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Argentinien Voll ins Gesicht

Die Wirtschaftskrise spitzt sich zu: Eine Hyperinflation ruiniert die große Mehrheit der Bevölkerung.
• aus DER SPIEGEL 5/1990
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der Staubsauger, unförmig wie ein Ufo, steht unbenutzbar in einer Zimmerecke, die Waschmaschine, wie zum Abtransport verpackt, rostet im Hinterhof. »Das sind unsere Museumsstücke«, erklärt Norma Ales de Gasperi. »Seit einem Jahr können wir uns keine Reparaturen mehr leisten.«

Kino- und Konzertbesuche sind für sie und ihren Mann längst gestrichen, die Speisekarte eines Restaurants hielten die beiden im vergangenen Jahr kein einziges Mal in Händen.

Dabei konnte der Mittelschullehrer Carlos Gasperi aus Avellaneda in der Provinz Buenos Aires in jüngster Zeit astronomische Geldbeträge nach Hause bringen. Anfang Januar erhielt er 209 945,64 Australes für 47 Wochenstunden Musikunterricht an fünf verschiedenen Schulen. Noch vor wenigen Monaten hätte er mit diesem Betrag eine Weltreise finanzieren können, vor einem Jahr sogar ein kleines Häuschen. Jetzt aber entspricht sein Verdienst gerade noch 200 Mark.

Statt über Noten oder den Schriften zur Musikerziehung von Carl Orff sitzt der Lehrer nunmehr abendelang über einem Taschenrechner und notiert lange Zahlenkolonnen in ein Notizbuch - die Chronik des sozialen Abstiegs: »Mein Stundenlohn reicht nicht einmal für einen Liter Benzin.«

Seine Frau weiß nicht, ob sie bis zum Monatsende überhaupt noch genügend Lebensmittel kaufen kann. »Jede Kalkulation ist sinnlos«, meint sie, »weil sich die Preise manchmal über Nacht verdoppeln.«

Nicht nur Lehrer und Angestellte, auch hohe Verwaltungsbeamte, kleine Kaufleute und Ärzte wissen in Argentinien nicht mehr, wie sie über die Runden kommen sollen. 4923 Prozent Inflation im vergangenen Jahr, verbunden mit einem Wertverlust des Austral gegenüber dem Dollar von 11 718 Prozent, treiben sie an den Rand des Existenzminimums. »Erstmals«, sagt der frühere Wirtschaftsminister Jesus RodrIguez, »trifft es auch die Mittelklasse voll ins Gesicht.«

Bedroht ist damit nicht nur »das Rückgrat des Landes, sondern ein nationaler Mythos«, so Enrique Zuleta Puceiro, Politologieprofessor an mehreren Universitäten des Landes. Anders als die übrigen lateinamerikanischen Staaten verfügte Argentinien jahrzehntelang über eine breite Mittelschicht, die sich durchaus mit dem europäischen Bürgertum messen konnte. Wirtschaft und Verwaltung boten gute Aufstiegschancen, ein solides Schulsystem drückte die Analphabetenrate auf vier Prozent.

Wirtschaftskrisen während der letzten Militärdiktatur und die Folgen des Falklandkrieges 1982 konnten die meisten Mittelstandsfamilien noch gut verkraften. Zwar zählen sich auch heute noch 75 Prozent der Bevölkerung zur Mittelschicht, »mit ihrer ökonomischen Realität hat das aber kaum noch etwas zu tun«, erklärt Zuleta. »Die meisten leben von ihren Reserven und können ihre Verarmung nur noch mit äußerster Anstrengung verbergen.«

Um die wachsende Kluft zwischen Einkommen und Preisen zu überbrücken, »arbeiteten in den beiden vergangenen Jahren unzählige Argentinier in zwei Berufen«, beobachtete der Direktor des Mieterschutz-Zentrums in Buenos Aires, Horacio Elizalde. Beamte, auch der Lehrer Gasperi, steuerten abends Taxis, Universitätsprofessoren bedienten Kunden im eigenen kleinen Geschäft. Wenn sie auch damit nicht mehr durchkamen, nahmen sie ihre Kinder aus den Privatschulen, verkauften ihr Auto und suchten sich eine kleinere Wohnung.

»Die sozioökonomische Krise vermittelt ein Gefühl des Scheiterns«, sagt Roberto Iglesias, Psychiater an der Saint-Emilien-Klinik. »Da dem Mittelstand die Anpassungsfähigkeit ärmerer Bevölkerungsschichten fehlt, haben gerade in den letzten Monaten die depressiven Erkrankungen ganz erheblich zugenommen.« Daneben häuften sich, so Iglesias, »subtile Formen des Selbstmords": Alkoholismus und Drogenabhängigkeit.

Buenos Aires, das sich einst als Paris der südlichen Erdhalbkugel feiern ließ, spiegelt die Mutlosigkeit der Bewohner. Traditionsreiche Cafehäuser wie das Molinos neben dem Nationalkongreß oder das Ideal nahe der Kinomeile Avenida Corrientes sind leer, in Kaufhäusern und Boutiquen bemühen sich oft zehn Angestellte um einen Kunden, in fast jedem Straßenzug stehen Wohnungen und Geschäfte zum Verkauf.

Noch in den dreißiger Jahren war Argentinien die achtstärkste Wirtschaftsmacht der Welt gewesen. In der Hauptstadt fuhren im Verhältnis zur Einwohnerzahl mehr Autos durch die Straßen als in London.

