Vive l'Algerie - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 43 / 93

USA/ALGERIEN Vive l'Algerie

Das sozialistische islamische Algerien, lange Jahre internationaler Hort für Revolutionäre, vermittelte im Geiselgeschäft.
• aus DER SPIEGEL 5/1981
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Ledernacken blieben im Wüstensand stecken, die Verbündeten wollten nicht einmal an der Boykottfront kämpfen. Da griff ein moslemischer Sahara-Staat ein. Amerika bekam seine Gefangenen wieder.

Ausgerechnet die Algerier halfen, die US-Geiseln aus dem Griff des Ajatollah S.105 zu befreien. Der eben von seinem Amt abgelöste Präsident Jimmy Carter feierte sie als »wahre Helden«. ABC-Fernsehmoderator Frank Reynolds rief beim Live-Bericht von der Ankuft der befreiten Geiseln in Algier: »Vive l'Algcrie.«

Amerikaner lassen ein Land hochleben, das ihrem eigenen Weltbild nicht fremder sein könnte: Algerien bekennt sich zum Sozialismus und zum Islam -- und doch stellte es in den letzten Wochen Spitzenpolitiker frei zum Einsatz für die kapitalistische Supermacht: Außenminister Ben Jahja, der Chef der Zentralbank, Algeriens Botschafter in Washington und Teheran sowie etliche Top-Beamte arbeiteten für die Freilassung der US-Geiseln, manchmal rund um die Uhr. Algerien -- für die Vereinigten Staaten ein Freund in der Not -- das ist die eine Seite.

Auf der anderen Seite bekämpft der ölreiche 19-Millionen-Einwohner-Staat Amerikas Nahost-Politik, deren Grundpfeiler das Camp-David-Abkommen zwischen Israel und Ägypten ist.

Und das aus einem siebenjährigen Revolutionskrieg hervorgegangene Algerien kämpft nicht nur mit Worten: Von Algier aus plant Sadats ehemaliger Stabschef, General Schasli ("Ägyptens Rommel"), den Sturz des ägyptischen Präsidenten. Algerien hilft auch der Polisario-Befreiungsfront aus der West-Sahara im Krieg gegen den anderen US-Schützling in der arabischen Welt, König Hassan von Marokko. Algerien -- ein Feind der Vereinigten Staaten.

Tatsächlich ist das Verhältnis zwischen den USA und Algerien widersprüchlich. Als ein Führungsland der »antiimperialistischen Dritten Welt« verdammen die Algerier die Yankees. Als aufsteigende Wirtschaftsmacht, die an Allah glaubt, aber westliche Technologie wünscht, bewundern sie die US-Kapitalisten und machen mit ihnen dicke Geschäfte.

1962, als Algerien nach 132 Jahren französischer Kolonialherrschaft seine Unabhängigkeit gewann, empfing John F. Kennedy den ersten algerischen Präsidenten Ben Bella -- und fühlte sich betrogen, als der unmittelbar danach zum Amerika-Feind Castro nach Kuba reiste.

Das amerikanisch-algerische Verhältnis kühlte sich zunächst weiter ab, denn der nordafrikanische Staat unterstützte Vietcong und Nordvietnamesen. Empört über Amerikas Hilfe für Israel brachen die Algerier im Nahost-Krieg von 1967 die Beziehungen zu Washington ab, nach dem Oktober-Krieg von 1973 beteiligten sie sich am arabischen Ölboykott gegen den Westen.

Das Embargo feierten in Algier Gäste aus aller Welt, die dort Zuflucht gefunden hatten. Denn die Ex-Partisanen, die in Regierungskanzleien aufgestiegen waren, machten ihr Land zu einem Dorado für Untergrundkämpfer:

Befreiungsbewegungen von Angolas mächtiger MPLA bis zu Splittergruppen von den Kanarischen Inseln, japanische Rotarmisten, der als Planer des Münchner Olympia-Massakers gesuchte Palästinenser Abu Daud, die Mannschaft des legendären Terroristen Carlos mit dem Deutschen Hans-Joachim Klein, die in Wien Arabiens Öl-Minister kidnappten, sie alle durften in Algier an Land.

Die Regierung dort gewährte anerkannten anti-imperialistischen Exil-Kämpfern ein Monatssalär von 1650 Mark, was dem Gehalt eines algerischen Ministerialdirektors entsprach. Algeriens Fluglinie half mit Tickets, wenn Freiheitskämpfer zu Auftritten oder Einsätzen in die Welt reisten.

Die algerische Gastlichkeit für Radikale sprach sich herum bis nach Amerika: Wiederholt entführten in den siebziger Jahren schwarze Extremisten US-Flugzeuge nach Algier. Der Black-Panther-Führer Eldridge Cleaver durfte dort eine Villa bewohnen, algerische Druckereien gaben seine Pamphlete heraus. Der puritanische Moslem-Staat nahm sogar vorübergehend den Drogenpropheten Timothy Leary auf, der zu Hause in den USA steckbrieflich gesucht wurde.

