»Verwesender Kadaver«
Die Redakteure und Moderatoren des nicaraguanischen Funks und Fernsehens erhielten Regieanweisungen von oben:
Ab sofort sei die Verbreitung von Meldungen über Kampfhandlungen oder politische Ereignisse untersagt, ebenso die Verwendung akustischer »Spezialeffekte, die Unruhe unter der Bevölkerung auslösen könnten, wie zum Beispiel Sirenen«. Ein »ängstlicher« Tonfall bei Ansagen sei nicht erlaubt.
Doch das war leichter gesagt als getan. Denn Grund zur Angst hatten die rund zwei Millionen Einwohner des vom Bürgerkrieg zerrissenen mittelamerikanischen Staates in den vergangenen Tagen mehr als genug.
Nicaragua mache gegenwärtig Schlimmeres durch, so verkündete vorigen Mittwoch Staatschef Anastasio Somoza Debayle der Nation, als bei dem großen Erdbeben von 1972, bei dem über 10 000 Menschen ums Leben gekommen und mehr als zwei Drittel der Hauptstadt Managua zerstört worden waren.
Wie damals standen auch vorige Woche schwarze Rauchsäulen über den brennenden Slums der Stadt, versuchten Tausende verstörter Menschen vor dem Inferno zu fliehen.
Hungernde plünderten zerstörte Läden. Ausländische Botschaften, allen voran die bundesrepublikanische und die amerikanische, evakuierten ihre Staatsbürger. In den Straßen lagen Tote, die niemand bergen, und Verwundete, denen niemand helfen konnte.
Doch anders als 1972 suchten diesmal nicht unberechenbare Naturgewalten die geplagte kleine Republik auf der Landbrücke zwischen Nord- und Südamerika heim. Die Befehle zur Zerstörung gab vielmehr Nicaraguas Herrscher Somoza selbst. Von seinem fen sterlosen, mit Sandsäcken und Panzern geschützten Hauptquartier aus, das im Volksmund nur der »Bunker« heißt, gab Somoza vorige Woche seiner Luftwaffe Anweisung, die Armenviertel der Hauptstadt und weite Teile des Landes zu bombardieren.
Nur so glaubte der Mann, dessen Familie Nicaragua seit mehr als vier Jahrzehnten sozusagen in Erbpacht regiert, sein diktatorisches Regime vor dem Ansturm einer nationalen Widerstandsbewegung retten zu können, die vor drei Wochen zur »letzten Offensive zum Sturz Somozas« aufgerufen hatte.
Zum zweitenmal innerhalb von neun Monaten unternahmen damit die Guerillakämpfer der linken »Sandinistischen Befreiungsfront"*, unterstützt von der überwältigenden Mehrheit der Bevölkerung, den Versuch, die Diktatur abzuschütteln -- und diesmal waren sie besser vorbereitet und besser or
* Die 1962 gegründete Sandinistische Befreiungsfront nennt sich nach Augusto Cäsar Sandino, der gegen die amerikanische Intervention in Nicaragua von 1912 bis 1933 kämpfte und von Anastasio Somoza 1, dem »vater des heutigen Präsidenten, ermordet wurde.
ganisiert als im vergangenen September.
Damals würde in sieben Provinzstädten gekämpft, die nach rund zwei Wochen -- und mindestens 1300 Toten -- alle wieder in der Hand von Somozas Regierungstruppen waren, in den vergangenen Tagen jedoch fanden blutige Barrikaden-Kämpfe und Straßenschlachten in zwei Dutzend Städten statt, die Rebellen kontrollierten tagelang die zweitgrößte Ortschaft des Landes, León, und legten die Hauptstadt durch einen von der Zivilbevölkerung fast hundertprozentig befolgten Generalstreik lahm.
Somoza verhängte das Kriegsrecht, stellte die Angestellten des öffentlichen Dienstes unter Waffen -- zusätzlich zu den 13 000 Soldaten der Guardia Nacional eine Armee von 10 000 Mann -- und gab Feuer frei auf alles, was sich bewegte.
»Wir schießen mit schweren Maschinengewehren in alle Bäume, die an ungesicherten Häuserblocks stehen«, berichtete ein Leutnant der Nationalgarde einem Reporter. »Manchmal springen Leute mit Gewehren runter und rennen weg. Manchmal falten sie tot auf den Boden.«
Mit wachsender Besorgnis starren Nicaraguas Nachbarn in Mittel- und Südamerika -- bis auf wenige Ausnahmen allesamt selbst politisch nicht besonders stabil auf das Pulverfaß in ihrer Mitte:
Die mexikanische Regierung, die wie Costa Rica die diplomatischen Beziehungen zu Nicaragua abgebrochen hat, prangerte die »unbeschreiblichen Brutalitäten« an, »die das Regime Somoza dem nicaraguanischen Volk aufzwingt«.
