»Viel Land wird untergehen« - DER SPIEGEL
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»Viel Land wird untergehen«

Taifune und Erdbeben in Serie - Japan erlebt einen Horror-Herbst.
Von Rainer Paul
• aus SPIEGEL Chronik 54/2004
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Im Sommer haben die Japaner unter Hitzewellen gelitten wie niemals zuvor. Lang währende Rekordtemperaturen von über 30 Grad verwandeln das dicht bevölkerte Inselreich in einen Brutofen, der die Luft und das umliegende Meer aufheizt. Die Folgen bescheren den Bürgern neues Leid: In bis dahin unbekannter Anzahl und Stärke rollen Taifune gegen Japans Küsten und über das Land hinweg, im Lauf ihres oft erratischen Kurses über die tropischen Meere haben sich die Wirbelstürme mit Wasser buchstäblich aufgetankt.

Als die Taifune mit Spitzengeschwindigkeiten von 270 Stundenkilometern auf die Küste zustürmen, schieben sie riesige Wellenberge vor sich her. Die Monsterwellen erreichen die Höhe von Mietshäusern. Über Land schlagen die Taifungewalten wüste Schneisen in die Landschaft, während sie sich zugleich der enormen Last der mitgeführten Wassermassen entledigen. Die Taifunsaison gehört für jeden Japaner zum normalen Jahresablauf. Doch diesmal kommt es schlimmer. In weiten Gebieten des Pazifiks hat sich das Oberflächenwasser während der sommerlichen Hitzewelle großflächig aufgeheizt. Bei mindestens 26,5 Grad Celsius beginnt das Wasser an der Oberfläche zu verdunsten, es steigt mit der heißen Luft empor und kondensiert in der Höhe zu Wolken, wodurch Energie freigesetzt wird und noch mehr Wärme in die Höhe schießt. Die Wolkenmassen beginnen zu zirkulieren, verwandeln sich in wirbelnde Kreisel und werden von den Winden fortgetragen.

Mehr als 20 große Stürme - Taifune: aus dem Chinesischen »da« (stark) und »feng« (Wind) - entstehen innerhalb weniger Wochen. Allein zehn von ihnen ziehen gen Japan und hinterlassen verwüstete Landstriche. Niemals zuvor sind in einem Jahr ähnlich gewaltige Taifune dieser Anzahl registriert worden. Besonders verheerend gebärdet sich die »Eidechse« - der Taifun »Tokage«. Er deckt nicht nur Dächer von Bürgerhäusern ab und wirbelt Sportboote ans Ufer, auch nationale Kulturgüter wie etwa der berühmte Kiyomizu-Tempel in der alten Kaiserstadt Kyoto nehmen erheblichen Schaden. Die sintflutähnlichen Wassermassen, die Tokage mit sich bringt, verwandeln Reisfelder in Seenlandschaften, unterspülen Straßenbrücken und Bahnlinien, an den Bergen beginnt die Erde zu rutschen. In den Schlammlawinen versinken ganze Dörfer. In Yokohama, wo die Pazifikwellen sechs Stockwerke hoch ans Ufer brechen, müssen 150 Besatzungsmitglieder eines havarierten Segelschulschiffs in dramatischer Rettungsaktion geborgen werden.

Zum Monatsende kommt es noch ärger: Im Minutentakt beginnt die Erde zu beben, fast zwei Tage lang. Das Epizentrum des Bebens liegt im Nordosten der japanischen Hauptinsel Honshu nur 20 Kilometer unter der Erdoberfläche. Es erreicht die Stärke von 6,8. In der nächstgelegenen Großstadt Niigata, die in der Vergangenheit nur selten von Erdbeben betroffen war, stürzen Hunderte Häuser sofort ein. Die auf den ersten Stoß folgenden Schwingungen breiten sich nahezu horizontal aus, und zwar fast doppelt so schnell wie 1995 bei dem großen Beben von Kobe mit mehr als 6400 Opfern. Wenig später wackeln in der 250 Kilometer entfernten Hauptstadt Tokio minutenlang Wolkenkratzer. Glimpflich kommen die Passagiere des Hochgeschwindigkeitszuges Shinkansen davon. Zum ersten Mal in seiner 40-jährigen Geschichte springt der Zug aus den Gleisen, der Eisenbahnverkehr wird für kurze Zeit eingestellt. Unweit des Bebenzentrums bricht die Erde auf, in die tiefen Risse fließt der Regen, neue Erdrutsche und Schlammlawinen drohen. Bilanz des japanischen Horror-Herbstes: nahezu 250 Tote und ein Gesamtschaden in Höhe von rund 8,5 Milliarden Euro.

Die plötzliche Häufung der Tropenstürme samt ihrer erhöhten Intensität wissenschaftlich zu erklären bereitet den Klima- und Bebenforschern sichtlich Mühe. Der amerikanische Hurrikan-Forscher William Gray von der Colorado State University etwa glaubt, die verheerende Windsaison dieses Jahres liege voll im Trend. Gray verweist auf die Statistik mit ihren »wiederkehrenden, 30 bis 40 Jahre dauernden Sturmperioden«, die mit den zyklischen Umwälzungen in den Ozeanen einhergingen. Die letzte Sturmzeit sei Mitte der sechziger Jahre zu Ende gegangen.

Der Graysche Wirbelsturm-Kalender räumt der globalen Erwärmung der Ozeane keine entscheidende Mitwirkung ein. Mit diesen Resultaten steht er im Gegensatz zu den Ergebnissen einer Studie, die an der Universität von Princeton (US-Staat New Jersey) durchgeführt wurde. Die Princeton-Forscher werteten neun Klimasimulationen aus, die verschiedene Gruppen unabhängig voneinander erstellt hatten. Die These, dass der Treibhauseffekt die Entstehung tropischer Wirbelstürme begünstige, wird durch die Princeton-Studie nachhaltig gestützt. »Diese Streitfrage ist endgültig geklärt«, konstatiert Hurrikan-Forscher Kerry Emanuel vom Massachusetts Institute of Technology. Selbst wenn in den kommenden Jahrzehnten die jährliche Anzahl der Wirbelstürme nicht steige, so sei unstrittig, dass die Gewalt der Stürme eskaliere und für mehr Verwüstung sorgen werde. Die düstere Voraussicht ergibt sich allerdings auch aus dem Grayschen Konzept. »Wir werden noch viel Land untergehen sehen«, prophezeit US-Klimaexperte Gray. RAINER PAUL

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