»Versöhnung kann es nicht mehr geben« - DER SPIEGEL
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»Versöhnung kann es nicht mehr geben«

SPIEGEL-Interview mit der salvadorianischen Widerstandskämpferin Ana Guadalupe Martinez
• aus DER SPIEGEL 8/1981
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL Frau Martinez, Sie haben früher einmal Medizin studiert. Wie kommt man dann dazu, in die Guerilla zu gehen, um zu töten, anstatt Krankheiten zu heilen und Leben zu retten?

MARTINEZ: Bei uns kann ein Arzt zwar viele Menschen retten, aber nur solche, die überhaupt Zugang zu ärztlicher Versorgung haben, und die Mehrheit der salvadorianischen Bevölkerung hat das nicht. Auf dem Lande überleben viele Kinder kaum das fünfte Lebensjahr, weil eine Menge ansteckender Krankheiten sie umbringen, die eigentlich relativ leicht heilbar wären, bei uns aber tödlich wirken. Die Kindersterblichkeit in El Salvador gehört zu den höchsten in ganz Lateinamerika.

In die Guerilla zu gehen, bedeutet also sicher im Augenblick, daß man zur Waffe greifen muß, um zu töten. Auf lange Sicht aber glauben wir, daß wir mehr Leben retten, wenn wir versuchen, die ungerechten sozialen Strukturen in unserem Land so zu verändern, daß eben für alle Salvadorianer Ärzte da sind und nicht nur für einige wenige.

SPIEGEL: Haben Sie es denn als Frau als normal empfunden, in den Krieg zu ziehen?

MARTINEZ: In unserer gegenwärtigen Lage ist es normal, daß auch Frauen in den Krieg ziehen. Elend, Hunger, Arbeitslosigkeit, wie sie bei uns herrschen, zwingen Männer wie Frauen dazu, eine Alternative zur bestehenden Macht zu suchen. Wenn alle anderen Auswege, auch der Weg der Wahlen, blockiert sind, dann bleibt als einzige Möglichkeit nur der bewaffnete Kampf.

SPIEGEL: Sie sind in die Bundesrepublik gereist, um Hilfe zu holen. Welche Art Hilfe haben Sie bekommen?

MARTINEZ: In erster Linie politische und moralische Unterstützung.

SPIEGEL: Können Sie das genauer erklären?

MARTINEZ: Die alten Machtstrukturen der Staaten Zentralamerikas müssen umgewandelt werden, weil sie nicht mehr im Einklang mit den sozialen Umwälzungen stehen, die in allen Ländern vor sich gehen. Regierungen wie die der Bundesrepublik haben erkannt, daß solche Umwandlungen nicht unbedingt in marxistisch-leninistischer Machtübernahme enden müssen, sondern daß sie sehr wohl zu demokratischen Regierungsformen führen können. Mitten in diesem Prozeß steht heute El Salvador. Wir wollen für unser Land eine wirklich demokratische Regierung unter Beteiligung all jener Kräfte, die augenblicklich in der Opposition sind. Länder wie die Bundesrepublik könnten darauf hinwirken, daß auch kleine Staaten wie wir ihre Probleme lösen können, ohne daß andere sich einmischen.

SPIEGEL: Die amerikanische Regierung unter Präsident Reagan scheint nicht davon überzeugt, daß dies der richtige Standpunkt ist. Glauben Sie denn, daß die Bundesregierung Washington in dieser Beziehung beeinflussen könnte?

MARTINEZ: Es ist sicher schwierig, den Entscheidungsprozeß in den USA direkt zu beeinflussen. Aber die Deutschen könnten doch Verständnis wecken für die komplexe Situation, in der Drittweltländer wie El Salvador heute leben.

SPIEGEL: Finanzielle Hilfe erhalten und fordern Sie von der Bundesrepublik also nicht?

MARTINEZ: Zumindest solange nicht, wie in unserem Land ein bewaffneter Kampf vonstatten geht und sich noch keine legitime Regierung gebildet hat. Bonn hat in dieser Hinsicht auch keinerlei Versprechungen gemacht. Später allerdings könnte die Bundesrepublik sich vielleicht, wie in anderen Ländern Afrikas und Lateinamerikas auch, an nationalen Wiederaufbauprojekten beteiligen.

SPIEGEL: Für einen Guerillakrieg braucht man doch aber Geld und Waffen. Woher kriegen Sie das?

MARTINEZ: Ich glaube, es ist kein Geheimnis, daß die politisch-militärischen Widerstandsorganisationen in El Salvador zum Mittel der Entführungen gegriffen haben. Die Oligarchie unseres Landes und einige multinationale Konzerne, japanische vor allem, mußten auf diese Weise dafür sorgen, daß unsere Kriegskasse gefüllt wurde. Wir haben heute beträchtliche Mittel und sind demzufolge finanziell von keinem anderen Land abhängig. Mehr als 50 Millionen Dollar haben wir auf diese Weise zusammengekriegt. Und es ist auch kein Geheimnis, daß in Lateinamerika ein riesiger Schwarzmarkt für Waffen existiert. Dort kaufen wir ein.

