»Vier Mark für ein Mädchen in Kanton«
FRAGE: Gibt es in Kanton Prostituierte?
ANTWORT: Im Hsi-Kuan-Bezirk von Kanton wußten meine Freunde von Prostituierten an der »Straße des Perlenlichts«. Nach einem berühmten kulinarischen Gericht in Kanton nannte man sie »Straßen-Küken«.
FRAGE: Woran konnte man ein Straßenmädchen erkennen?
ANTWORT: Ein Freund von mir hat einem dieser Mädchen nachgerufen: »Motor!« Daraufhin hat das Mädchen den Kopf gewendet und zurückgerufen: »Sohn eines Motors!« Man nennt solche Mädchen Motoren, weil sie sich wie ein Motor unablässig drehen.
FRAGE. Wer waren diese Prostituierten?
ANTWORT: Man konnte die Mädchen in drei Typen einteilen: solche, die bereits vor der Kulturrevolution Prostituierte waren, solche, die aufs Land geschickt wurden und in die Stadt zurückkehrten, wo sie anschließend Prostituierte wurden: diese Prostituierten waren jünger und hatten im. allgemeinen nur einen Mittelschulabschluß. Die dritte Kategorie bildete den übelsten Typ. Diese Mädchen waren während der Kulturrevolution nur Grundschülerinnen gewesen.
FRAGE: Warum halten Sie die für die schlimmsten?
ANTWORT: Obwohl die Grundschul-Mädchen an der Kulturrevolution nicht aktiv teilnahmen, sahen und hörten sie dennoch viel Böses. Während der zwei Jahre der Kulturrevolution bekamen sie eigentlich keinerlei Erziehung, so hatten sie viel Freizeit und konnten außerhalb der Schule in dieses oder jenes hineingeraten. Sie hörten von all den schlimmen Dingen, Kämpfen, Töten, und sie wurden selbst schlecht.
FRAGE: Wurden diese Mädchen aus wirtschaftlichen Gründen Prostituierte oder weil ihnen dieser Lebensstil Vergnügen bereitete?
ANTWORT: Es war ein sorgenfreier Lebensstil, es war die neue Welle.
FRAGE: Wieviel Geld nahmen die Prostituierten?
ANTWORT: Gewöhnliche Prostituierte nahmen zwei Dollar*. Die der höheren Klasse angehörten, verlangten fünf Dollar. Ein Freund erzählte mir, im Kulturpark von Kanton gäbe es rings um die Eislauf- und Rollschuhbahn sehr viele solcher Mädchen. Ihr Erkennungszeichen war ein Taschentuch, das halb aus einer Tasche herausragte. Von Zeit zu Zeit änderte sich dieses Zeichen. Zu anderen Zeiten könnte es irgendein farbiges Abzeichen gewesen sein. Mein Freund sprach ein Mädchen direkt an und fragte sie nach dem Preis. Es waren fünf Dollar. Er sagte, die zu fünf Dollar seien wirklich sehr schön gewesen.
FRAGE. Was für farbige Abzeichen trugen die Prostituierten?
ANTWORT: Am üblichsten waren Abzeichen mit Mao-Bildern, roten Fahnen, und Abzeichen, auf denen das Bündnis zwischen Arbeitern und Bauern dargestellt war.
FRAGE: Aber trugen nicht viele Leute in der Stadt Mao-Abzeichen?
ANTWORT: Während der Kulturrevolution ja. Da mußte ja jeder eins tragen. Aber danach trugen immer weniger Leute solche Abzeichen.
Ein Hongkong-Dollar zwei Mark.
FRAGE: Hatten die Prostituierten einen besonderen Gang?
ANTWORT: Ihr Gang war nicht sehr ordentlich. Ordentliche Mädchen gehen sanft und langsam, aber die Prostituierten hatten irgendwie einen auffallenden Gang. Sie hüpften und sprangen wie kleine Mädchen. Sie pflegten ein wenig zu laufen, dann die Arme um die Schulter ihrer Freundinnen zu legen und etwas zu flüstern. Weil es dort keine Schuhe mit hohen Absätzen gab, gingen sie oft auf Zehenspitzen.
FRAGE: Waren hohe Funktionäre auch Kunden dieser Mädchen?
ANTWORT: Dazu hatten sie nicht den Mut. Jene Funktionäre gehen ganz anders zu Werke, wenn sie ihr Vergnügen mit Mädchen suchen. Zu dieser Art Mädchen hatten sie keinerlei Beziehungen.
FRAGE. Wie machten sie es denn?
ANTWORT: Das war ein Thema für sich. Während der Kulturrevolution lasen wir in Wandzeitungen viele Artikel, in denen das unkritische Verhältnis der Funktionäre in ihren Beziehungen
zu den Frauen bloßgelegt wurde. Junge Frauen, die einen Ausreiseantrag nach Hongkong stellten, weil ihre Eltern oder ihr Mann dort lebten, wurden oft von dem Funktionär, der ihren Fall bearbeitete, gezwungen, zu ihm sexuelle Beziehungen aufzunehmen. Manche Funktionäre verführen oder vergewaltigen das weibliche Personal in niedrigen Positionen.
Der Vater meines Klassenkameraden war stellvertretender Leiter eines Amtes für öffentliche Sicherheit. Er unterhielt Beziehungen zu seiner Sekretärin und brachte sie sogar mit nach Hause. Seine Kinder mußten sie »Tantchen« nennen