Lesegeräte Volles Rohr
Die Anklageschrift umfaßt 1207 Seiten; die Prozeßakten, rund 10 000 Seiten, füllen noch einmal 40 Ordner. »Soviel Stoff«, stöhnt Volker Kirch, Strafverteidiger in Hanau, »und man weiß nie genau, was davon wirklich gebraucht wird.«
Kirch, der einen der Hauptbeschuldigten im Hanauer Transnuklear-Prozeß vertritt, ist Computerfan. So keimte in ihm der Wunsch, der Papierflut mit High-Tech beizukommen: Ein Personalcomputer, so seine Idee, müßte den Akteninhalt automatisch, ohne aufwendiges Abtippen, speichern und später im Gerichtssaal auf Abruf blitzschnell die richtigen Stellen ausgeben können.
Steckdose und einen Extratisch für seinen tragbaren PC samt Drucker hatte sich der Anwalt vom Richter schon genehmigen lassen. Doch die Suche nach einem geeigneten Verfahren zum elektronischen Einlesen in den Computer (Fachjargon: »Scannen") geriet zur regelrechten Odyssee durch den EDV-Fachhandel. »Auf diesem Gebiet«, hat Rechtsanwalt Kirch gelernt, »pfuschen jede Menge Dilettanten 'rum.«
Für Laien ist der Markt der optischen Texterkennungssysteme ("Optical Character Recognition«, OCR) schwer zu durchschauen. Büroarbeiter, Wissenschaftler und Freiberufler träumen davon, ihren Computer direkt mit Buchstaben und Zahlen vom Blatt füttern zu können. Doch Marktkenner wie Klaus Küchler vom Münchner Fachgroßhandel »Macrotron« warnen: »Da wird viel Mist verkauft.«
Der »Scanner« ist eine der Grundausstattungen von OCR-Systemen, er dient gleichsam als Auge des Computers. Zeile für Zeile, wie bei einem Fernkopierer, tasten optoelektronische Sensoren die von einer Lichtquelle angestrahlte Papiervorlage ab und dröseln sie in winzige Bildpunkte auf, die dann als computergerechte Daten an den PC weitergeleitet werden.
Die Lesegeräte gibt es in zwei Grundversionen: *___Bei den größeren Tischscannern, die Kopiergeräten ____ähneln, wird die Vorlage auf eine Glasplatte gelegt. ____Mit automatischem Einzug können ganze Papierstapel ____abgearbeitet werden. Anschaffungspreis: mindestens 2000 ____Mark. *___Die schmalen Handscanner werden schon ab 200 Mark ____angeboten, haben aber auch eine geringere Auflösung. ____Sie sehen aus wie kleine Batteriestaubsauger ____(Lesebreite: rund zwölf Zentimeter) und müssen vom ____Benutzer selbst spaltenweise über das Papier geführt ____werden; Computerprofis sprechen von ____"Datenstaubsaugern«.
Daß Scanner nun auch für PC-Benutzer erschwinglich geworden sind, liegt vor allem am Fax-Boom der letzten drei Jahre. Rapide sanken dadurch die Herstellungskosten der sogenannten CCD-Sensoren ("Charge Coupled Device"), mit denen die Einlesegeräte ihre Vorlagen abtasten.
So wurde das Geschäft mit den Lesemaschinen kräftig angeschoben. Fortan würden Scanner, meinte etwa der US-Branchenbeobachter Andrew Seybold, die Büroarbeit »stärker verändern als jedes andere Produkt in den letzten Jahren«.
Besonders optimistisch äußerten sich auch die britischen Marktforscher »Frost & Sullivan«; sie schätzen, der Scanner-Umsatz in Europa könne von derzeit rund 33 Millionen Dollar auf 340 Millionen Dollar im Jahr 1993 anwachsen - vorausgesetzt, die Lesegenauigkeit der Systeme läßt sich weiter verbessern. Ohne komplexe Programme, mit denen die übermittelten Daten auch im Computer verwertet werden können, sind Scanner nicht zu gebrauchen.
Bislang werden die Geräte - etwa von Werbeagenturen, Planungsbüros oder Satzstudios - vor allem dazu angeschafft, Bilder und Texte in den PC zu transportieren und dort grafisch zu bearbeiten.
So ist es beim Scanner-Einsatz im sogenannten Desktop Publishing nicht nötig, daß der PC die Vorlage auch »versteht«. Sie wird einfach als Computergrafik behandelt - wofür es genügend geeignete Programme gibt.