SPIEGEL: Was für Waffen? S.134

MARTINEZ: Waffen westlicher Fabrikation -- israelische, belgische, nordamerikanische.

SPIEGEL: Vor etwas mehr als zwei Jahrzehnten war Kuba in einer ähnlichen Lage wie El Salvador jetzt, vor anderthalb Jahren auch Ihr Nachbar Nicaragua. In beiden Ländern haben Guerillabewegungen, unterstützt von breiten Teilen der Bevölkerung, eine Diktatur gestürzt. Kommen aus Kuba und Nicaragua Instrukteure, Militärberater, Soldaten nach El Salvador?

MARTINEZ: Hände, die eine Waffe halten können, gibt es bei uns genug. Söldner oder auch Genossen aus anderen Ländern sind als Hilfstruppen deshalb nicht erforderlich.

SPIEGEL: Würden Sie denn Soldaten aus diesen oder anderen Ländern, die bei Ihnen mitkämpfen wollen, zurückweisen?

MARTINEZ: Ja. Wir glauben nämlich, daß wir unsere Probleme allein lösen müssen.

SPIEGEL: Die USA haben kürzlich ihre zuvor unterbrochene Militärhilfe für die Junta mit der Begründung wiederaufgenommen, daß Landungsboote aus Nicaragua in El Salvador eingesetzt worden seien und daß auch Kubaner bereits in ihrem Land kämpften ...

MARTINEZ: Ja, das hat der damalige US-Botschafter Robert White auf einer Pressekonferenz in San Salvador erklärt. Zwei Tage nach dem angeblichen Landungsunternehmen hat die Regierung sogar behauptet, daß sie rund fünfzig daran beteiligte Männer getötet habe, die alle im Besitze nicaraguanischer oder kubanischer Papiere gewesen seien.

Aber zu keinem Zeitpunkt hat irgendjemand die Leichen oder die Dokumente dieser Leute vorzeigen können. Einziges Beweisstück war eine Holzlatte, die von einem der angeblichen Landungsboote stammte und zu einer Holzart gehörte, die in El Salvador angeblich nicht wächst. Wenn es Beweise für die Teilnahme von Kubanern oder Nicaraguanern an unserem Kampf gäbe, würden sie doch wohl vorgelegt, oder? Es gibt diese Beweise aber nicht, weil zu keinem Zeitpunkt eine Intervention oder Unterstützung dieser Staaten für unseren Kampf stattgefunden hat.

SPIEGEL: Sind denn Kuba oder Nicaragua nicht ein Modell für die Gesellschaft, die Sie in Ihrem Land aufbauen wollen?

MARTINEZ: Nein, wir glauben, daß jedes Land seinen eigenen Weg gehen muß. Außerdem ist das Kuba von vor zwanzig Jahren nicht mit Nicaragua und auch nicht mit unserem Land zu vergleichen. Wir haben unsere eigene gesellschaftliche Entwicklung, unsere eigenen gesellschaftlichen Klassen. Wir sind ein sehr kleines Land mit nur sehr geringen Möglichkeiten und einer begrenzten industriellen Entwicklung. Wir können auch nicht von unserer geographischen Nähe zu den USA abstrahieren, mit denen wir ja den größten Teil unserer Handelsbeziehungen abwickeln.

SPIEGEL: Vor einigen Tagen hat der Comandante German Cienfuegos von der salvadorianischen Befreiungsfront Farabundo Marti in Costa Rica erklärt, die zu bildende Revolutionsregierung strebe nach wie vor »konstruktive Beziehungen« zu den USA an. Wie sollen die unter einer Regierung Reagan aussehen?

MARTINEZ: Auch die Regierung Reagan muß sich ja an gewisse objektive Gegebenheiten halten. So wenig wie wir die Vereinigten Staaten von der Landkarte löschen können, so wenig können auch die USA die Existenz Lateinamerikas und darunter auch El Salvadors außer Acht lassen.

SPIEGEL: Die USA könnten die Entwicklung in El Salvador aber in ihrem Sinne zu beeinflussen versuchen. Fürchten Sie eine militärische Invasion der USA in El Salvador?

MARTINEZ: Sowohl direkt als auch indirekt intervenieren sie eigentlich schon, wenn auch noch nicht massiv. Es gibt bereits US-Militärberater in unserem Land, man hat auch bereits Instrukteure und einen Wartungstrupp für das Kriegsmaterial geschickt, das die USA an die salvadorianische Junta liefern. Daß die USA massiver eingreifen wollen, können wir nicht eindeutig behaupten, aber ausschließen können wir eine solche Möglichkeit ebensowenig.

