Taslim Begum Sadiq warf den breiten Baumwollschal über Kopf und Schultern, ohne den ihr Bruder sie nicht ausgehen ließ. »Wer weiß, wann wir uns wiedersehen«, sagte die junge Frau zu Mutter und Schwester und machte sich auf den Weg zur Arbeit.
Die Reihenhaus-Siedlung, in der die Familie wohnt, liegt auf einer Anhöhe oberhalb einer der vielen stillgelegten Textilfabriken Bradfords. Fast alle Bewohner der Fitzroy Road stammen aus derselben Gegend in Pakistan: aus Mirpur, einem ländlichen Distrikt Kaschmirs. In den fünfziger und sechziger Jahren verließen dort die Männer zu Tausenden ihre Heimatdörfer, um im Norden Englands als Kammgarnspinner zu arbeiten. Sie holten auch dann noch Frauen und Verwandte nach, als die Fabriken zu schließen begannen.
Viele Familien sind weitläufig mit Taslim verwandt. Nichts entgeht dieser Nachbarschaft - auch nicht der schreckliche Unfall, der in Wahrheit ein kaltblütiger Mord war.
Um die Mittagszeit steuerte ein roter Toyota Carina auf Taslim zu, erfaßte sie und setzte dann noch einmal über den leblos am Boden liegenden Körper vor und zurück. Das Opfer war so zerquetscht, daß Mutter und Schwester es an Ringen und Armbanduhr identifizieren mußten. Der Wagen, mit dem Taslim getötet wurde, war auf den eigenen Bruder zugelassen. Doch niemand von denen, die sonst alles sehen, will den Täter erkannt haben.
»Hätte es nicht gereicht«, zischeln Augenzeugen, »ihr die Beine zu brechen?« Hinter den Mauern ihrer Backsteinhäuser debattieren die Anwohner erregt über den Tod der 20jährigen. Mehr noch als das Verbrechen stört sie das Licht, in dem der Mord sie selbst erscheinen läßt. Seit der Bradforder Rat der Moscheen vor sieben Jahren öffentlich die »Satanischen Verse« von Salman Rushdie verbrennen ließ, steht die Industriestadt mit ihrer 50 000köpfigen Moslemgemeinde im Ruf, eine Brutstätte des islamischen Fundamentalismus mitten in Großbritannien zu sein.
Taslim, soviel ist klar, mußte sterben, weil sie gegen die Gesetze aufbegehrte, nach denen die Clans aus Kaschmir leben. In der Wahlheimat niemals heimisch geworden, hält die erste Generation der Einwanderer strikter als die Zurückgebliebenen an der Ordnung ihrer Dörfer fest, in denen Frauen hinter Lehmmauern leben und Söhne Koranschulen besuchen. Aus Fleischerläden machten sie Halal-Metzger, aus Kirchen Moscheen - sie schufen in der Fremde die Welt wieder, in der sie sich sicher fühlen und mit der sie ihre Kinder vor westlichen Einflüssen schützen wollen.
Die Söhne, von denen viele keine Arbeit mehr finden, bilden eine verschworene Gemeinschaft mit der Generation der Väter, wenn ihnen die Kontrolle über die Frauen zu entgleiten droht. So wird der Tod des Mädchens Taslim zur Familienangelegenheit erklärt. Die Mordkommission, die mit der Untersuchung beauftragt ist, trifft auf eine Mauer der Verschwiegenheit.
Selbst jene jungen Männer bleiben stumm, die wenige Wochen zuvor mit Pflastersteinen und Benzinbomben durch das Rotlichtviertel der Stadt gezogen waren, weil »zwei Polizisten eine unserer Frauen mißhandelt hatten«, wie einer ihrer Sprecher zu Protokoll gab. Der Fall Taslim ist den selbsternannten Wächtern über Anstand und Moral keine Protestkundgebung wert. Das Mädchen, so tuscheln die Nachbarn, habe ihre Familie entehrt.