Doch bei aller revolutionären Solidarität handelten die Algerier immer intensiver mit dem kapitalistischen Amerika. Sie schlossen mit den USA lange vor der Wiederaufnahme diplomatischer Beziehungen 1974 einen langjährigen Vertrag über den Verkauf von Erdgas. Amerika verdrängte Frankreich als Algeriens Handelspartner Nummer eins.

In den ersten acht Monaten des Jahres 1980 gingen Exporte im Wert von über vier Milliarden Dollar, überwiegend Erdöl und Erdgas, von Algerien in die USA, die Industrieprodukte und technische Geräte lieferten.

Angesichts der blühenden Geschäftsbeziehungen gewannen westliche Diplomaten den Eindruck, daß die algerischen Revolutionsveteranen »mit feuriger Rhetorik und Freiheitskämpfer-Romantik vor allem ihr schlechtes Gewissen beruhigen wollen«.

Ähnlich frei von Ideologie wie im Handeln zeigten sich die Algerier beim Verhandeln. Als 1975 schon einmal ein Krieg drohte zwischen dem (damals noch vom Schah regierten, pro-amerikanischen) Iran und dem (damals prosowjetischen) Irak, vermittelte Algeriens Präsident Boumedienne einen Kompromiß: Der Schah stellte die Unterstützung für Kurdenstämme ein, die das Irak-Regime bedrohten. Die Iraker akzeptierten dafür eine vom Schah vorgeschlagene Grenzlinie im umstrittenen Schatt-el-Arab-Grenzfluß.

In die Teheraner Geiselaffäre wurden die Algerier schon früh gezogen -von verschiedenen Seiten: Die Chomeini-Perser ließen sich von einem algerischen Anwalt vertreten, als die USA die Botschaftsbesetzung vor den Haager Gerichtshof brachten. Unter den ersten Besuchern bei den Geiseln, S.106 Weihnachten 1979, war der katholische Erzbischof von Algier, Leon-Etienne Duval, ein gebürtiger Franzose.

Die Entscheidung zum schließlich erfolgreichen algerischen Eingreifen kam von Bendschedid Schadli, dem gemäßigten Nachfolger des linksdoktrinären Boumedienne auf dem Präsidentenposten. Er ließ den Boumedienne-Gefangenen Ben Bella nach 15jähriger Haft frei und öffnete sein Land noch stärker für den West-Handel.

Schadli ist vor allem aus zwei Gründen daran interessiert, das Klima zwischen seinem Land und den USA weiter zu verbessern:

* Die Invasion der Sowjet-Union in Afghanistan hat die moslemischen Algerier weit mehr erschreckt, als die Regierung öffentlich zugibt. Algerien, dessen Streitkräfte fast völlig mit sowjetischem Material ausgerüstet sind, möchte sich von der einseitigen militärischen Abhängigkeit von Moskau lösen und mit den USA auch ins Waffengeschäft kommen.

* Jimmy Carter hatte sich im April gegen die Verdreifachung der algerischen Erdgaspreise gewehrt, worauf der Saharastaat die Exporte einstellte. Die Algerier hoffen nun, das Geschäft -- zu einem guten Preis -- wieder in Gang zu bringen.

Im September 1980 legte zum erstenmal seit 1963 ein Kriegsschiff der U.S. Navy in Algerien an. Beide Länder vereinbarten den Austausch von Militär-Attaches. Algerien erhielt von den USA nach dem Erdbeben im Oktober Soforthilfe im Wert von vier Millionen Dollar.

Nach dem Verhandlungserfolg in Sachen Geiseln lobte Amerikas Stellvertretender Außenminister Warren Christopher »Geschick und Professionalismus« seiner algerischen Kollegen -kein Wunder: Außenminister Ben Jahja, Washington-Botschafter Redha Malik und Zentralbankchef Mohammed Seghir Mustafai haben einst das Unabhängigkeitsabkommen mit Frankreichs Vertretern in Evian am Genfer See mit ausgehandelt, bei dem es unter anderem auch um finanzielle Transaktionen gegangen war.

Andererseits machte ihre Vergangenheit als Untergrundkämpfer die würdigen Herren aus Algier auch für die Chomeini-Revolutionäre akzeptabel.

Ihren ausgeprägten Nationalstolz haben die Algerier eh nicht verloren: Die Geiseln sollten zunächst in einem Jumbo-Jet der Air Algerie abgeholt werden. Da stellte man fest, daß es noch keinen algerischen Piloten für die Boeing 747 gab, so daß ein Amerikaner das Flugzeug hätte fliegen müssen.

Daraufhin wurde eine neue Entscheidung getroffen: Abflug mit zwei kleineren Boeing 727 -- mit algerischer Besatzung.

Zur Ausgabe
Artikel 43 / 93