SPIEGEL: Wie viele nordamerikanische Militärberater gibt es Ihrer Auffassung nach in El Salvador?

MARTINEZ: Offiziell sind sieben Mann zur Wartung der von den USA gelieferten Hubschrauber da und fünf weitere für Schulungszwecke. Ein paar mehr werden es aber insgesamt schon sein, nicht die 700, von denen manche schon gesprochen haben, aber doch mehr als diese zwölf.

SPIEGEL: Gibt es auch direkte Kontakte zwischen den salvadorianischen Befreiungsbewegungen und offiziellen US-Stellen?

MARTINEZ: Im Moment nicht, weil die Amerikaner nicht wollen.

SPIEGEL: Ihnen liegt aber daran?

MARTINEZ: Wir haben schon seit langem klargemacht, daß wir bereit sind, mit den Amerikanern zu verhandeln, und zwar aus folgendem Grund: Wenn jemand wie der US-Botschafter White unumwunden sagt, die USA würden »nicht zulassen, daß eine marxistisch-leninistische Regierung« in El Salvador an die Macht komme, so wie er das kürzlich getan hat, dann bedeutet das doch, daß letztlich die Entscheidung, ob die Junta bleibt oder stürzt, von den USA getroffen wird.

SPIEGEL: Die sogenannte Schlußoffensive der Guerilla kurz vor dem Amtsantritt des Präsidenten Reagan scheint für den Augenblick gescheitert zu sein. Auf Ihrer Seite wurden viele S.135 getötet oder verwundet. Hat die Guerilla eigentlich noch genügend Kraft für einen neuen Anlauf?

MARTINEZ: Ich möchte klarstellen, daß ein Initiativplan für einen Generalangriff nicht das gleiche ist wie eine Schlußoffensive. In einer Schlußoffensive finden die letzten Entscheidungsschlachten statt. Was in El Salvador vom 10. Januar an stattfand, war jedoch nur die erste Phase einer Generaloffensive. Sicher hat es Tote und Verwundete gegeben, allerdings in keiner vergleichbaren Größenordnung zu den 10 000 Toten und Verwundeten, welche die Juntaregierung innerhalb eines Jahres dem Land beschert hat.

SPIEGEL: Wenn Sie wirklich an die Macht kommen, werden Sie sich mit den bürgerlichen Schichten arrangieren müssen. Werden Ihre Revolutionsideale das überleben?

MARTINEZ: Wir haben zu keinem Zeitpunkt eine totale Niederlage oder die völlige Liquidierung der Streitkräfte angestrebt. In jedem nichtkonventionellen Krieg, in jedem Volkskrieg wie dem unsrigen, steuert man nicht die totale militärische, sondern die politische Niederlage des Gegners an. Man versucht, die militärische Macht so weit zu schwächen, daß man das politische System zerstören kann.

SPIEGEL: Als in Nicaragua die Opposition das Regime Somoza stürzte, haben die Sieger sich verhältnismäßig großmütig gezeigt: Exekutionen oder Repressalien gegen Somoza-Soldaten hat es kaum gegeben. Würden Sie sich im Falle Ihres Sieges in El Salvador ähnlich verhalten?

MARTINEZ: Wir haben nicht das geringste Interesse an Massenmorden oder »Säuberungen« im Stile Pol Pots. Wir wollen eine Regierung der Gerechtigkeit und des Friedens. Wer sich ergibt, wird wie ein Kriegsgefangener nach internationalem Recht behandelt.

SPIEGEL: Sie selbst kamen 1976 wegen Ihrer politischen Aktivitäten ins Gefängnis und sind dort mißhandelt worden. Denken Sie nicht doch manchmal an Rache?

MARTINEZ: Die Rache bleibt dem Volk überlassen. Und zwar nicht so etwas wie Blutrache, sondern Rache im Sinne von Wiedergewinnung verlorener Rechte, Ausgleich für die Jahre der Unterdrückung und des Elends, die unser Volk erlebt hat.

SPIEGEL: Die salvadorianische Kirche, so erklärte kürzlich der Erzbischof Rivera y Damas, hofft noch immer auf eine friedliche Lösung. Halten Sie eine Versöhnung zwischen Guerilla und Regierung noch für möglich?

MARTINEZ: Nein, mit einer Regierung, die seit Monaten nur noch die Interessen einer kleinen christdemokratischen Minderheit und einer Armee vertritt, die sich mit Blut bedeckt hat, kann es Versöhnung nicht mehr geben.

S.134Regierungssoldaten übergießen die Leichen von Erschossenen mitBenzin.*

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