Wie viele ihrer Altersgenossinnen, die zwar in England geboren, jedoch nach den strengen Regeln einer Tausende Kilometer entfernten Kultur erzogen wurden, lebte Taslim in zwei Welten: Im Unterricht erfährt sie, daß englische Textilarbeiterinnen im letzten Jahrhundert bereits für Frauenrechte auf die Straße gingen. Zu Hause verbietet ihr der Bruder jeden Ausgang, oft sogar den Schulbesuch. Er glaubt, im Unterricht werde sexuelle Freizügigkeit gelehrt, und fürchtet, der Umgang mit nichtmoslemischen Lehrern und Schülern könne Taslim verderben.
Während das Mädchen von romantischer Liebe zu träumen beginnt, wie ihre Klassenkameradinnen erzählen, hat der Bruder längst einen Ehevertrag mit einem in Kaschmir lebenden Cousin des Schwagers abgeschlossen. Und weil die Verfügungsgewalt über eine heiratsfähige Pakistanerin mit britischem Paß von unschätzbarem Wert für sein Ansehen in der Großfamilie ist, wacht er argwöhnisch über die schwesterliche Jungfräulichkeit. Taslim ahnt nichts von den Heiratsplänen. Wenn der Bruder spätabends noch hinter der Theke seines Curry-Schnellimbisses steht, flüchtet sie zu ihrer besten Freundin. Bei der hat sie Lippenstift und Jeans deponiert - der Eintritt in ein verbotenes Reich.
Als ihr Bruder Flugtickets nach Islamabad kauft, weil angeblich eine Nichte zur Hochzeit eingeladen hat, schöpft sie keinen Argwohn. Erst als sie in Pakistan ankommt, wird ihr klar, daß sie zu ihrer eigenen Vermählung angereist ist.
Taslim wußte, daß in ihrem Bekanntenkreis kaum eine Frau aus Liebe heiratete. Auch ihre Cousinen fügten sich in arrangierte Ehen. Während britische Altersgenossinnen in Kneipen und an Straßenecken mit ihren Freunden knutschten, wagten die asiatischen Mädchen nicht einmal, sich offen mit Jungs zu treffen. Und obwohl viele keck erklärten, sie würden sich den Mann fürs Leben selbst aussuchen, hatten die wenigsten die Kraft, sich der Entscheidung der Eltern zu widersetzen.
Gelegentlich präsentierten die Eltern ihren Töchtern eine Auswahl an Auserwählten. Meist aber entschieden sie sich für einen Brauch, der in den Anfangsjahren der Einwanderung unvermeidbar war: Sie suchten Partner in Pakistan. Die Angst junger Frauen, in eine Ehe _(* Im Januar 1989 in Bradford. )
mit einem Mann aus der fremden Heimat gezwungen zu werden, war häufig Thema von Leserbriefen in asiatischen Jugendmagazinen. Taslim aber hatte, da ihre Familie zu den größten in Bradford zählte, darauf vertraut, eines Tages einem ihrer in England aufgewachsenen Vettern angetraut zu werden.
Nach Mirpur gelockt, muß sie plötzlich begreifen, daß auch sie nur ein Faustpfand im Beziehungsgeflecht ihrer Großfamilie ist: ein Mädchen mit einem britischen Paß, das mit seinem Ja-Wort den Wohlstand des Clans mehren und ihren neuen Verwandten die Einreise nach England ermöglichen kann.
Taslim ist 17 und hat nicht einmal die Schule abgeschlossen, als sie, ganz in Rot und mit einem goldenen Amulett auf der Stirn, dem Auserwählten zugeführt wird. Mit diesem Tag beginnt das Drama, das drei Jahre später blutig enden sollte. Denn die Braut verweigert sich.
Vergebens versucht der Bruder, ein vernehmliches Ja aus ihr herauszuprügeln. Der Mufti vollzieht die Trauung ohne ihr Einverständnis. Außer den Verwandten sind keine Zeugen anwesend. Um den Vollzug der Zwangsehe zu verhindern, schluckt Taslim noch in der Hochzeitsnacht Schlaftabletten. Fortan leben die beiden Frischvermählten von Tisch und Bett getrennt.