Tönende Werbesprüche könnten frustrierte Vielschreiber und gehetzte Freiberufler allerdings auch dazu verführen, sich Einlesegeräte für einen ganz anderen Zweck zuzulegen: zur Textverarbeitung.
Das lästige Abtippen von umfangreichen Texten, Buchstabe für Buchstabe, Wort für Wort, könne sich mit dem Scanner, so hoffen sie, von selbst erledigen. Schon wollen »40 Prozent aller Kunden«, wie Klaus Küchler von der Firma »Macrotron« berichtet, zum Scanner »auch noch die Texterkennungs-Software«.
Solche OCR-Programme dienen gleichsam als »Lesebrille« für den PC, dem das bloße grafische Abbild einer Textvorlage noch gar nichts über ihren Inhalt sagt: Der Rechner benötigt Buchstaben und Zeichen, wie sie ihm gewöhnlich über die Tastatur eingegeben werden. Die OCR-Software versucht deshalb, die einzelnen Buchstaben und Zeichen auf dem Dokument zu identifizieren.
Um die Zeichen - in verschiedenen Schriftarten und -größen - zu erkennen, werden zwei unterschiedliche Verfahren angewandt. Bei der vergleichsweise simplen Mustererkennung ("Pattern Recognition") gleicht das Programm die Vorlage mit abgespeicherten Zahlen- und Buchstabenformen ab, auf die es vorher gewissermaßen erst »trainiert« werden muß.
Die komplexeren Systeme zur sogenannten Merkmalserkennung ("Feature Recognition") andererseits suchen, ohne dabei an bestimmte Schriftarten gebunden zu sein, nach typischen Eigenarten von Buchstaben und Zahlen. Beim großen »B« beispielsweise wären das ein senkrechter Strich und zwei Halbkreise.
Wenn die Vorlage es zuläßt, kommt manches Texterkennungssystem schon auf Trefferquoten von über 99 Prozent. Dabei unterscheiden sich OCR-Programme für Handscanner (ab 300 Mark) und für Tischgeräte (ab 2000 Mark) deutlich in Preis und Leistung.
Wer »nur gelegentlich« mal eine Textpassage aus der Zeitung in seinen PC transferieren wolle, meint Paul Hörbelt von der Hamburger EDV-Firma »Prisma«, sei »mit dem Handscanner gut bedient«. Denjenigen aber, »die mit solchem Gerät volles Rohr professionell Texte einlesen wollen«, so Hörbelt, »muß man sagen: Das ist Banane«.
Von »Zuverlässigkeit, die Herrn Dr. Duden erfreuen würde«, wie ein Hersteller seinen Handscanner rühmt, kann selbst bei größeren Systemen noch keine Rede sein: *___Besonders schwer tut sich die OCR-Software mit den ____sogenannten Grotesk-Schriften - die Programme haben ____Probleme, etwa »l«, »I« und »1« zu unterscheiden. *___Zeichen in fremden Sprachen beherrscht die Software ____bislang nur mangelhaft. Vor allem amerikanische ____OCR-Produkte scheitern notorisch an den europäischen ____Sonderzeichen, sie lesen in deutschen Texten etwa ein ____"ß« gern als »B«. *___Viel hängt von der Beschaffenheit der Vorlage ab, vor ____Schmutzflecken oder Knicken beispielsweise muß das ____System kapitulieren. Bei Umweltschutzpapier, Gefaxtem ____oder Originalen aus dem Nadeldrucker steigt die ____Fehlerquote leicht auf fünf Prozent - macht pro ____Din-A4-Blatt 100 Zeichen und mehr, die nachträglich ____mühsam korrigiert werden müssen; das erfordert mehr ____Arbeit, als gleich das Orginal abzutippen.
Oft zeitraubender als die Fehlerbeseitigung ist es jedoch, den angefallenen Datenhaufen anschließend zu ordnen.
Noch weit mehr Aufwand als das Scannen, so lernte Strafverteidiger Kirch, würde es kosten, die Texte des Aktenkonvoluts für eine Datenbank aufzubereiten. Wenn der PC jedesmal die ganzen 12 000 Seiten hätte durchsuchen müssen, wäre das kein großer Fortschritt gewesen.
Der Anwalt entschied sich gegen eine Karriere als EDV-Experte. Kirch hat seinen Traum vom papierlosen Prozeß begraben und ist zum bewährten Aktenwagen zurückgekehrt. o