Voll verkabelt - DER SPIEGEL
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MILITÄR Voll verkabelt

Designer entwerfen für Infanteristen die Kampfmontur der Zukunft - satellitengesteuert und vollklimatisiert.
Von Alexander Szandar
• aus DER SPIEGEL 29/2000
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

So ist der Alltag im Manöver: Auf das Kommando »Absitzen!« stürmen Soldaten im Tarnanzug aus dem Schützenpanzer, werfen sich in den Matsch unterm nächsten Gebüsch. »Es ist kein Mensch, es ist kein Tier, es ist ein Panzergrenadier«, reimt die Truppe hämisch über den gemeinen Infanteristen.

Demnächst wird der Grenadier eher wie ein Kampfroboter aussehen. Militär-Designer mehrerer Nato-Staaten konstruieren gerade den Infanteristen der neuen Art: Aus der schwitzenden Gestalt im Drillich soll das »System Soldat« werden - ausstaffiert mit teurer Elektronik, leicht gepanzert und voll verkabelt.

Für Kriege und Friedenseinsätze wie auf dem Balkan bedarf der Infanterist rasch der Modernisierung, zumindest meint das die Nato: Mobiler soll der Soldat werden und sich in der Fremde leichter zurechtfinden, mehr Überlebenschancen soll er bekommen und länger durchhalten.

Vor allem aber geht es um erhöhte »lethality": So heißt im Nato-Englisch die Fähigkeit, schneller und besser töten zu können. Bei der Bundeswehr wird die »lethality« gern als »Durchsetzungsfähigkeit« verniedlicht.

13 Nato-Länder und Australien stellten jetzt bei einer Militär-Modenschau im niederländischen Bergen op Zoom Entwürfe für Zukunftssoldaten vor, als Puppe oder am lebenden Objekt. Es war die Show der krassen Kontraste: Die Griechen wären wohl schon zufrieden, könnten sie ihre Männer bis 2010 mit regenfesten Jacken und Stiefeln ausrüsten. Die Dänen zeigten bescheiden neue Uniformen, Rucksäcke sowie ein »Schlafsystem« - mit Iso-Matte und wasserdichtem Schlafsack.

An der Spitze der Moderne marschierte, wie üblich, die technikvernarrte U. S. Army. Stolz pries sie ihren »Soldier 2025« an - im Astronauten-Look, wie aus dem Videospiel. Er trägt einen Mini-Raketenwerfer auf dem Unterarm, der Kopf steckt im kugelsicheren Helm samt Satellitenfunk und Display für Landkarten und Aufklärungsfotos: »So erfährt der Soldat, wo er ist, wo der Feind ist, wo seine Kameraden sind und«, so der Werbetext, »was er tun soll.«

Der Anzug dient als Antenne und Klimaanlage; der Helm schützt vor Chemiewaffen, Laserstrahlen und Granatsplittern. Sensoren in der Kluft erfühlen, ob der menschliche Inhalt munter oder übermüdet ist - notfalls alarmieren sie den Feldarzt. Passend zum Gefechtsfeld changiert der Chamäleon-Dress seine Farben - grün für die Heide, steingrau für den Häuserkampf.

Nichts von den Gerätschaften ist einsatzreif. »Mond-Soldaten«, höhnte denn auch ein deutscher Gast. Süffisant ließ die British Army wissen, sie brauche keinen »Hightech-Schnickschnack, der beeindruckend aussieht, aber im Nahkampf nichts bringt«.

Der neue Bundeswehr-Generalinspekteur Harald Kujat ist hin- und hergerissen: Der Luftwaffen-Mann spürt zwar eine »gewisse Belustigung«. Aber er gibt auch zu bedenken, dass sich aus »mancher vermeintlichen Spinnerei brauchbares Material entwickeln kann - und sei es Jahrzehnte später«.

Dabei haben die eigenen Leute genug Flausen im Kopf. Denn im »System Infanterist«, das die deutsche Infanterieschule in Hammelburg mit Rüstungskonzernen wie DaimlerChrysler Aerospace entwickelt, steckt viel Wunschdenken und Firmenreklame, aber wenig truppentaugliche Realität.

Das beginnt beim knopfkleinen Funkgerät, das der Landser in Matsch und Regen nutzen soll, um mit dem Vorgesetzten zu sprechen. Eine elektronische Landkarte samt GPS-Satellitennavigation in handlichem Gehäuse soll helfen, die eigene Position und die der Gegner zu bestimmen - und Zieldaten gleich weiterfunken, beispielsweise an die Artillerie.

Im Datenwirrwarr des digitalen Gefechtsfelds riskiert der Infanterist Beschuss von den eigenen Kameraden. Denn die Artillerie, spottet die Truppe, »kennt weder Freund noch Feind, sondern nur lohnende Ziele«.

Deswegen sollen Laser-Geräte ertasten, ob da Freund oder Feind im Gelände steht, und in welcher Entfernung. Noch sind dazu fünf getrennte Apparate nötig. Daraus soll ein »Multifunktions-Laser« werden. Sonst müsste der Soldat noch mehr schleppen. Er trägt ohnehin einen ziemlich schweren Splitterschutz am Leib, und für den Nachtkampf kommt noch ein Wärmebildgerät ins Sturmgepäck.

Irgendwie müssen die schlauen Apparate auch mit Strom versorgt werden: Dazu wird der Soldat nicht nur verkabelt, er braucht - Zusatzaufgabe für den Nachschub - immerzu neue Batterien. Es sei denn, er schnallt sich eine Brennstoffzelle samt Methanoltank als mobiles Kraftwerk auf den Rücken, wie es die Niederländer planen.

2005 soll das »System Infanterist« einsatzreif sein. Altgediente Heeresleute im Verteidigungsministerium zweifeln indes, ob der gemeine Gebirgsjäger oder Panzergrenadier die Ausrüstung im Kampfstress unter Todesangst richtig verwenden wird. Auch der neue Infanterist sei keine Kampfmaschine: »Wir dürfen die Leute physisch und psychisch nicht überfordern«, mahnt ein Planungsgeneral. »Außerdem dienen bei uns bekanntlich nicht gerade die Hellsten.« ALEXANDER SZANDAR

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