Einer Schicksalsgenossin, die sie aus Bradford kennt und die in einem Dorf nahe Islamabad lebt, beschreibt sie ihr Leid in aufbegehrenden Briefen: »Sollten wir jemals nach England zurückkehren, werde ich zu Hause ausziehen, jemanden heiraten, der mir gefällt, und Sozialarbeiterin werden. Ich will ein für allemal aufräumen mit diesen erzwungenen Ehen.«
Anderthalb Jahre führt Taslim im Dorf des ungeliebten Mannes das Leben einer Außenseiterin. Sie schminkt sich, schneidet die Haare kurz und trägt ihren Schal locker um den Hals geworfen. Erst als Bruder und Ehemann klar wird, daß sie in Pakistan für sie wertlos ist, händigen sie ihr ihren britischen Paß aus. Sie soll nach England reisen, um von dort die Einbürgerung ihres Mannes zu betreiben. Doch einmal zurückgekehrt in das sandfarbene Haus in der Fitzroy Road, weigert sie sich hartnäckig, den Antrag zu stellen.
Im Gemeindezentrum ihres Viertels, wo sonntags ein offener Gesprächskreis stattfindet, läßt sie sich moralisch aufrüsten. Das Selbstbewußtsein, mit dem die moslemischen Diskussionsleiterinnen »universales Handeln gegen die Gewalt gegen Frauen« einklagen, beeindruckt sie so sehr, daß sie lernt, den Koran auch zu ihrer Waffe zu machen.
Denn die islamische Rechtsordnung empfiehlt, eine Frau nur mit ihrer Zustimmung zu verheiraten; der Partner hat ebenbürtig zu sein. Derart bestärkt, wirft Taslim dem Bruder vor, die Religion für eigennützige Zwecke zu mißbrauchen. Der bricht ihr daraufhin im Streit den Arm. Im Krankenhaus erklärt Taslim, sie sei gestürzt. Als der Bruder droht, sie nach Pakistan zurückzuschicken, ergreift sie die Flucht.
Ihr Helfer ist ein Inspektor namens Phillip Balmforth. Während andere weiße Sozialarbeiter im Interesse multikultureller Völkerverständigung lieber die Intoleranz tolerieren, als den Vorwurf rassistischer Einmischung auf sich zu ziehen, ist Balmforth für viele pakistanische Mädchen in bedrohlicher Lage die letzte Rettung. Er bekennt sich zu der Überzeugung, daß fremde kulturelle Gepflogenheiten keinen Vorrang vor dem britischen Gesetz haben dürfen. Und das verbietet nun einmal Nötigung.
Über hundert junge Frauen, die in die Ehe gezwungen oder geprügelt werden sollten, hat Balmforth im vorvergangenen Jahr mit einer sicheren Unterkunft versorgt; 144 baten ihn im vergangenen Jahr diskret um Hilfe. Die wenigsten Mädchen wagen den Schritt an die Öffentlichkeit. Denn ein paar Tage im Frauenhaus können ihren Ruf auf immer ruinieren.
Sobald Balmforth sich vergewissert hat, daß Taslim keine jugendliche Ausreißerin, sondern eine bedrohte Frau ist, handelt er schnell und mit größter Geheimhaltung. Denn er weiß aus Erfahrung, daß die Väter und Brüder alles daransetzen, die Geflohenen aufzuspüren. Als Taslim sich an den Inspektor wendet, hat der gerade ein 18jähriges Mädchen aus einem Speicherverlies befreit. Ein Zettel mit einem Hilferuf, aus dem Dachfenster geworfen, hatte den Fall ans Licht gebracht. Balmforth rät Taslim, ihre Koffer nicht in Anwesenheit des Bruders zu packen, und organisiert eine Unterkunft.
Fortan lebt die junge Pakistanerin zwar unbehelligt, doch in ständiger Sorge, entdeckt zu werden. In der ganzen Stadt läßt der Bruder nach ihr suchen. Vier Dutzend Verwandte sind als Späher ausgeschwärmt. Nur wenn es ihnen gelingt, das Mädchen schnell ins Elternhaus zurückzubringen, hält sich die Schmach für die Familie in Grenzen.