Die im Andenpakt zusammengeschlossenen Staaten Bolivien, Kolumbien, Ecuador, Venezuela und Peru kündigten militärischen Beistand für Nicaraguas demokratischen Nachbarstaat Costa Rica an, der keine eigene Armee hat und Übergriffe von Somozas Truppen fürchtet. Die Organisation Amerikanischer Staaten beschloß die Entsendung einer Untersuchungskommission in das Grenzgebiet zwischen Nicaragua und Costa Rica.
Venezuela und Ecuador schickten ihre Außenminister zu Vermittlungsversuchen nach Managua, und US-Präsident Carters Sicherheitsberater Brzezinski ließ verlauten, Washington sähe am liebsten, wenn das Volk von Nicaragua in einem Referendum selbst darüber entscheiden könne, wie es künftig regiert werden wollte.
Doch Anastasio Somoza schien von alledem bis zum vergangenen Wochenende unberührt zu bleiben. Während der diplomatische Druck wuchs, der Schlachtenlärm des Bürgerkriegs erstmais bis in Hörweite seines Bunkers drang, scherzte er auf einem Cocktailempfang mit ausländischen Journalisten: »Ihr seid doch auch nur menschliche Wesen wie ich, und wenn ihr so seid wie ich, dann seid ihr ganz schöne Scheißkerle.« Allen Widrigkeiten zum Trotz fühlte er sich offenbar immer noch so sicher wie in Abrahams Schoß -- und der Glaube an die eigene Unangreifbarkeit hatte viele Gründe.
»Alles, was wir besitzen, verdanken wir nur dem Präsidenten, in allem sind wir nur ihm hörig« -- so erklärte der zum Widerstand übergewechselte Ex-Oberst der Nationalgarde, Bernardino Larios, die erstaunliche Loyalität seiner früheren Kameraden dem Regime gegenüber. Somoza »kontrolliert unser gesamtes Leben bis in die kleinsten Details. Wie ein strenger Vater belohnt oder bestraft er uns. Alle Offiziere haben Angst vor ihm.«
Die Nationalgarde, so auch Oberst Guillermo Mendieta, der wegen eines Protestschreibens entlassen wurde, werde sich nie gegen Somoza stellen, weil der es verstanden habe, die Armee »in eine Lage ohne Alternative« zu bringen und »mitverantwortlich zu machen für alles, was in Nicaragua geschieht«.
Einem Mafia-Boß nicht unähnlich, wußte Somoza, wie vor ihm sein Vater und sein Bruder, stets seine Untergebenen geschickt zu manipulieren und gegeneinander auszuspielen. »Er weiß alles über alle«, erläuterte ein Politiker der bürgerlichen »Breiten Oppositionsfront« (FAG). »Er weiß genau, wem er einmal eine Gunst erwiesen hat, und so hält er alle in seinem Bann.«
Niemand konnte in der Nationalgarde oder sonstwo aufsteigen, wenn die Somozas es nicht wollten. Wenn ein Offizier einen Reisepaß brauchte, einen steuerfreien Mercedes kaufen (Generalvertretung: Familie Somoza) oder ein preisgünstiges Haus für Armee-Angehörige beziehen wollte -- immer hatte der Präsident selbst das letzte Wort.
Provinzkommandeure wurden bei Laune gehalten, indem sie den Bauern frei erfundene Geldstrafen auferlegen und sich bei Zahlungsunfähigkeit deren Land aneignen durften. In den Städten entwickelte sich vor allem die »Inmigración«, das Paßamt, zum einträglichen Posten für die jeweils verantwortlichen Offiziere, in deren Taschen die Paßgebühren flossen.
Wie einträglich der Dienst in Somozas Nationalgarde -- die Polizei- und Armeefunktionen zugleich wahrnimmt -- sein kann, zeigte sich, als unlängst das Vermögen des vor einem Jahr von Sandinistas umgebrachten Generals Reynaldo Pérez Vega bekannt wurde: Sechs Millionen Dollar hatte er während seiner Dienstzeit angehäuft, obwohl er, wie die meisten Nationalgardisten, nicht aus einer reichen Familie stammte.
