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FRANKREICH Vert, vers, verre

30000 Franzosen schrieben ein Diktat um die Wette - aber keiner schrieb fehlerfrei. *
• aus DER SPIEGEL 52/1986
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Mit der literarischen Hochnäsigkeit eines »Unsterblichen« (so heißen die Mitglieder der »Academie francaise") ließ der Schriftsteller Jean Dutourd die Franzosen wissen: »Ich pflege keine Rechtschreibfehler zu machen.«

Genau 27 Minuten - die Dauer eines Diktats - später, und Literat Dutourd, 66, der Frankreich im Boulevardblatt »France-Soir« mit rechtsgewirkten Kolumnen schulmeistert, war blamiert.

Er hatte beim Niederschreiben von nur 238 Wörtern, knapp einer Schreibmaschinenseite, zehn Fehler gemacht. Presse und Fernsehen waren zugegen,

ganz Frankreich wurde Zeuge der orthographischen Schande eines Unsterblichen«. Dabei hatte Dutourd beim Finale der französischen Rechtschreib-Meisterschaft, an dem er gemeinsam mit anderen Prominenten aus Kultur und Publizistik - außer Konkurrenz - teilnahm, noch vergleichsweise ehrenvoll abgeschnitten.

Das Diktat, in einmonatiger Arbeit von der Linguistin Micheline Sommant, 32, ausgetüftelt und mit raffinierten Fallen gespickt, war nämlich so tückisch, daß es keiner der 116 Finalisten fehlerfrei bewältigte. Sogar der Sieger, der pensionierte Französischlehrer Georges Sauvage, 63, aus Le Mans, tappte in eine Orthographiefalle. Er vergaß in »bonheurs-du-jour« das - stumme - Mehrzahl-S.

Trotzdem wurde Sauvage national gefeiert. Denn das Diktat war so schwierig, daß Veranstalter und Diktierer Bernard Pivot, Moderator der anspruchsvollen TV-Literatursendung »Apostrophes« noch Arbeiten mit 15 bis 20 Fehlern als »sehr gut« qualifizierte.

Eine Meisterschaft im Diktatschreiben als wahres orthographisches Volksmarathon, so etwas ist wohl nur in Frankreich möglich. 30000 Franzosen meldeten sich für das Turnier und schwitzten in drei Kampfklassen: Professionelle, Amateure und Junioren, letztere mit halber Diktatlänge. Von Runde zu Runde wurden die Texte schwieriger.

Zum Wettschreiben aufgerufen fühlten sich nicht nur Spezialisten. Mit dabei war eine ganze Nation, der in frühester Schulzeit eingebleut wird, daß man eine Leidenschaft für intellektuelle Wettbewerbe und Diplome haben müsse.

Die paart sich mit einer historisch gewachsenen, soziale Schichten überspannenden Faszination für Sprache und Literatur, »eine französische Obsession«, so der Sprachwissenschaftler Jacques Demougin.

Und die lebt: Jeden Freitag, und das seit fast zwölf Jahren, sehen etwa 6,5 Millionen Bürger Pivots »Apostrophes« eine Zuschauerquote fast wie bei Trivialserien, und das für ein TV-Magazin über Bücher und Autoren.

Die 30000 Diktat Kämpfer waren nur die Spitze des Schreiberbergs. Die Vorentscheidungen in 27 Städten wurden im Regionalfernsehen, Halbfinale und Finale jeweils landesweit live ausgestrahlt.

Und so schrieben, zum Teil familienweise, sechs bis sieben Millionen Franzosen am Bildschirm mit. Fast alle Zeitungen druckten die Diktate nach und lieferten Diskussionsstoff für Bistros und Büros. Nichtteilnehmer fühlten sich ausgestoßen und beklagten - wie das TV-Magazin »Telerama« meinte - die »masochistische« Veranlagung der Diktat-Begeisterten.

Denn die französische Orthographie ist teils unlogisch, meistens aber so komplex logisch, daß der Schreiber um viele Ecken denken muß, um die rechte Schreibweise zu finden. Bei den Meisterschaftsdiktaten lagen die Fallen in grammatikalischen Konstruktionen, im Französischen ein Spiel ohne Grenzen.

Nicht gesprochene Buchstaben, Akzente, Konjunktive, durch Mehrzahl oder weibliche Substantive veränderte Adjektive und Partizipien bei immer gleicher Aussprache verlangen nachgerade mathematische Kombinierbegabung.

Konjugationsformen des deutschen »schaffen« etwa können sich im Französischen »creer«, »cree«, »creee« oder »creees« schreiben - immer wird das Wort gleich ausgesprochen. Nie verändert sich die Aussprache für so verschieden geschriebene Wörter wie ver, vert, vers, verre, vair.

Logisches Denken allein führt keineswegs immer zum Rechtschreib-Ziel. Es gibt Wörter wie »amour«, die in Einzahl und Mehrzahl männlich oder weiblich sein können, wodurch sich Adjektive und Partizipien - oft stumm - verändern. Die Kalbskeule schreibt sich »cuisseau« die Rehkeule dagegen »cuissot«, gleiche Aussprache.

Die orthographische Crux mit den Tierkeulen hat Geschichte. Sie findet sich schon in einem noch heute berühmten, federbrechenden Diktat, das dem Schriftsteller Prosper Merimee (1803 bis 1870) zugeschrieben wird.

1868 ließ er angeblich am Hof von Fontainebleau unter Mitwirkung von viel literarischer Prominenz ein Diktat schreiben, das als »Dictee de Merimee« noch heute nachdiktiert wird.

Kaiser Napoleon III. brachte es damals in dem kurzen Text auf 45 Fehler Kaiserin Eugenie - sonst berühmt für ihre Bildung, als gebürtige Spanierin orthographisch aber gehandikapt - gar auf 65.

Gefeierter Überraschungssieger war ein Ausländer, Österreichs Botschafter Fürst Richard von Metternich-Winneburg, Sohn des Wiener Kanzlers, mit nur drei Fehlern.

Damals wie heute: Die anerkannte Schwierigkeit der Sprachparcours erleichtert es den Wettkämpfern, über ihre Niederlagen zu sprechen. Im vorigen Jahrhundert gab etwa Schriftsteller Alexandre Dumas' Sohn offen seine 24 Fehler im Merimee-Diktat zu. Und diesmal gestand der bekannte Journalist Philipp Bouvard seine Schnitzer gleichfalls offen ein - 25 Stück.

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