahme.Die meisten »Engineers« in Afghanistan werden einfach so genannt, weilsie irgendwann einmal etwas auf Baustellen zu tun hatten. Nach über 23Jahren Krieg gibt es kaum noch Fachleute, und wer einen Auftrag von deninternationalen Entwicklungsorganisationen ergattern möchte, behaupteteinfach, ein Experte zu sein.

Auch Ingenieur Abrar baut für die Ausländer, und er kennt die Tricksder Branche. Er sagt, es handele sich dabei um eine ArtSchneeballsystem: Große Geldgeber wie die USAid vergäben die Aufträgean internationale NGOs, die reichten das Projekt dann weiter an eineafghanische NGO, und die nicht selten an noch eine und noch eine, wobeijeder zwischen 5 und 20 Prozent des jeweiligen Auftragsvolumens fürsich behalte, sagt Abrar.

Die Agenturen bezahlen für eine Krankenstation derzeit zwischen 80000 und 100 000 Dollar und bis zu 145 000 Dollar für eine Schule. Dasseien durchschnittlich ein Drittel mehr als die ortsüblichen Preise,weiß Abrar. Die Bauunternehmen wiederum träten häufig als gemeinnützigeHilfsorganisationen auf, das brächte Sympathiepunkte bei denGeldgebern, und sie können dann Waren aller Art zollfrei aus demAusland einführen.

Abrar weist seine Mitarbeiter an, die eben erworbenen Stahlgitterauf einen kleinen Laster zu laden. Dann zuckt er die Achseln underklärt: Am Ende würden die Bauvorhaben meist von denen ausgeführt, dieam wenigsten dafür bekommen und es deshalb am schlechtesten machten.Eine Kontrolle ist fast unmöglich in einem Land, das vielerorts nochlängst nicht sicher ist. Das sogenannte Monitoring überließen dieAusländer deshalb den Afghanen, und die seien fast immer selbst Teildes »Systems«.

Doch etwas Unmoralisches an dieser Abzockmaschinerie kann Abrarnicht entdecken, schließlich sei dies ein Land ohne Einkommen, undjeder müsse überleben.

Das Dorf Au Khomari liegt im Osten Afghanistans, eine Autostunde aufeiner Schlammpiste hinter der Provinzhauptstadt Ghazni am Fuß desNo-Bordja-Gebirges. Hier gibt es weder Strom noch TV, und die 110Hazara-Familien, die vom Ackerbau leben, sind froh, dass sie den hartenWinter mit den knappen Vorräten von Weizen, Äpfeln und getrocknetemFleisch gerade überstanden haben.

Immerhin hat es der kleine Ort nach dem Fall der Taliban irgendwieauf die Liste der förderungswürdigen Kommunen geschafft: Die Japanerversprachen eine Mädchenschule, zweistöckig mit einem Spitzdach, dieAmerikaner eine Klinik.

Was dann geschah, ist wohl dem System zuzuordnen: Die Schule wurdegebaut, das zweite Stockwerk fehlt bis heute.

Zahir Ahmed Djan, der Sprecher des Ältestenrats von Au Khomari,glaubt an »Betrug": Bei der feierlichen Eröffnung der Schule seien auchdie Japaner da gewesen, sagt Ahmed Djan, sie hätten viel gelächelt,doch waren sie offenbar ahnungslos, was genau sie in Auftrag gegebenund was sie tatsächlich bekommen hatten.

Keiner der Geldgeber hätte mit den Dorfbewohnern direkt gesprochen,lediglich mit der beteiligten Hilfsorganisation. »Und die haben dannabkassiert«, sagt Ahmed Djan, während er Tee nachschenkt und noch einpaar süße Mandeln offeriert.

Mit der Klinik erging es den Bewohnern von Au Khomari kaum besser:Vor zwei Jahren im Herbst war mit dem Neubau begonnen worden.Inzwischen wechselte die Baufirma und der Komplex musste teilweisewieder abgerissen werden, weil zu billige Materialien verwendet wurden.Derzeit ruhen die Arbeiten wieder.

Meist ist es gar nicht das fehlende Geld, das den Erfolg verhindert:Allein die Bundesrepublik Deutschland investiert jährlich 80 MillionenEuro für den Wiederaufbau in Afghanistan. Darin enthalten sind dieKosten für den Aufbau der Polizei, Projekte für die Reparatur vonStraßen, sogenannte Beratungsleistungen und Projekte zur »Förderung derRechtsstaatlichkeit«. Die Effekte seien natürlich nicht immer leicht zumessen, sagt die neue Leiterin des Büros der Deutschen Gesellschaft fürTechnische Zusammenarbeit (GTZ) in Kabul, Gisela Hayfa. Vielleicht habeman die »Wirkungsorientierung«, was das neue Lieblingswort sei bei derGTZ, bisher ein wenig zu sehr vernachlässigt.

Frau Hayfa ist erst seit ein paar Tagen in Afghanistan und dann dochsehr überrascht, als sie die »Wirkung« von Projekten selbst überprüft:zum Beispiel bei einem Frauenprojekt in Kandahar. Über 850 000 Eurowaren 2003 ausgegeben worden, um in der ehemaligen Taliban-Hochburg imSüden des Landes einigen hundert Frauen Arbeitsplätze und damit etwasUnabhängigkeit zu verschaffen. Auch ein Studentinnenwohnheim solltegebaut werden.

Das Unternehmen war ein voller Erfolg, zunächst, bis es Ende 2003abrupt endete. In Kandahar blieben eine Menge enttäuschter Frauenzurück. Das Studentinnenwohnheim hat der deutsche Botschafter ReinaldSteck dann im vergangenen Dezember tatsächlich eingeweiht und an dieStadt übergeben. Nur lebe bis heute keine einzige Studentin darin,berichtet Rangina Hamidi, 28, eine US-Afghanin, die als eine von ganzwenigen Helfern auch tatsächlich in Kandahar ausharrt. Nun planten dieVereinten Nationen zu allem Überfluss noch ein zweitesStudentinnenwohnheim, direkt neben dem deutschen, erzählt sie, obwohles in der von frommen Männern geprägten Stadt überhaupt nur 20weibliche Studierende gebe, und die seien auch noch sämtlich bei ihrenVerwandten untergekommen.

Der Mann aus der US-Botschaft trinkt noch einen letzten SchluckKaffee, er muss wieder zurück. Er gehört zu denen, die glauben, dassman das Blatt hier in Afghanistan noch wenden kann. Vielleicht brauchees andere Menschen, sagt er, die nicht nur in kurzer Zeit viel Geldverdienen und Erfolgszahlen für die Politik produzieren wollten,sondern notfalls persönlich in die letzten Winkel dieses Landesgingen.

Vielleicht auch Leute wie den eifrigen Ex-Minister Bachardoust. DerJurist ist auf der Suche nach einer neuen Position. Sein Traumjob: dieLeitung der Anti-Korruptionsbehörde. SUSANNE KOELBL

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