Die allgegenwärtige Korruption ist jedoch nur das sichtbarste Symptom einer Herrschaft, die für den ins panamaische Exil geflohenen Arzt und Neuropsychiater Dr. José Paso Marciacq klar psychopathische Züge hat: »Die Entwicklung der Familie Somoza in den letzten drei Generationen«, so der Arzt, der die Somozas aus seiner langjährigen Tätigkeit im Armeekrankenhaus von Managua gut kennt, »hat zu einer ständigen Einengung ihres Weltbildes geführt. Der heutige Präsident lebt in einer völlig irrealen Welt.«
Der Aufstieg einer Familie aus bescheidenen Verhältnissen, die sich mit brutaler Gewalt in eine elitäre, in sich geschlossene Oberschicht hinaufarbeitete, hatte die Weichen dafür gestellt:
Nur durch die -- unstandesgemäße -- Heirat mit einer Tochter aus vornehmem Haus, einer Debayle, gelang dem Vater des jetzigen Präsidenten der Sprung in die Politik. Ihr Onkel. damals Präsident, machte ihn zum stellvertretenden Außenminister. In der US-Botschaft ging der Aufsteiger bald ein und aus, die Frau des Botschafters gar wurde bald zu seiner Geliebten.
Doch Nicaraguas High Society verrieb den Einbruch in ihre geschlossene Gesellschaft nicht. Niemals wurde ein Somoza eingeladen, Mitglied des »Terraza«-Klubs, Treffpunkt der in der konservativen Partei organisierten traditionellen Oligarchie, zu werden. Als der gegenwärtige Präsident noch Student an der US-Militärakademie West Point war, wurde er einmal sogar zusammen mit Kameraden, die er mit nach Managua gebracht hatte, aus dem »Terraza« hinausgeworfen.
Auch das Bürgertum, die Industrie- und Handelsleute der Liberalen Partei, verweigerten dem »Emporkömmling« den Zutritt zu ihrem »Country Club«. So wuchs der heutige Diktator nur unter den Ja-Sagern des Regimes -- und unter Amerikanern -- auf.
Bis heute hegt er tiefen Groll gegen diese Oberschicht, die ihn noch immer als »neureich« abqualifiziert, obgleich er doch inzwischen ein geschätztes Vermögen von 600 Millionen Dollar und einen Landsitz von 23
Prozent der gesamten Nutzfläche Nicaraguas vorweisen kann.
Bis heute auch behielt er seine Vorliebe für alles Amerikanische. »Somoza ist eigentlich selbst ein Gringo«, meint Pater Migual d"Escoto, einziger Ausländer des Maryknoll-Ordens in New York und einer der zwölf bekannten Persönlichkeiten Nicaraguas, die als »Gruppe der Zwölf« an der Seite der Sandinistischen Befreiungsfront in der Opposition stehen. »Somoza ißt und spricht lieber amerikanisch. Nicaragua ist eigentlich nur sein Landgut.«
Die amerikanischen Freunde, die Somoza während seiner Ausbildungszeit in West Point fand, gehören, so d"Escoto, »zu den reaktionärsten Kreisen« und begründeten seinen »eingefleischten Antikommunismus«. Daß eine Opposition nicht aus Moskau kommt, kann sich Somoza einfach nicht vorstellen.
Daher sein unbeugsamer Widerstand: Die kleinen Leute, das »einfache Volk« nämlich, so versicherte er wieder und wieder, habe seinen Vater und auch ihn selbst stets geliebt und werde auch seinen Sohn Anastasio 1. lieben.
Der hat längst. wie ein echter Capo der Mafia, die Nachfolge vorbereitet -- an der Infanterie-Grundschule, der »EEBI« in Managua, zog er sich eine eigene Privatarmee heran. Nach dem Ausbruch der Kämpfe zu Beginn des Monats soll er für seinen Vater zu den alten Freunden in den USA gereist sein und um Hilfe nachgesucht haben.
Beschwörend warnte Sergio Ramirez, Sprecher der Gruppe der Zwölf, Somozas einstige Schutzmacht: »Die USA können den Kadaver der Diktatur festhalten, bis er in ihren Armen verwest ... Aber es wird für die nordamerikanische Regierung leichter und weniger beschämend sein, Somoza seinem Schicksal zu überlassen.« Nicaraguas Schicksal, so wurde in den vergangenen Tagen deutlich, steht und fällt mit diesem einen Mann.
»Die Offensive der Sandinisten«, so der Luftwaffenpilot Lara Cruz, der sich vorige Woche mitsamt Flugzeug nach Costa Rica absetzte, weil er die Bombardierbefehle des Präsidenten nicht ausführen wollte, »wird so lange nicht erfolgreich sein, wie Somoza nicht tot ist.«