Iran Viel versprochen
Kinder schlittern vergnügt über den glattgeschliffenen Marmorboden; ihre Mütter, in schwarze Tschadors gehüllt, hocken auf dem Boden und tuscheln miteinander - das Chomeini-Grabmal im Süden Teherans ist im Frühsommer für die Hauptstädter ein angenehm kühler Ausflugsort.
Ein gewaltiges, prunkvolles Monument, gemauertes Zeugnis ewiger Verehrung und Pilgerstätte für alle Schiiten dieser Welt: So war nach dem Willen der iranischen Führung die letzte Ruhestätte ihres Revolutionsführers geplant. Doch vier Jahre nach dem Tod des Ajatollah wirkt die Moschee mit der goldenen Kuppel, als sei den Bauherren kurz vor Fertigstellung plötzlich das Geld ausgegangen.
Drei der vier Minarette sind eingerüstet, Verfugungen zwischen Marmorplatten fehlen, und an der Decke der riesigen Halle, in der Chomeinis Sarkophag steht, baumeln häßliche Belüftungsrohre.
Das gesamte Prestigebauwerk inmitten des Märtyrerfriedhofs Behescht-e Sahra steht zudem auf unsicherem Boden, wie geologische Untersuchungen jetzt ergaben. Die Verstärkung des Fundaments wird Millionen kosten.
Das heruntergekommene Ambiente der Grabstätte ist symptomatisch für den inneren Zustand der Islamischen Republik 14 Jahre nach dem Sturz des Schah-Regimes. Junge Iraner lassen sich vom Chomeini-Mythos nicht mehr faszinieren. Aufbruchstimmung und revolutionärer Eifer sind Enttäuschung und Frustration über den wirtschaftlichen Niedergang gewichen. Chomeinis Erben haben immer größere Mühe, das Volk zu ernähren - und ruhig zu halten.
»Die Revolution ist verblaßt«, klagt Ajatollah Ahmed Dschannati, Sprecher des Chomeini-Nachfolgers Ali Chamenei. Er prangert die wachsenden Konsumwünsche und den Sittenverfall an. Doch gerade die Mullah-Clique, die den Gottesstaat nach wie vor eisern beherrscht, geht oft genug mit schlechtem Beispiel voran.
Religiöse Stiftungen, die außerhalb jeder staatlichen Kontrolle operieren und in Wahrheit verschachtelte Wirtschaftskonzerne sind, dienen führenden Mullahs zur eigenen Reichtumsvermehrung. Korruption und Raffgier im schiitischen Klerus gehören mittlerweile zur iranischen Folklore. Ein gängiges Sprichwort lautet: »Wenn du genügend Geld hast, kannst du auf dem Bart deines Mullahs ein Haus bauen.«
Neben der Ankündigung einschneidender Wirtschaftsreformen war die Abschaffung der Klerikerprivilegien das griffigste Wahlkampfthema gewesen, mit dem Ali Akbar Haschemi Rafsandschani, 59, vor knapp vier Jahren die Präsidentschaftswahlen gewann.
Dem Sproß einer der reichsten iranischen Familien, der zwar eine geistliche Ausbildung genoß, aber durchaus weltlichen Neigungen frönt, traute das Volk am ehesten zu, den ökonomischen Niedergang aufzuhalten und die weltweite Isolation des Landes zu beenden.
Am 11. Juni muß sich Rafsandschani - gegen drei weitere Kandidaten - zur Wiederwahl stellen. Sein Sieg scheint ungefährdet, trotz einer enttäuschenden Regierungsbilanz. Denn, so sagt ein Edelsteinhändler aus dem Teheraner Basar: »Rafsandschani hat viel versprochen und wenig gehalten. Doch außer ihm kann uns keiner aus dem Sumpf ziehen.«
Von einer konsequenten Öffnung gegenüber dem Westen erhoffen sich die Basaris - eine wirtschaftlich mächtige Klasse, die wesentlich zum Fall des Schahs beigetragen hat und auch von den Mullahs gefürchtet wird - neue Exportmärkte und bessere Geschäfte.
Für das gemeine Volk hingegen wird sich auf lange Zeit nichts verbessern. Rafsandschanis Sanierungsprogramm, vor allem der Abbau der staatlichen Subventionen, hat gerade das Lumpenproletariat, einst die fanatischsten Anhänger Chomeinis, ins Elend gestürzt.
So sind die Preise für Obst und Gemüse in den letzten Monaten um 40 Prozent gestiegen, ein Huhn kostet 60 Prozent mehr als zu Jahresbeginn: Die Inflation schürt inzwischen auch in Mittelklassefamilien die Angst vor dem sozialen Absturz.
Bei einer landesweiten Arbeitslosenrate von über 30 Prozent sind in der persischen Mullahkratie bereits drei Viertel der Bevölkerung unter die offizielle Armutsgrenze gerutscht. Die Zukunft verheißt noch mehr Härten: Der Iran gehört zu den Ländern mit der höchsten Geburtenrate. Zu Zeiten des Schahs gab es 29 Millionen Untertanen, heute sind es über 60 Millionen. Jedes Jahr kommen 1,6 Millionen dazu.
In den vergangenen Monaten brachen in Teheran und anderen Städten Hungerrevolten unter den Slumbewohnern aus, die von den Sicherheitskräften brutal niedergeschlagen wurden. Religionsführer Chamenei bezeichnete die Verzweifelten verächtlich als »dieses Unkraut«.
Zumindest in den Städten versucht Rafsandschani, den wachsenden Druck durch die Gewährung individueller Freiheiten zu mildern. Gegen den Widerstand seiner radikalen Gegner in Regierung und Parlament ließ er die puristischen Kleidungsvorschriften für Frauen lockern.
Unverheiratete Pärchen dürfen neuerdings in öffentlichen Parks zusammen Badminton oder Volleyball spielen - zu Lebzeiten Chomeinis ein strafwürdiges Delikt. Selbst der Besitz von Videorecordern sowie das Abspielen westlicher Filme in den eigenen vier Wänden sind seit kurzem nicht mehr verboten.
Doch »in der dramatischsten Phase seit Revolutionsbeginn« (ein Präsidentenberater) ist der Iran derzeit nicht in der Lage, genug Lebensmittel zu importieren - trotz der wieder sprudelnden Erdöleinnahmen reichen die Devisenreserven nicht aus.
Gleichzeitig kauft der Staat für zwei Milliarden US-Dollar pro Jahr Waffen, vor allem in Rußland, China und Nordkorea, um nach der Niederlage Saddam Husseins im Golfkrieg die Vormachtstellung in der Region auszubauen.
Solange die Beziehungen zum Westen, besonders zur Supermacht USA, von Mißtrauen geprägt bleiben, kann Rafsandschani die Wirtschaft schwerlich in Schwung bringen. Die wichtigsten Industrieländer bringen ihr Kapital nur zögernd in den Gottesstaat, nicht zuletzt wegen Chomeinis Todesurteil gegen den Schriftsteller Salman Rushdie. Erst nach Rücknahme dieses Verdikts wird der Iran im Westen den Makel des Terroristenstaats abstreifen können.
Der Präsident wagt aus Angst vor seinen radikalen Rivalen bis heute nicht, das fatale Urteil öffentlich in Frage zu stellen. Rechtzeitig zur Wahl haben Rafsandschanis einflußreiche Gegner das ausgesetzte Kopfgeld verdoppelt - auf zwei Millionen US-Dollar.