Versunkene Welt - DER SPIEGEL
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ASIEN Versunkene Welt

Das bunteste, billigste und bequemste Verkehrmittel, die Fahrradrikscha, wird von den Straßen verdrängt. Nur in Indien und Vietnam kurven mehr Rikschas als je zuvor. *
• aus DER SPIEGEL 51/1986
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Indonesische Polizisten versenkten 20000 Fahrradrikschas in der Java-See. Vor der Küste der Hauptstadt Jakarta taugen sie nur noch als Laichplatz für Fische. 25000 weitere Fahrradrikschas wurden konfisziert.

Genervt von Lärm, Gestank und den ewigen Staus in der Sieben-Millionen-Metropole hatten die Stadtväter nach Schuldigen für die Verkehrsmisere gesucht und jene typisch asiatischen Fahrzeuge herausgegriffen, die Westler stets faszinierten: die Fahrradrikschas, die Taxis der kleinen Leute.

Auch in Dhaka, der Hauptstadt von Bangladesch, sollen die buntbemalten, nur per Muskelkraft betriebenen Räder mit den schattigen Baldachinen von der Straße verschwinden, weil sie angeblich für 70 Prozent der Verkehrsunfälle mit tödlichem Ausgang verantwortlich sind.

Zwischen den Hochhauszeilen und vielspurigen Straßen Singapurs, der glitzerndsten und modernsten Geschäftsstadt Asiens, haben die bemannten Dreiräder schon lange keinen Platz mehr. Nur nach Sonnenuntergang erscheinen ein paar vereinzelte Exemplare, deren Fahrer die Touristen durch die laue Nacht radeln möchten. In der chaotischen Thailand-Hauptstadt Bangkok wurden die Rikschas durch die stinkenden und knatternden »Samlors«, offene Dreiradkarren mit Vespamotor, ersetzt.

Noch strampeln Hunderttausende von Rikschafahrern ihre anachronistischen Gefährte durch den dicksten Verkehr kleinerer ostasiatischer Städte, schlängeln sich durch ein Labyrinth von Gäßchen und verzweigten Seitenstraßen, wo nie ein Auto-Taxi hinfindet - die Slumbewohner könnten es ohnehin nicht bezahlen.

Doch nun werden Asiens arme Rikschafahrer im rüden Klassenkampf auf den Straßen von Lastwagen, Kleintransportern und Motorrädern verdrängt.

Autos zählen auch in der Dritten Welt als Statussymbol und Fortschrittsträger, während der Rikscha, einer Erfindung des Japaners Izumi Yosuke aus dem Jahr 1869, der Geruch von Kolonialismus und Ausbeutung anhaftet. Denn in der ursprünglichen Rikscha saß der reiche Kunde wie in einer rollenden Sänfte und trieb das menschliche Zugtier zwischen den Deichseln an. Rikscha (vom japanischen Jinriksha) heißt denn auch »durch Menschen bewegter Wagen«.

Die Chinesen sind noch heute von diesem Ruch traumatisiert. »Rikschakuli« heißt einer der berühmtesten Romane des Erfolgsschriftstellers Lao She, der die Zustände im alten Kaiserreich schildert. Statt zu essen, rauchten die jungen Kulis die Opiumreste aus abgebrannten Pfeifen, um daraus Kraft für die menschliche Schwerarbeit zu saugen.

Mao schaffte Opium, alte Zöpfe und auch das Kolonialistenfahrzeug ab - doch sind die Rikschas zwecks Arbeitsbeschaffung für junge Leute in der Stadt seit 1980 wieder zugelassen. Dabei werden die heutigen Rikschas wie anderswo in Asien per Pedal betrieben, aber die Chinesen hassen sie immer noch.

Gerne hätten Chinas sozialistische Nachbarn Vietnam und Kambodscha die verdorbenen kapitalistischen »pousse

pousse« ausgerottet, aber das gelang weder Pol Pots Steinzeitkommunisten noch den Nordvietnamesen.

In Südvietnams einstiger Hauptstadt Saigon chauffierten die schmächtigen Fahrer zu Zeiten des Krieges GIs zu Tausenden durch das Verkehrsgewühl.

In Saigon, heute Ho-Tschiminh-Stadt, hat sich die Zahl der Rikschas seit dem Ende des Vietnamkriegs 1975 noch verdoppelt. Benzinkosten und Transportmangel zwingen die Kommunisten dazu. Früher waren Rikschafahrer als Spitzel Thieus verrufen, heute radeln Ex-Soldaten und -Offiziere seiner südvietnamesischen Armee ihre Kunden, um zu überleben.

Auch Indiens Rikschafahrern geht es um die blanke Existenz. »Ich würde die Fahrradrikschas am liebsten in den Dschamuna-Fluß werfen«, sagt Vinod Prakasch Gupta von der Stadtverwaltung Neu-Delhi, »aber sie schaffen Arbeit für die Armen.« In Delhi sind es inzwischen 70000.

Die Vehikel sind alle in der Hand von mafiaähnlichen Kartellen. »Die Rikschafahrer werden wie Leibeigene gehalten«, sagt Gupta, »wir würden sie gerne von ihrer Sklaverei befreien.«

Die Fahrer müssen von ihren 15 bis 20 Rupien Tagesverdienst (zwei bis drei Mark) sieben Rupien pro Schicht an den Eigentümer abgeben. Ein Großverleiher wie Darschan Singh mit 1000 eigenen Rikschas lebt nicht schlecht vom Gestrampel seiner Fahrer.

Die Stadtverwaltung von Delhi unternahm einen Vorstoß, die Auspresserei der Fahrer per Dekret abzuschaffen und ihnen den Zugang zum eigenen Dreirad zu ermöglichen, doch die Mafia der Rikschabesitzer wehrte sich vor Gericht, berief sich auf das Grundrecht der freien Berufsausübung und gewann.

Die Kulis haben keine Wahl. »Ich bin Analphabet«, sagt Sia Ram in Alt-Delhi, »manchmal muß ich drei bis vier Leute auf einmal kutschieren. Zweimal wurde ich vor Erschöpfung ohnmächtig. Die Leute haben kein Herz.«

Doch es gibt auch privilegierte Rikschafahrer. In Hongkong, am Ausgang der Fähre zwischen der Insel und dem Festlandsviertel Kowloon, lauern sie naiven Touristen auf. Wer sich nur für ein Erinnerungsphoto auf die roten Karren setzt, muß bis zu zehn US-Dollar zahlen.

Und wer sich in der Rikscha nur kurz in die längst versunkene Welt der »Suzy Wong« hineintraut, zahlt mehr als für einen geliehenen Rolls-Royce aus dem Nobelhotel »Mandarin«.

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