Der Absturz hätte kaum dramatischer sein können. Obwohl das Land noch immer zu den größten Fleisch-, Soja- und Getreideexporteuren der Welt zählt, fiel es in der Wirtschaftsrangliste auf Platz 84, gerade noch vor Panama. 60 Milliarden Dollar Auslandsschulden sind, pro Kopf der Bevölkerung, lateinamerikanischer Rekord.

Die Anzahl der Neubauten ist im Vergleich zu 1977 auf ein Zehntel gesunken, ganze Stadtviertel verfallen. Ein Autokauf sei »so illusorisch wie die Anschaffung eines Privatflugzeugs für einen Durchschnittseuropäer«, meint der Rechtsanwalt Pedro Cano.

»In diesem Land kann nur noch an Finanzgeschäften Geld verdient werden«, sagt * In seinem Taxi. Jose Luis Greco, Generaldirektor der Privatbank Buenos Aires Building Society. Wer mit den wilden Kursschwankungen des Austral umzugehen versteht, »kann bis zu 50 Prozent im Monat dazuverdienen«, behauptet der Bankchef, »und zwar in Dollar«.

Vor allem argentinische Unternehmer, die nach offiziellen Schätzungen etwa 40 Milliarden Dollar ins Ausland geschafft haben, profitieren von der Währungsspekulation: Bleibt der Kurswert des Austral kurzzeitig einigermaßen stabil, holen sie Riesenbeträge zurück und kaufen damit Austral. Die heimischen Banken zahlen dafür monatlich bis zu 600 Prozent Zinsen, um selbst liquide zu bleiben. Das Risiko lohnt, solange Inflation und Kursverfall des Austral den Zinsgewinn nicht übersteigen. »Wer aber beim Rücktausch in Dollar nur einen Tag schläft«, warnt Greco, »kann alles verlieren.«

Kleine Anleger wachen oft zu spät auf. Im Vertrauen auf Regierungsversprechen, den Austral nicht weiter absacken zu lassen, brachte etwa Jose Wachtel, pensionierter Geschäftsführer einer Fabrik für Plastikverarbeitung, im Februar 1989 nach einem Uruguay-Urlaub 20 000 in Montevideo angelegte Dollar nach Buenos Aires.

Es war der falsche Augenblick: Schon nach drei Tagen hatte er 70 Prozent seiner Ersparnisse verloren und muß jetzt mit seiner kärglichen Rente von 135 000 Australes im Monat (130 Mark) auskommen.

Mit Notstandsverordnungen versucht Präsident Carlos Menem, Krise und Inflation in den Griff zu kriegen. Die Maßnahmen, verspricht er seinen Anhängern, sollen vor allem das »Spekulations-Argentinien« treffen. Doch in den vergangenen Wochen standen immer wieder weinende Kunden an den Bankschaltern, weil ihre Festgeldkonten zwangsweise in langfristige Dollar-Staatsanleihen umgewandelt wurden und sie nur eine Million Australes (850 Mark) aus ihren Spareinlagen abheben durften. »Ich bin praktisch blind«, klagte etwa der Angestellte Jose Alberto Iza, »wie soll ich jetzt meine Augenoperation bezahlen?«

»Menems Dekret hätte vielleicht im vergangenen Jahrhundert eine Hyperinflation gebremst«, kritisiert Ex-Wirtschaftsminister RodrIguez, »uns wird sie aber in eine Hyperrezession führen.« Seit September des Vorjahres ging die Industrieproduktion bereits um 14,2 Prozent zurück, bei manchen Konsumgütern sank sie sogar auf die Hälfte.

»Wenn wir so weitermachen«, befürchtet der Ökonom Jorge Vasconcelos von der Fundacion Mediterranea, einem Forschungsinstitut des Außenministers Domingo Cavallo, »werden wir in fünf Jahren nur noch für das Rote Kreuz existent sein - genau wie viele afrikanische Länder heute.«

Mit solchen Perspektiven wollen vor allem die jungen Argentinier nicht leben. Die Hälfte der Altersgruppe unter 25 Jahren möchte das Land verlassen, das oft erst für ihre Eltern zur Heimat wurde. Seit Spanien eine Einwanderung praktisch unmöglich gemacht hat, stehen täglich lange Schlangen von Ausreisewilligen vor dem italienischen Generalkonsulat an der Plaza Libertad. Manche Antragsteller suchen auf Friedhöfen nach den Gräbern ihrer europäischen Vorfahren, um einen Paß im Mutterland der Ahnen ausgestellt zu bekommen.

»In vielen Bereichen ist unsere Situation mit der in der Weimarer Republik vergleichbar«, sagt der Politikwissenschaftler Natalio Botana, »aber das politische Bewußtsein ist aufgrund der schlimmen Erfahrungen mit der Militärdiktatur besser entwickelt.« Noch immer findet die Demokratie bei Meinungsumfragen starke Unterstützung in der Mittelschicht - trotz der erbärmlichen Wirtschaftslage.

Wie lange das Land noch ruhig bleibt, weiß niemand. Überfälle auf Supermärkte wie im vergangenen Jahr hält der Bischof von Quilmes, Jorge Novak, jederzeit für möglich: »Die Leute sind verzweifelt.« Um Plünderer aufzuhalten, haben zahlreiche Händler in San Miguel, einem Arbeiterviertel von Buenos Aires, ihre Geschäftseingänge bis auf einen kleinen Spalt zugemauert. Privatpolizisten patrouillieren schwerbewaffnet in den Gängen neuer Lebensmittelmärkte.

Wenn es in den Armenvierteln am Rand der Städte zu Revolten kommt, dann könnte auch der Ruf nach Putschgeneralen wieder laut werden, sagt der Politologe Zuleta. »Die Stimmung kann sehr schnell umschlagen.«

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