Frauenhäuser genießen keinen guten Ruf in Bradfords asiatischer Gemeinde. Man hält sie für Freudenhäuser, für Orte, an denen junge Mosleminnen kurze Röcke tragen und nächtliche Diskothekenbesuche planen.
Einer, der den geheimen Zufluchtsorten für untergetauchte Frauen mit Eifer nachspürt, ist Tahir Mahmud, der Star unter den »Beutejägern«, wie die Mädchen die auf sie angesetzten Häscher nennen. Selbst Familien aus Birmingham, Glasgow oder London heuern den Zweizentnermann an, um ihre entlaufenen Töchter wiederzubekommen. Als Taxiunternehmer verfügt er in Bradford über genug Fahrer, die sich als Kundschafter betätigen können.
Mahmud stellt sich als Schnüffler aus Besorgnis dar: Er behauptet, die unerfahrenen Geschöpfe vor dem sozialen Absturz bewahren zu müssen, den das Verlassen der Familie nach sich ziehe. Dank bester Beziehungen in Banken und Sozialämtern gelingt es ihm häufig, die Flüchtigen über ihre Sozialversicherungs- oder Kontonummern zu orten. Sein Gegenspieler Balmforth hat deshalb inzwischen Anweisung gegeben, jeden zu überprüfen, der Zugang zu diesen Daten hat.
Mahmud legt großen Wert auf die Feststellung, daß er den Aufenthaltsort eines davongelaufenen Mädchens nie ohne dessen Einwilligung an die Eltern melde. Seine Taktik ist einschüchtern, ohne Gewalt anzuwenden. Doch bei Taslim richten er und seine Helfer mit subtilen Drohungen ebensowenig aus wie mit dem Angebot zu schlichten. Taslim ist entschlossen, ihren Karrieretraum zu erfüllen: Sozialarbeiterin.
Am Ende muß sie doch jemand verraten haben, denn Taslim bekommt plötzlich Anrufe von Mutter und Schwester. »Wenn sie dich anflehen und anschreien und dir nicht zuhören wollen, leg den Hörer auf«, empfiehlt ihre Betreuerin. Dutzende Male befolgt Taslim diesen Rat, doch auf Dauer hält sie dem Druck nicht stand - vor allem, weil man ihr eine verlockende Zusage macht: Wenn sie zurückkehre, verspricht die Schwester, werde die Familie ihr erlauben, die Scheidung einzureichen.
Abermals packt Taslim ihre Koffer und zieht in das Reihenhaus an der Fitzroy Road zurück. Eine Freundin warnt sie, daß die Schwester nicht die Autorität haben werde, ihr Versprechen gegen den Willen der Männer durchzusetzen. Es sei besser, einen älteren Verwandten um Vermittlung zu bitten. Aber Taslim vertraut auf die britischen Gesetze.
Zu spät erkennt sie, daß die ihr nicht helfen. Schon kurz nach der Rückkehr droht der Bruder, sie umzubringen; der Ehemann will in die Scheidung nur nach seiner Einbürgerung in Großbritannien einwilligen. Um dem Alptraum zu Hause zeitweise zu entkommen, nimmt die Geächtete einen Job in einem Supermarkt an und lernt dort einen Jungen kennen, der ihr gefällt. Die Freundin erzählt, Taslim habe mit ihr Pläne für eine Doppelhochzeit geschmiedet. Sie habe ihr Elternhaus erneut verlassen und mit ihr zusammenziehen wollen.
Am Morgen ihres Todestags hat sie der Mutter angekündigt, sie werde bald fortgehen, für immer.
Der Hauptverdächtige der Tat, Taslims Schwager, sitzt in Untersuchungshaft und wartet auf seinen Prozeß. Er wird auf nicht schuldig plädieren. Y
Die Mordkommission trifft auf eine Mauer der Verschwiegenheit
Vergebens versucht der Bruder, ein Ja aus ihr herauszuprügeln
Zu spät erkennt Taslim, daß die britischen Gesetze ihr nicht helfen
* Im Januar 1989 in Bradford.