Versunkene Schätze - DER SPIEGEL
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Versunkene Schätze

Beim Einsturz des Kölner Stadtarchivs sterben zwei Menschen. Unschätzbar wertvolle Kulturdokumente werden beschädigt oder vollständig vernichtet. Hätte das Unglück vermieden werden können?
Von Andrea Brandt
• aus SPIEGEL Chronik 54/2009
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

An dem sonnigen Dienstagvormittag, kurz vor elf Uhr, greift der Kölner Bäckerlehrling Kevin, 17, zu seinem Handy - zum letzten Mal in seinem Leben. Er ist gerade von der Frühschicht in der Backstube heimgekommen. »Ich leg mich hin, lass uns später treffen«, sagt er einem Freund am Telefon. Dann geht er ins Bett.

Im Nachbarhaus an der Severinstraße 222 bis 228 hat zu dieser Zeit für Thomas Deres, 51, der Arbeitstag gerade erst begonnen. Der Historiker mit dem graumelierten Haar führt Aufsicht im Lesesaal des Kölner Stadtarchivs, als es passiert.

Plötzlich, erinnert sich Deres, ruft eine Mitarbeiterin: »Raus, raus, alle raus.« Er hört ein Knirschen im Gemäuer, reißt die Tür auf, winkt die acht Besucher des Lesesaals nach draußen. Dann stürzt er selbst aus dem Gebäude, als Letzter. Auf der Mitte der Severinstraße dreht Deres sich um, sieht, wie die Granitfassade abbricht, wie die Stützpfeiler aus Beton wegknicken. Er rennt weiter, weg von der riesigen Staubwolke, von herabstürzenden Häuserteilen. Auf der anderen Straßenseite angekommen, erblickt er dort, wo einmal das Stadtarchiv stand, nur noch einen großen Haufen Trümmer. »Da hätte ich drunterliegen können«, ist sein erster Gedanke.

Als am Dienstag, dem 3. März, um 13.58 Uhr in der belebten Kölner Südstadt das Historische Stadtarchiv vom Erdboden verschwindet und Teile der Nachbarhäuser mit sich reißt, sterben unter den tonnenschweren Trümmern der Bäckerlehrling Kevin und ein weiterer junger Mann. Auch er lebte in einer Wohnung neben dem Archiv. Ihre Leichen werden erst nach tagelanger Suche geborgen. Dutzende Mitarbeiter, Besucher und Nachbarn des Archivs kommen wie der Historiker Deres bei der größten Katastrophe in der Nachkriegsgeschichte der Stadt nur knapp mit dem Leben davon.

Als Ursache für das Unglück gilt schon bald der Bau der neuen Nord-Süd-Stadtbahnlinie der Kölner Verkehrsbetriebe. In eine unterirdische Bahnbaustelle in der Severinstraße unmittelbar vor dem Stadtarchiv sind am Einsturztag große Mengen Wasser und Kies eingedrungen. Die hineinstürzenden Massen reißen ein riesiges Loch in den Boden unter dem Archiv. Ein Krater, 28 Meter tief, verschluckt dann das Gebäude mit all seinen Schätzen - rund 30 Kilometer Akten, Handschriften und Briefe aus elf Jahrhunderten, das Gedächtnis der Stadt.

Warum das passieren konnte, nicht bei irgendeinem dubiosen Bauprojekt in der Dritten Welt, sondern mitten in einer deutschen Großstadt, versuchen seither Kripo-Beamte, Staatsanwälte und Gutachter herauszufinden. Haben die Betonwände der Baugrube, die sogenannten Schlitzwände, dem Grundwasser nicht standgehalten, womöglich weil sie fehlerhaft gebaut waren? Oder brach das Wasser von unten herein, ein »hydraulischer Grundbruch«, der Horror aller Tunnelbauer? Medienberichte verbreiten die Schlitzwand-Theorie, doch laut Staatsanwaltschaft gibt es bislang keine Belege. Die Ergebnisse mehrerer Expertengutachten zur Unglücksursache würden erst im Jahr 2010 erwartet, so ein Sprecher der Kölner Behörde.

Noch bevor solche Fragen geklärt sind, wirft Ende März der höchste Kölner Amtsträger hin: Die öffentliche Debatte um Schuld, Verantwortung und miserables Krisenmanagement beim Archiv-Einsturz sowie schwindender Rückhalt in der Landespartei zwingen den langjährigen Oberbürgermeister Fritz Schramma (CDU) kurz vor der Kommunalwahl im Sommer zum Rückzug als Spitzenkandidat. Der zuvor chancenlose SPD-Mann Jürgen Roters gewinnt die Oberbürgermeister-Wahl in Köln mit klarer Mehrheit.

Tatsächlich werfen etliche Vorgänge rund um den Kölner U-Bahn-Bau und den Stadtarchiv-Einsturz nicht nur in der Domstadt eine Reihe von Fragen auf:

* Wie kann es sein, dass die Kölner Verkehrsbetriebe als Bauherr der Stadtbahnlinie von der Stadt auch noch die Kontrolle der Bauarbeiten übertragen bekommen haben - sich also quasi selbst beaufsichtigten? Laut Janbernd Oebbecke, Professor für Kommunalrecht an der Universität Münster, ist ein solches Vorgehen rechtlich in Ordnung, aber politisch bedenklich: »Wir sind zu weit gegangen.«

* Warum haben die Verantwortlichen den Anwohnern und der Öffentlichkeit die erheblichen Probleme mit der Wasserhaltung beim U-Bahn-Bau verschwiegen? So wird schon sechs Monate vor der Katastrophe in Protokollen von Baubesprechungen, die auch in der Stadtverwaltung vorgelegen haben, von einem »hydraulischen Grundbruch« und einem »erhöhten Wassereintritt« berichtet - für Experten ein Alarmsignal.

* Wieso schließlich hat die Stadtverwaltung zwar monatelang immer wieder von Mitarbeitern gemeldete Risse und Absenkungen am Stadtarchiv überprüfen lassen, aber keine zusätzliche Expertenmeinung dazu eingeholt, obwohl ein Gutachter dies empfohlen hatte? Heute »liest man so einen Satz natürlich anders als damals«, verteidigt sich der Baudezernent Bernd Streitberger.

Die Frage nach der Schuld am Einsturz des Stadtarchivs dürfte in absehbarer Zeit geklärt werden, wahrscheinlich durch einen Gerichtsprozess. Die Folgen der Katastrophe für Wissenschaft und Forschung bleiben noch unüberschaubar.

Zwar sind inzwischen mehr als 25 Regalkilometer Archivschätze am Unglücksort geborgen worden, darunter auch große Teile der mittelalterlichen Handschriften. Viele Papiere sind freilich beschädigt: Sie sind feucht oder nass geworden, angeschimmelt oder von herabstürzenden Trümmern in Fetzen zerrissen.

»Rund 20 Jahre«, fürchtet Historiker Deres, werde es wohl dauern, bis wenigstens der größte Teil der am Unglücksort geborgenen Archivgüter restauriert sei - so gut es geht. ANDREA BRANDT

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