VIERTE ILLUSION
(Nr. 47/1969, SPIEGEL-Gespräch mit Ernst Fischer)
Es ist ein Jammer, daß so gescheite Menschen wie Ernst Fischer noch immer nicht begriffen haben, daß alle Versuche, eine Gesellschaft von Menschen auf dem Grundsatz des gemeinschaftlichen Besitzes aufzubauen, bisher gescheitert sind. Es ist die Unterlegenheit der kollektivistischen Erzeugungs- und Wirtschaftsweise, die sich automatisch nach der niedrigsten Leistung ausrichtet und die verkennt. daß der Mensch von Natur aus nun einmal eigennützig ist und seine Leistung nur steigert, wenn die Früchte seiner Tätigkeit ihm selbst zufallen.
Heppenheim (Hessen) JOSEF SOMMER
Wir leben mitten in der Weltrevolution, behauptet der Polit-Theoretiker Ernst Fischer -- und setzt seine politischen Hoffnungen auf die »revolutionäre Kraft« der Intellektuellen. Die »revolutionäre Kraft der Intellektuellen« -- was immer auch Herr Fischer darunter verstehen mag -- hat es leider bisher nicht im geringsten erreicht, auch die politische Kraft derer zu mobilisieren, auf die es am meisten ankommt: die Arbeiter. Die (nicht ohne Schuld der Gewerkschaften und Linksparteien) dem Sozialismus entfremdeten arbeitenden Volksschichten sind -- als »Verbraucher« umworben -- mehr und mehr, gewissermaßen als »Mini-Kapitalisten«, in der kapitalistischen Verbrauchs- und Wohlstandsgesellschaft integriert.
Viersen (Nrdrh.-Westf.)
WILHELM THÖNISSEN
Wenn Ernst Fischer nun »ins Unbekannte gehen« will, kann er nicht damit rechnen, Weggenossen zu finden. Denn für einen politisch Denkenden (oder gar Handelnden) ist ein Marsch ohne Weg und Ziel nicht möglich. Gefolgsleute zu finden, ist auch deshalb schwer, weil er sich bei drei weltpolitischen Entscheidungen (Stalin, Tito und Tschechoslowakei) gründlich geirrt hat. Wer wird ihm da in die vierte Illusion folgen wollen?
Nußdorf (Bad.-Württ.) DR. H. WEBER
Ernst Fischer scheint ja einzusehen, daß er nicht ganz auf dem Boden der Realitäten steht mit seiner Theorie. »Ich gehe weiter als Kommunist ins Unbekannte.« Wie will Herr Fischer uns eigentlich zu kommunistischen Sozialisten bekehren, wenn er die Hände in den Schoß legt und sagt: es wird schon werden? Es ist sehr gut möglich, daß sich die äußeren Merkmale des »bösen Kapitalismus« einmal ändern, daß wir »sozialer« werden. Vielleicht setzt sich sehr, sehr langsam der Gedanke durch, daß wir dem anderen nicht einfach den Schädel einschlagen dürfen, nur weil er ein Iwan« ist. Vielleicht sieht auch der »Kapitalist«, dem in der Stadt ein halber Quadratmeter Boden gehört, ein, daß er fünfzig Familien helfen kann, wenn er diesen Besitz für den sozialen Wohnungsbau herausrückt. Vielleicht! Vielleicht! Und diesem »Vielleicht« wollen Sie, Herr Fischer, mit Abwarten, Zusehen und schönen Theorien nachhelfen?
Hamburg THOMAS MARTINI
Ganz gleich, wie man Fischers politische Tätigkeit in der Emigration und nachher im ZK der KPÖ bewertet, unbestritten werden seine literarischen Leistungen bleiben. Goethe, Grillparzer, Lenau, Heine, Petöfi, Thomas Mann wurden von ihm modern, das heißt marxistisch interpretiert. Baudelaire, Verlaine ins Deutsche übertragen. Rührend seine Versuche, eine marxistische Ästhetik zu schaffen. Das Großartige der bürgerlichen Kunst in die neue Zeit hinüberzuretten, das »Erbe« zu wahren, bleibt sein Verdienst. Nach seinem Parteiausschluß hat er der KPÖ weit mehr genützt als die bezahlten Hanswürste, die ihn hinausschmissen.
Mödling (Österreich) L. BACHNER